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Marburg Chaos auf allen Leitungen
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08:25 13.01.2021
Wann das Impfzentrum Marburg öffnet, steht weiterhin nicht fest. Das in Gießen nimmt am Dienstag den Betrieb auf. Bei der Impf-Terminvergabe kam es gestern hessenweit zu System-Überlastungen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Landkreis

Seit Dienstag können Menschen aus den Risikogruppen via Telefon oder Internet einen Termin für eine Corona-Schutzimpfung vereinbaren. Das haben unzählige auch versucht – bei vielen blieb es beim (wiederholten) Versuch.

Das Registrierungs- und Anmeldesystem des Landes war überlastet, brach zusammen und wurde zeitweise heruntergefahren. Zahlreiche Impfwillige kamen nicht mehr durch, auch viele aus Marburg-Biedenkopf, die sich frustriert und verärgert bei der OP meldeten. „Ich habe es sowohl auf dem Online-Portal als auch per Telefon versucht – seit acht Uhr bis mittags keine Chance“, berichtet etwa Michael Ellrich. Am Telefon hatte er einen „sehr netten Kontakt, der ebenfalls klagte, dass seine Möglichkeiten erschöpft sind. Mal wieder eine Meisterleistung unserer Experten der digitalen Ahnungslosen“, ärgert sich Ellrich.

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„Ich ärgere mich maßlos darüber“

Christine Rauch aus Gladenbach stieß ebenso auf überlastete Leitungen, „ich kam den ganzen Tag einfach nicht durch“, berichtet sie. Ihre 80 Jahre alte Mutter hatte sich an die Tochter gewandt, nachdem sie selber kein Glück hatte. Die findet das nach unzähligen Versuchen „einfach unmöglich, es war doch genug Zeit, sich auf den Ansturm vorzubereiten, ich ärgere mich maßlos darüber“.

Gerade weil es um Senioren über 80 Jahre geht, neben medizinischem Personal im Moment die einzige Bevölkerungsgruppe, die einen Impf-Termin vereinbaren kann. „Die alten Leute sind unheimlich überfordert“, sagt Rauch. „Ich habe seit dem Morgen versucht, einen Termin zu bekommen – leider ohne Erfolg“, erzählt auch Martina Schu der OP.

Kurt Rudolf aus Roth schaffte es am Vormittag durch die Leitung, kam aber nicht weiter, da auch die Mitarbeiter keinen Zugriff auf das Online-System hatten. Am Nachmittag konnte er sich zumindest registrieren, „aber die Terminvergabe hat nicht geklappt, ich soll es die Tage weiter versuchen“, berichtet er und bleibt optimistisch: „Man muss viel Geduld haben, es bleibt einem ja nichts anderes übrig.“ Andreas Beniak war dagegen einer derjenigen, der bis zu den Mitarbeitern durchdrang: „Bei mir hat alles wunderbar geklappt. Das Telefon hat drei Mal geklingelt, da wurde schon abgehoben“, berichtet er.

Anmeldeknopf führt ins Nichts

Kein Glück hatte Reiner Priemer aus Kirchhain, der ebenfalls beide Anmeldewege probierte und versuchte, für seine Mutter und Schwiegermutter, beide 87 Jahre alt, einen Termin zu vereinbaren, „über keine Kommunikationsplattform ging irgendetwas“. Der rote „Anmelde-Knopf“ auf der Webseite führte entweder ins Nichts, zu einer Fehlermeldung oder zu dem Hinweis, dass die Seite überlastet sei. „Das ist unter aller Kanone“, teilt er entnervt mit und sieht das Problem in der technischen Vorbereitung. Er kenne sich aus in der EDV, habe 20 Jahre lang mit PCs und Servern gearbeitet: „Man hat wohl einen Rechenfehler gemacht, wie viel Traffic auf so einen Server einprasselt – es wäre technisch aber machbar gewesen, das aufzuteilen“, erzählt Priemer.

Land überlässt Kommunen Verantwortung

Wann das lokale Marburger Impfzentrum öffnen darf, kann der Landkreis weiterhin nicht vorhersagen. Denn die Entscheidung liegt ausschließlich in Händen des Landes, wie Kreissprecher Stephan Schienbein gegenüber der OP noch einmal erläutert.

Generell macht der Kreis keinen Hehl daraus, dass er eine lokale Impfstrategie befürwortet hätte. Nächste Woche öffnen nur sechs regionale Impfzentren, um die über 80-Jährigen zu impfen. Für den Kreis Marburg-Biedenkopf ist das Regionalzentrum Gießen zuständig. Doch wie kommen die teilweise hochbetagten Menschen von Wohratal-Hertingshausen beispielsweise nach Gießen?

„Noch keine tragfähigen Antworten“

Das Land hat die Verantwortung den Kommunen zugewiesen. Zumindest für die Fälle, für die es keine Lösung, etwa durch Angehörige oder bezahlte Taxifahrten gibt. „Das Land liefert hierzu allerdings noch keine tragfähigen Antworten und spielt den Ball den ohnehin schon stark belasteten Kreisen und Kommunen zu“, sagt Kreissprecher Schienbein. Mit dieser Frage befasse sich daher der Corona-Koordinierungsstab des Landkreises. Eine Anfrage der OP an das hessische Innenministerium hierzu war bis zum Abend noch nicht beantwortet.

Variante: teilweises Anfahren des Impfzentrums

Die Kreisverwaltung hätte eine andere Variante favorisiert. Etwa ein teilweises Anfahren des Marburger Impfzentrums, je nach Vorhandensein des nötigen Impfstoffes. Für jene lokale Strategie hätte sich der Kreis auch sehr deutlich gegenüber dem Land ausgesprochen. Schienbein listet die Vorteile auf: Für die Menschen, die jetzt teils quer durch Mittelhessen gefahren werden müssten, hätte das kürzere Wege bedeutet, in den lokalen Impfzentren hätte man Erfahrungen sammeln können, das Thema Impfen wird vor Ort wirklich sichtbar und Personal aus Pflege und Medizin hätte ortsnah geimpft werden können. Auch der hessische Landkreistag habe sich für eine lokale Strategie ausgesprochen.

„Oder fallen sie einfach nur durchs Raster?“

Das hätten auch Betroffene befürwortet – viele Menschen aus dem Landkreis berichten über ihre Sorge, die Strecke nach Gießen auf sich nehmen zu müssen. Einigen geht es etwa wie Anette Weber, die ihre Eltern zu Hause pflegt: „Ich würde beide gerne zu Hause impfen lassen, aber wie man liest und hört, wird dies noch sehr lange dauern – ich bin nicht gewillt, mit den beiden in Hotspots zum Impfen zu fahren“, sagt sie.

Stattdessen würde sie sich lokale Lösungen wünschen, etwa dass Senioren im selben Ort dort auf einmal versorgt und die pflegenden Angehörigen gleich mit geimpft werden. Sie betont: „Für die Menschen, die zu Hause gepflegt werden, ist die Impfung mindestens genauso wichtig wie für Heimbewohner, oder fallen sie einfach nur durchs Raster?“

Die Hotline "116 117"

Eigentlich ist die einheitliche Rufnummer 116 117 dafür ins Leben gerufen worden, um den Ärztlichen Bereitschaftsdienst zu erreichen. Jetzt wird sie auch dafür genutzt, um Fragen rund um das Impfen gegen das Coronavirus und vor allem auch die Vergabe von Impf-Terminen mit zu übernehmen. Gestern zum Start der Terminvergabe brach die Hotline zeitweise zusammen, wie auch das hessische Innenministerium bestätigt. Das Nutzen dieser zentralen Rufnummer für das Impfen hat in anderen Teilen Hessens bereits dazu geführt, dass Anrufer auf die Notrufnummer 112 ausgewichen sind, auch wenn sie nur den Bereitschaftsdienst erreichen wollten.
Bei der Leitstelle im Kreis Marburg-Biedenkopf hat es bisher keine signifikante Erhöhung der Anrufe gegeben, wie Kreissprecher Stephan Schienbein erklärt. Die weitere Entwicklung müsse abgewartet werden. „Aus unserer Sicht wäre eine Trennung der Nummern für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst und das Impf-Management klug gewesen“, wird Schienbein deutlich. Das Land hat neben der Rufnummer 116 117 auch die Rufnummer 06 11 / 50 59 28 88 eingerichtet. Online läuft die Anmeldung über www.impfterminservice.de

Von Ina Tannert und Michael Rinde

12.01.2021
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