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Marburg Cappeler fährt 70 Jahre alten Käfer
Marburg Cappeler fährt 70 Jahre alten Käfer
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00:17 16.05.2019
Der 70 Jahre alte VW Käfer von Bernd Jandrasits aus Cappel wird nur bei Sonnenschein aus der Garage gefahren. „Deswegen hält er schon so lange durch“, weiß der Oldtimer-Experte. Quelle: Tobias Hirsch
Cappel

Er sieht zwar nicht aus wie ein Kriegswagen, aber dafür ist er mal gebaut worden – der Volkswagen Käfer, der in der Garage von Bernd Jandrasits steht. 70 Jahre hat der schwarze Viersitzer schon auf dem Buckel und läuft noch immer – dank der Pflege des Cappelers.

Einst von der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Fulda angeschafft, wechselte er nur ein paar Monate später in die Geschäftsstelle nach Marburg. Im November 1955 kaufte Günther Jesberg den Wagen und fuhr ihn bis Anfang der 70er Jahre. Wenig und nur in den Sommermonaten, wie der Original-Fahrzeugbrief beweist. Im Winter war er immer abgemeldet worden.

Der Wehrdaer Jesberg wollte dann etwas Gutes tun und seinen Käfer der Adolf-Reichwein-Schule schenken. Aber die lehnte dankend ab. „Das habe ich zufällig mitbekommen und Kontakt aufgenommen“, erinnert sich Bernd Jandrasits. Er suchte den Verkäufer auf und per Handschlag ging der Oldtimer an den Berufsschullehrer – geschenkt. „Damals galt noch das gesprochene Wort. Er wollte, dass das Auto in gute Hände kommt und ich habe ihm genau das versprochen.“

Und er hält sein Wort, bis heute. Bernd Jandrasits hegt und pflegt den Käfer – vor allem bewegt er ihn regelmäßig, aber nur bei Sonnenschein. „So ein Auto fährt man nicht im Regen. Deswegen hält er auch so lange.“

Gleich beim zweiten Mal springt der 70 Jahre alte Volkswagen an. Problemlos lenkt der Cappeler ihn über die Straßen – ohne Lenkhilfe, ohne Bremsverstärker, ohne viel Technik. „Bei 60 Kilometern in der Stunde habe ich einen dreimal so langen Bremsweg wie die Autos heute. Das sollte man bei der Fahrweise berücksichtigen“, sagt der Oldtimer-Experte, der beim Abbiegen schon mal die Hand raushält, um den Richtungswechsel anzuzeigen. Denn die originalen „Richtungswechselanzeiger“, die per Knopfdruck mechanisch aus dem Türrahmen ausfahren, werden von den heutigen Autofahrern schon mal übersehen.

Genauso die Bremsleuchte, die weit unten angebracht ist. Deswegen hat er eine weitere unter der geteilten Heckscheibe angebaut. Auch die „hässlichen“ Außenspiegel sind keine Originale. Die mussten aber „von Staats wegen“ nachgerüstet werden. Und ein Teil ist noch nicht Original – die Motorhaube. Die auszutauschen wäre sozusagen das i-Tüpfelchen. Den Benzinstand überprüft er übrigens mit einem Stab.

Ins Schmunzeln kommt der Marburger, wenn er von Polizeikontrollen erzählt. „Ein Beamter wollte mir mal partout eine Geldbuße aufbrummen, weil ich nicht angeschnallt war“, sagt er lachend. Wie sollte er auch? Der Käfer hat gar keine Gurte.

Generell braucht der 70-jährige Oldtimer wenig Reparaturen. „Der ist gut konstruiert und wurde vom Militär in der Sahara getestet“, weiß Bernd Jandrasits und erklärt, warum der Motor luftgekühlt wird: „Das Auto musste bei Minus 40 Grad im Russlandfeldzug laufen. Das wäre mit Wasser nicht gegangen.“ Mit seinen 24 Pferdestärken schafft das Auto 90 Kilometer in der Stunde – Höchstgeschwindigkeit, bei einem Verbrauch von fünf Litern. „Aber nur, seitdem ich wieder den Original-Luftfilter eingesetzt habe“, sagt der Tüftler. Den Tipp bekam er von einem anderen Käfer-Experten. Denn Bernd Jandrasits ist über die Jahre sehr gut vernetzt, durch Internetforen oder Besuche von Käfertreffen in ganz Deutschland. Auch der Volkswagen-Konzern aus Wolfsburg hat ihn und viele andere Käfer-Besitzer mal eingeladen. Plaketten an der Beifahrertür erinnern daran.

Bernd Jandrasits fährt nur Oldtimer, hat noch zwei weitere in der Garage. „Ich möchte nur ein Auto, das ich selbst reparieren kann“, betont er und zeigt auf den 55 Jahre alten Triumph und den 32 Jahre alten Opel Kadett. Mit dem fährt er übrigens auch bei Regen.

von Katja Peters