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Marburg „2022 läuft der Laden wieder“
Marburg „2022 läuft der Laden wieder“
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10:58 27.09.2020
Konzerte wie dieses mit der Kurhessischen Kantorei Marburg werden auf unabsehbare Zeit nicht möglich sein. Quelle: Michael Hoffsteter/Archiv
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Marburg

Singen macht glücklich, und deshalb ist Singen gesund. Eigentlich. Aber in Zeiten einer Corona-Pandemie eben nicht. Beim Singen werden mehr Aerosole und Tröpfchen ausgestoßen, die Viren enthalten könnten, als beim normalen Sprechen.

Chöre und Gesangvereine haben noch ein Problem: In fast allen Chören singen Menschen, die Risikogruppen angehören. Deshalb sind seit Monaten viele Chöre zum Schweigen verdammt. Nur ganz vorsichtig und unter strengen Hygienevorgaben wagen sie sich wieder an das, was ihnen Spaß macht: ans Singen.

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Uwe Maibaum ist Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und als solcher „Herr“ über 518 Gospel-, Kirchen- und Kinderchöre sowie große Kantoreien und über 258 Posaunenchöre mit insgesamt rund 16.900 Mitgliedern.

Er leitet sie natürlich nicht alle selbst, ist als Fachaufsicht aber zuständig für die kirchlichen Kantorinnen und Kantoren und Hunderte neben- und ehrenamtliche Kirchenmusiker. Und in Marburg leitet er selbst die Kurhessische Kantorei – mit rund 90 Mitgliedern ist sie einer der großen Oratorienchöre in Marburg.

Chorverbände fordern neue Konzepte

Maibaum hat Gutachten zu Corona und Chormusik studiert, Hygieneverordnungen mit vorbereitet und er versucht, den Choralltag ganz allmählich wieder aufzubauen. Mit Blick auf seine Erfahrungen sagt er: „Ich rechne damit, dass das normale Chorleben frühestens im Herbst 2021 wieder beginnen kann.“ Er bleibt – bei allen Sorgen – optimistisch: „2022 läuft der Laden wieder.“

Das ist eine lange Durststrecke – vor allem für die vielen Gesangvereine und Chöre im Landkreis. Nach Informationen der Kreisverwaltung gibt es in den 190 Orten des Kreises mehr als 380 Chöre und Gesangvereine.

Derzeit ist nicht absehbar, ob wirklich alle die Corona-Pandemie überleben werden, weil auch dort viele Frauen und Männer singen, die Risikogruppen angehören. Ohne Konzerte und Feste fehlen den Chören zudem Einnahmen. Und die Chorleiter müssen bezahlt werden. Es ist ein Teufelskreis. Mit den Gesangvereinen würden wichtige Kulturbausteine in Dörfern und Städten wegbrechen, da die Gesangvereine nicht nur eine kulturelle Aufgabe haben sondern auch wichtige soziale Funktionen erfüllen.

Bundesweit fordern Chorverbände die deutschen Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen der Länder auf, neue Konzepte zu entwickeln, die allen Sängerinnen und Sängern die Möglichkeit geben, sich auch nach Ende des Sommers und der Freiluftsaison in Innenräumen weiter zu treffen und gemeinsam zu singen. Betroffen von den Einschränkungen sind bundesweit rund 15.000 Chöre mit mehr als einer Million Chorsängerinnen und -sängern.

Großprojekt liegt auf Eis

Manche Chöre haben sich im Sommer mit Proben im Freien beholfen. Doch das ist oft nur ein Notnagel. Ein Chorklang wie in geschlossenen Räumen gelingt da nicht, zumal auch bei diesen Proben strenge Abstandsregeln gelten, die die Proben enorm erschweren.

Uwe Maibaum hat mit seinen gut geschulten Sängerinnen und Sängern verschiedenste Modelle ausprobiert: Online-Proben, Proben im Freien. „Freiluftproben sind für manche Chöre eine gute Sache, für uns nicht“, sagte er der OP. 20 Konzerte in kleinen Chorgruppen bis 1. Januar

Die Corona-Pandemie hat auch die Kurhessische Kantorei schwer getroffen. Eigentlich würde der große Chor seit Wochen für ein Großprojekt proben: die Aufführung von Benjamin Brittens „War Requiem“, die für den 15. November vorgesehen war. „Es war unser bislang mit Abstand größtes Projekt mit Ausstellungen, mit Vorträgen, mit Schulkontakten“, sagt Maibaum. Organisiert hatte er es gemeinsam mit der Projektmanagerin Almuth Westecker.

„Wir müssen Optimismus zu den Chören bringen“

Das „War Requiem“ ist gestrichen. Doch Maibaum hat inzwischen rund 20 kleinere Konzerte wie die „Marburger Marktmusik“ bis zum 1. Januar entwickelt. Am kommenden Sonntag beispielsweise singt die Kurhessische Kantorei um 18 Uhr im Gottesdienst in der Pfarrkirche Werke von Mendelssohn Bartholdy, Bach und Neumark.

Einstudiert werden die Konzerte in Gruppen von rund 20 Sängerinnen und Sängern. Anders als normale Gesangvereine kann er für die Proben auf die Lutherische Pfarrkirche zurückgreifen. Und für Aerosole gilt, so Maibaum, die Faustregel: Je höher die Räume, desto besser. Kirchen sind daher ideal.

Doch wie sieht es bei normalen Gesangvereinen aus? Die haben keine Kirchen für ihre Proben. Der Kirchenmusikprofi Maibaum meint angesichts der Probleme: „Wir müssen Optimismus zu den Chören bringen.“

Sein Rat: Kleinere Gruppen bilden, geeignete Chorliteratur auswählen, zusammenhalten und technische Lösungen etwa in Sachen Abluftanlagen finden. Als Beispiel für letzteres nennt er den MGV Langenstein. „Ein schönes Ziel für Chöre wären die Feiern zum Stadtjubiläum Marburg 800 im Jahr 2022“, sagt Maibaum nach dem Motto: „Wir haben Corona überlebt. Wir machen ein schönes Chorfest.“

Von Uwe Badouin

Marburger Chöre auf Raumsuche

In Marburg werden händeringend Räume für Chöre gesucht. Es gebe kaum noch Proben und keine Konzerte, meint der Arbeitskreis „Chöre und Corona“. Nun planen viele Marburger Chöre ihre Rückkehr zu einem – neu geregelten – Probenbetrieb in den nächsten Monaten. Das sei mit großen Herausforderungen verbunden. Eine der größten lautet: Räume, Räume, Räume. Denn nur mit viel Platz und Luft sei Singen in geschlossenen Räumen heute möglich.

Die bisher genutzten Räume seien in den meisten Fällen zu klein und zu niedrig. Der Arbeitskreis Chöre und Corona sucht nun gemeinsam mit dem Fachdienst Kultur der Universitätsstadt „nach geeigneten Räumen für die Wiederaufnahme der Chorproben im Herbst und Winter“. Gestartet wurde eine Umfrage unter Marburger Chören. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor.

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