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Marburg Stundenlange Warterei mit Symptomen
Marburg Stundenlange Warterei mit Symptomen
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13:19 28.10.2020
Im Corona-Testcenter auf dem Messeplatz in Marburgs Norden herrschte gleich am ersten Tag Hochbetrieb. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Der Autofahrer öffnet sein Fenster. „Hallo, möchten Sie zum Testen?“, fragt Ali Sahraei vom Sicherheitsdienst Dersch. Der Fahrer nickt. „Haben Sie eine Überweisung?“, fragt der 33-Jährige und zeichnet mit seinen Fingern ein Quadrat in die Luft. Sein Gegenüber verneint.

„Haben Sie Symptome?“, lautet die nächste Frage. „Ja, und ich war in einem Risikogebiet“, antwortet der Autofahrer. „Inland oder Ausland“, hakt Ali Sahraei nach. „Ausland.“ „Dann fahren Sie bitte durch.“ Der Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst erklärt noch kurz den Ablauf und verweist darauf, dass es mindestens zwei Stunden dauern kann. Der Fahrer zuckt mit den Schultern und fährt los.

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„Am Montag war hier totales Chaos“

Ali Sahraei ist geübt. Seit Monaten steht er vor dem Corona-Testzentrum und weist die Autos ein. Erst am Georg-Gaßmann-Stadion und jetzt am Messeplatz. „Montag war hier totales Chaos“, sagt er beim OP-Besuch. „Als wir um acht Uhr zur Einweisung kamen, standen schon mindestens 100 Autos kreuz und quer“, berichtet er. Denn die Warn-Baken, die den Parkplatz unterteilen, waren umgefallen, mussten zusätzlich mit Sandsäcken gesichert werden.

Nach zehn Stunden waren am Montag ungefähr 500 Autos abgefertigt. In vielen saß nur eine Person, aber nicht selten mussten zwei oder noch mehr Personen getestet werden. „Bis zur Auffahrt der Stadtautobahn haben sie gestanden“, erzählt er und reibt sich die Hände. Es ist kalt. „Gestern hat es ja auch noch die ganze Zeit geregnet. Heute ist es windig. Das wird noch ein Spaß im Winter“, sagt er achselzuckend, geht zur Seite und weist den Getesteten den Weg vom Gelände. Eine kleine pinkfarbene Hütte steht am Einlass, „da können wir uns aufwärmen“.

Wer zu Fuß kommt, muss im Regen warten

Die Patienten, die zu Fuß an den Messeplatz kommen, die müssen im Regen warten. „60 Leute waren das am Montag. Heute sind es ja viel weniger“, hat Ali Sahraei festgestellt. Er überschlägt eine Stunde, bevor er die Zufahrt wieder zustellt: „Heute sind es vielleicht 15 oder 20.“

Eine Marburgerin musste gestern über fünf Stunden im Auto warten – mit schwersten Symptomen. „Für jemanden, der wirklich krank ist, war es eine Herausforderung“, sagt sie gestern am OP-Telefon. Da sie ein Erstkontakt ist, war sie vom Gesundheitsamt aufgefordert worden, sich testen zu lassen. „Die Leute vor Ort haben wirklich getan, was sie konnten. Aber mir ging es Montag schon sehr schlecht, da war die stundenlange Warterei zwischen Reiserückkehrern eher eine Zumutung.“ Dann bricht sie das Telefonat ab.

Ihr sei schlecht, sie habe sich schon übergeben müssen und ihr wäre permanent schwindelig. „Mir geht es hundeelend, mein Kreislauf macht immer schlapp.“ Sie legt auf.

Zurück zum Messeplatz: Manchmal fahren Autos auch einfach so aus der Warteschlange zurück zum Ausgang. „Das dauert mir zu lange“, sagt eine ältere Frau, nach nicht mal einer halben Stunde Wartezeit.

Manche verlassen auch ihre Autos und gehen ohne Maske zum Fast-Food-Restaurant gegenüber. „Wir können doch kurz rüber gehen, oder“, fragt ein Mann und kommt später mit vollgepackten Tüten wieder zurück. Ali Sahraei lässt ihn gehen. Hat er keine Angst, sich anzustecken? „Nein, ich halte immer Abstand und trage Maske.“ Einmal hat er sich auch schon testen lassen, mit negativem Ergebnis. Gestern weist er bis etwa 18 Uhr zusammen mit seinem Kollegen die Patienten ein. „Das ist normal für einen Dienstag. Montags ist es immer am schlimmsten.“

Getestet wird montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr. Getestet werden: Lehrer, Personen mit Symptomen, Reiserückkehrer aus ausländischen Risikogebieten, Kontaktpersonen mit Bescheinigung vom Gesundheitsamt. Nicht getestet werden: Reiserückkehrer aus deutschen Risikogebieten, Personen ohne Symptome, Kontaktpersonen ohne Bescheinigung vom Gesundheitsamt.

Von Katja Peters

  • Lesen Sie dazu die Einschätzung des Mediziners Dr. Ortwin Schuchardt aus Stadtallendorf. Er kritisiert den politischen Pandemie-Kurs und fordert eine Rückkehr zum Alltagsleben in Marburg wie anderswo: „Die Corona-Angst isst die Realität auf“
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