Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Nach 15 Jahren an der Spitze verlässt Professor Rolf-Felix Maier seine Kinderklinik
Marburg Nach 15 Jahren an der Spitze verlässt Professor Rolf-Felix Maier seine Kinderklinik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:58 09.02.2021
Professor Rolf-Felix Maier leitete 15 Jahre die Marburger Kinderklinik.
Professor Rolf-Felix Maier leitete 15 Jahre die Marburger Kinderklinik. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Der Chef der Marburger Kinderklinik geht von Bord, und das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn obwohl Professor Rolf-Felix Maier eigentlich ein grundfröhlicher Mensch ist, fällt es ihm nicht leicht, nach 15 Jahren an der Spitze der Klinik loszulassen und in den Ruhestand zu gehen.

Ende März wird Maier seinen letzten Arbeitstag in der Leitungsfunktion im Uni-Klinikum haben. Im Gespräch mit der OP zog er jetzt eine Bilanz seiner Marburger Jahre, die der Chefarzt der Uni-Kinderklinik und Inhaber der Professur für Allgemeine Kinderheilkunde nach eigenen Angaben stets als Teamaufgabe gesehen hat.

„Ich bin froh, dass ich immer so ein gutes Team um mich herum gehabt habe“, sagt Maier. Und gerade deswegen findet er es schade, dass ihm für seinen bevorstehenden Abschied Corona ein wenig einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Denn weder das geplante Symposium mit befreundeten Wissenschaftlern noch ein großes Fest für alle „Ehemaligen“ kann wohl in absehbarer Zeit stattfinden.

Im praktischen Jahr fand Maier zur Kinderheilkunde

Der aus einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb stammende Rolf-Felix Maier hatte von 1975 bis 1981 an der Universität Ulm Medizin studiert.

„Das war damals ein Reform-Studiengang, an dem es schon Unterricht am Krankenbett und in Kleingruppen gab“, erinnert er sich. Nachdem er sich zunächst auch für die Chirurgie interessiert hatte, entdeckte Maier seine Begeisterung für die Kinderheilkunde beim Praktischen Jahr, das er in einer Klinik in Ravensburg absolvierte.

„Kinder sind etwas ganz Besonderes. Sie sind sehr hilfsbedürftig und aufgeschlossen“, sagt der Kinderheilkundler. Das Besondere an seiner medizinischen Fachdisziplin sei, dass man immer nicht nur eine spezielle Krankheit behandele, sondern als Arzt auch für die gesamte weitere Entwicklung der Kinder in Körper, Seele und Geist mit zuständig sei.

Das betreffe eben auch Hilfsangebote und Förderung sowie die gesamte Prävention. „Man sieht sie als Neugeborene und dann im Laufe des Lebens“, macht Maier deutlich.

Problematisch könne es dann allerdings für Patienten oder deren Eltern werden, wenn im Falle einer chronischen Erkrankung nach einer Betreuungszeit von 10 bis 15 Jahren der Übergang in der Betreuung zu einem Spezialisten aus der Erwachsenenmedizin anstehe.

Um diesen Übergang möglichst gut zu gestalten, gebe es im Marburger Uni-Klinikum einen permanenten Kontakt zwischen der Kinderheilkunde und den Spezialisten der einzelnen Fächer aus der Erwachsenenheilkunde.

Bis 2005 hatte das Uni-Klinikum Marburg zwei Lehrstühle für die Kinderheilkunde. Zusammen mit dem langjährigen Klinikchef Professor Hans-Jörg Seyberth bekleidete Maier seit seinem Wechsel von der Humboldt-Universität Berlin nach Marburg 2002 bis 2005 einen dieser beiden Lehrstühle. Nach Seyberths Eintritt in den Ruhestand war Maier dann bis zum Jahr 2016 sozusagen Einzelkämpfer als Professor. Umso mehr freut es ihn, dass seitdem Professorin Stephanie Weber als Professorin für Kinder-Nierenheilkunde wieder an die von Seyberth mit vertretene Traditionslinie anknüpft.

Zudem sei es damals auch gelungen, eine Professur für Kinderchirurgie mit Professor Guido Seitz zu besetzen. Als vierte im Team für eine umfassende medizinische Betreuung von Kindern am Uni-Klinikum Marburg nennt Maier noch Professorin Katja Becker, die Chefin der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Ortenberg.

Fast seine gesamte Marburger Zeit fällt in die deutschlandweit einmalige Privatisierung des Marburger Uni-Klinikums, das zudem 2006 gleichzeitig auch mit dem Gießener Uni-Klinikum fusionierte. „Es ist nicht ganz einfach, die Uni-Medizin mit einem privaten Träger zusammenzubringen“, sagt Maier. Besonders im Fokus stehe dabei die Sicherung einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung.

„Alle Beteiligten haben sich aber bemüht, das Bestmögliche zu machen“, bilanziert der 65-Jährige Mediziner. Er habe jedenfalls nie erlebt, dass es vonseiten des privaten Klinikbetreibers Vorgaben zur medizinischen Versorgung gegeben habe, oder dass bestimmte Therapien nicht hätten gemacht werden dürfen.

Der Frühchenprozess war eine besondere Belastung

Als eine besondere Belastung für die Kinderklinik empfand Maier den Marburger Frühchenprozess, in dem sich eine Krankenschwester der Kinderklinik wegen Fällen aus den Jahren 2015 und 2016 vor dem Marburger Landgericht verantworten musste.

Die Angeklagte wurde schließlich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung sowie wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung unter anderem in vier Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe als Gesamtstrafe verurteilt.

„Mit so etwas rechnet überhaupt niemand. Das war schockierend für alle Beteiligten“, sagt Maier.

„Wir haben aber versucht, sehr offen und ehrlich mit der Situation umzugehen“, meint der Klinikchef. Und immerhin sei es insgesamt positiv gewesen, dass auch die betroffenen Eltern dem Kliniksteam weiterhin ihre Kinder anvertraut hätten. Nach der akuten Phase hätte es aber noch ein Jahr gedauert, bis der eigentliche Prozess begonnen hätte. Die lange Dauer dieses Gerichtsverfahrens habe dann aber noch einmal eine starke Belastung für das gesamte Team bedeutet. Gemeinsam und mit Hilfe professioneller Moderation habe man dieses dann aber auch gemeistert.

Auch wenn Maier Ende März in den Ruhestand geht, wird er dem Uni-Klinikum noch ein Stück weit erhalten bleiben durch seine Beteiligung an einem EU-Forschungsprojekt. Wahrscheinlich wird er mit seiner Ehefrau auch weiter in Marburg wohnen bleiben. Die Maiers haben Marburg als Wohnort in den vergangenen Jahren schätzen gelernt, allerdings lockt auch noch die Metropole Berlin, wo sie zuvor 15 Jahre gelebt haben.

Maiers Professur für Allgemeine Kinderheilkunde soll nachbesetzt werden. Das Berufungsverfahren für seine Nachfolge läuft derzeit, wird sich allerdings nach OP-Informationen noch ein klein wenig über den März hinausziehen.

Für diesen Fall ist aber die geschäftsführende Leitung an der Spitze der Kinderklinik auf jeden Fall gesichert, dadurch dass es jetzt auch noch zwei besetzte Professuren in der Kinderheilkunde gibt.

Von Manfred Hitzeroth

Marburg Corona-Fallzahlen - Inzidenz sinkt auf 50,7
09.02.2021
Marburg Kneipenwirt als OB-Kandidat - Jounes Erojo will Rathauschef werden
12.02.2021
09.02.2021