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Marburg Investition in „Produktion auf neuem Level“
Marburg Investition in „Produktion auf neuem Level“
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15:58 25.06.2021
Im Gewerbegebiet Dreihausen entsteht derzeit der Neubau von „Capricorn Scientific“ – Fabian Boldt (links) und Inhaber Harry Brack erläuterten die Pläne des Unternehmens im Gespräch mit der OP.
Im Gewerbegebiet Dreihausen entsteht derzeit der Neubau von „Capricorn Scientific“ – Fabian Boldt (links) und Inhaber Harry Brack erläuterten die Pläne des Unternehmens im Gespräch mit der OP. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Dreihausen

Das Unternehmen Capricorn Scientific baut im Gewerbegebiet Dreihausen, direkt neben seinem Firmensitz, ein neues Produktionsgebäude – mit 1300 Quadratmetern Fläche auf zwei Etagen mit einem alleine 320 Quadratmeter großen Reinraumbereich. Denn das Unternehmen ist mit seinen sterilen Lösungen für Zellkulturen als Zulieferer unter anderem weltweit für die Pharma-Industrie tätig.

Doch wofür werden diese Lösungen benötigt? „Nehmen wir beispielsweise als aktuelles Beispiel den Impfstoff von AstraZeneca“, erläutert Firmengründer und Inhaber Harry Brack: „Dabei benutzt man modifizierte Zellen, bringt diese dazu, dass sie Antigen oder Antikörper produzieren.“ Die modifizierten Zellen, die zur Produktion benötigt werden, müssen wachsen – „und dafür benötigen sie ein gewisses Milieu“, erläutert Brack. Und dieses Milieu – sterile Lösungen, die aus Vitaminen, Hormonen, Zucker und wachstumsfördernden Stoffen sowie weiteren Bestandteilen bestehen – produziert Capricorn Scientific. „All diese Dinge werden von uns steril filtriert und den Kunden angeboten“, sagt Brack.

Auch in der akademischen Forschung – also beispielsweise in Instituten für Immunologie oder Virologie – kommen die sterilen Lösungen bei der Grundlagenforschung zum Einsatz, beispielsweise bei den Fragen, wie Krebs entsteht, oder eine immunologische Antwort. „Bei der Forschung müssen wir die entsprechenden Zellen, etwa von Leber, Niere, Lunge oder woran immer ich forsche, in ein künstliches Milieu einbringen, um sie zum Wachsen anzuregen.“ Auch dafür stelle Capricorn Scientific die entsprechenden Medien her.

Und die dritte wichtige Kundengruppe sei die Diagnostik – „etwa die Humangenetik oder die Amniozentese“, sagt Brack – also einen Bereich der Pränataldiagnostik. „Um beispielsweise Trisomie 21 festzustellen, müssen der schwangeren Frau fetale Zellen entnommen werden“, sagt Harry Brack. Auch diese entnommenen Zellen müssen zum Wachstum angeregt werden, „um eine gewisse Masse zu bekommen, um letztlich den Chromosomensatz untersuchen zu können“ – entsprechende Medien liefert ebenfalls das Dreihäuser Unternehmen.

Nachdem die entsprechenden Nährlösungen in einem unsterilen Bereich hergestellt wurden, „werden sie über verschiedene Filterkaskaden sterilisiert und in eine sterilen Behälter abgefüllt, der dann an die Kunden geht“. Dieser letzte Schritt der Filtration muss unter Reinraumbedingungen ablaufen. „Und deshalb benötigen wir das hübsche Gebäude draußen“, sagt Brack lachend. Denn die Nachfrage nach den Produkten des Unternehmens sei enorm gestiegen.

Als Brack die Firma 2013 gegründet hatte, war davon nicht auszugehen. Denn damals sei es der Plan gewesen, „Produkte zuzukaufen und sie unter dem Brand Capricorn in den Markt hineinzugeben“ – denn der Gründer hatte Kontakte in der Branche. „Das ging aber mehr schlecht als recht, denn letztlich funktioniert das Geschäft nur, wenn man die Produktion mit allen Parametern real unter Kontrolle hat.“ Denn: Eine entscheidende Zutat für die „Nährstoffcocktails“ ist tierisches Serum. „Das haben wir damals gekauft und an Kontraktoren geliefert, damit diese das für uns steril filtrieren“, erinnert sich Brack. Die Qualität sei jedoch „schlicht und ergreifend nicht zu ertragen“ gewesen – „damit hätten wir unsere Marke vernichtet“, ist er sich sicher. Also begann Capricorn Scientific in 2016 damit, eine eigene Produktion aufzubauen.

Das neue Gebäude trägt aber nicht nur dem Wachstum Rechnung, „es bringt unsere Produktion auch auf ein neues Level – quasi von der Kreisliga in die Champions League“. Es sei konsequent darauf ausgerichtet, „dediziert die Biotechnologie und Pharmaindustrie bedienen zu können“. 5,8 Millionen Euro kostet der Neubau – „der Reinraum alleine wird etwa eine Million ausmachen“, sagt Harry Brack. Und zählt auf: Klimatechnik, Filteranlagen, Reinstwasseranlagen, spezieller Reinraum-Fußboden, „da kommt einiges zusammen“. Und: Zusätzlich zur Technik für die Abfüllung steriler Lösungen „implementieren wir auch noch die Herstellung von Pulvermedien.

Denn die Großindustrie setzt ihre Zellkultur-Medien aus Pulver an, weil sie eigene Wasseranlagen und Filtrationsmöglichkeiten haben“, weiß Brack. Daher werde im Neubau auch eine entsprechende Anlage integriert. „Es werden rund 50 chemische Komponenten miteinander vermahlen, gemischt – und sie müssen nachher eine genau definierte, homogene Masse sein“, erläutert Brack die Herausforderung.

Im kommenden Jahr soll der Neubau vollendet sein. „Dann werden wir die Produkte auf einem deutlich höheren Niveau steril abfüllen und alle notwendigen Zertifizierungen und qualitätssichernden Dokumentationen für unsere Kunden in der Biotechnologie vorweisen können.“ Brack ist sich sicher: Durch den Neubau werde die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutlich erhöht – und es komme zu weiterem Wachstum. Mittelfristig soll der Standort von jetzt 32 auf 50 bis 60 Mitarbeiter ausgebaut werden.

Von Andreas Schmidt

25.06.2021
25.06.2021