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Marburg Mit Crowdfunding großartig durch die Krise
Marburg Mit Crowdfunding großartig durch die Krise
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12:00 12.01.2022
Philip Groß vom "Café Großartig" in Marburg
Philip Groß vom "Café Großartig" in Marburg Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die viel gerühmte Solidarität der Menschen in Marburg, es gibt sie wirklich. Philip Groß, Inhaber des Café Großartig in der Oberstadt, hat sie erlebt, als während des Lockdowns die Gastronomie am Boden lag. „Wir haben ganz viel Liebe bekommen“, sagt er. Dank der Unterstützung der Gäste hat es das Café Großartig durch die Monate der Corona-Beschränkungen geschafft – nicht zuletzt mit einer Crowdfunding-Kampagne.

Die Corona-Krise traf das Café an der Wasserscheide besonders hart, denn es hatte erst Mitte 2020 eröffnet und war von der Überbrückungshilfe III zunächst ausgeschlossen. Ende März 2021 wandte sich das Team des Cafés deshalb mit einem verzweifelten Hilferuf an die Öffentlichkeit. „Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden wir es nicht schaffen“, hieß es darin. Die Crowdfunding-Kampagne sah Groß damals als „unsere letzte Möglichkeit, noch mal Hoffnung und Kraft zu sammeln, um dank eurer Hilfe mit Schwung aus der Krise zu kommen“.

Mehr als 400 Menschen unterstützen das Café

„Es hat tatsächlich mehr Erfolg gebracht als gedacht“, kann er heute konstatieren. Groß hatte gehofft, während der vier Wochen laufenden Crowdfunding-Kampagne auf 3 000 Euro zu kommen. Am Ende seien es knapp über 12 000 Euro geworden. „Das hat in dem Moment gut getan.“ Allerdings sei auch dieser Betrag nur ein „Tropfen auf dem heißen Stein“ gewesen angesichts der Kosten, die aufgelaufen seien – für Miete, Mitarbeiter, Waren-Einkauf, Investitionen in das Außer-Haus-Geschäft. Allein im November 2020, dem ersten Monat, in dem Gastronomie und Geschäfte geschlossen bleiben mussten und die meisten Menschen auch tatsächlich zu Hause blieben, habe das Café einen Umsatzverlust von knapp 50 000 Euro gemacht. „Das wurde in den Folgemonaten besser, aber es ist einfach nichts hängengeblieben.“ Mehr als 400 Menschen beteiligten sich an der Crowdfunding-Kampagne. Einige hätten auch im Café Großartig vorbeigeschaut und gesagt, dass sie es unterstützen wollen, berichtet der Inhaber. „Das war eine tolle Geste“, sagt Groß. Viele hätten sich mit kleinen Beträgen von fünf oder zehn Euro beteiligt. „Aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.“

Die Unterstützung bekommen die Beteiligten nicht direkt zurück, allerdings konnten sich die Unterstützerinnen und Unterstützer entscheiden, dass sie ein Dankeschön wollen: ein romantisches Frühstück zum Beispiel, einen veganen Kuchen oder fünf Kuchenstücke. Das Dankeschön gab es natürlich erst nach dem Lockdown, insofern gingen die Unterstützer durchaus ein Risiko ein – sie glaubten daran, dass das Café Großartig nach der Corona-Schließung weitermachen kann. Und das schaffte das Lokal auch.

Zum Zeitpunkt der Crowdfunding-Kampagne sah es allerdings düster aus – für das Café Großartig, aber auch für die Branche insgesamt. Rund sieben Monate durfte die Gastronomie keine Gäste bewirten, im Mai 2021 war dann wieder Außengastronomie erlaubt, im Juni wieder Innengastronomie. Wie viele andere in der Branche setzten auch Philip Groß und sein Team auf Lieferung und Abholung von Speisen. „Wir haben Frühstück geliefert, Kaffee und Kuchen verkauft und Essen geliefert“, erzählt Groß. „Wir haben den Lockdown genutzt, um zu sagen, uns gibt es noch.“ Dadurch sei es gelungen, den Kreis der Gäste zu vergrößern.

Umsatzverlust durch langen Lockdown

Die staatliche Überbrückungshilfe III bekam das Café zunächst gar nicht, weil sie nur für Betriebe gewährt wurde, die bis zum 30. April 2020 gegründet worden waren. Später wurde diese Regelung geändert, nun profitieren auch Betriebe, die bis zum 31. Oktober gegründet worden waren. Das Café Großartig konnte also Hilfen beantragen, allerdings sei die Berechnung der Vergleichsmonate für das Lokal ungünstig ausgefallen, erklärt Groß.

„Wir haben immer noch zu kämpfen, dass wir von dem Berg Schulden runterkommen“, sagt der Inhaber. „Die sieben Monate Schließung haben ein großes Loch reingezogen.“ Dann kam die Öffnung der Außengastronomie, schließlich die Öffnung der Innengastronomie. Trotz der Corona-Krise sei das Geschäft immer weiter gewachsen. „Mit dem Gästeaufkommen und der Nachfrage sind wir zufrieden“, sagt Groß. „Wir hatten immer genug zu tun.“ Allerdings habe das schnelle Wachstum auch Kosten verursacht. „Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt noch da sind“, sagt der Gastronom aus heutiger Sicht. Ein Wunder, das er auch der Unterstützung der Gäste verdankt.

Von Stefan Dietrich