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Marburg Crowdfunding als Rettungsanker
Marburg Crowdfunding als Rettungsanker
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18:58 03.04.2021
Philipp Groß vom Café „Großartig“ in der Marburger Oberstadt: Er hat eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen, um sein Café zu retten – denn Überbrückungshilfe III bekommt er nicht.
Philipp Groß vom Café „Großartig“ in der Marburger Oberstadt: Er hat eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen, um sein Café zu retten – denn Überbrückungshilfe III bekommt er nicht. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Vor einem knappen Jahr eröffnete das Café „Großartig“ in der Marburger Oberstadt, direkt unterhalb der Wasserscheide. Mitten in der Corona-Pandemie – und dennoch zunächst mit Erfolg, denn die Kundschaft besuchte das „Großartig“ gerne. „Wir erleben jeden Tag wieder aufs Neue, wie sehr ihr uns schätzt und welche Liebe und Treue ihr uns entgegenbringt️. Danke dafür! Das ist nicht selbstverständlich“, schreibt Philip Groß, Inhaber des „Großartig“, auf Facebook.

Man sei in den vergangenen Monaten „zu einer großartigen Familie zusammengewachsen“. Und genau mit diesem Ansatz hat Groß das „Großartig“ auch eröffnet, wie er im Gespräch mit der OP sagt: „Wir wollen einfach, dass jeder sich bei uns fühlt wie in seinem Wohnzimmer. Und jeder wird wertschätzend behandelt." Das sei offenbar gelungen, „die Resonanz unserer Familie, zu der wir unsere Kunden zählen, zeigt uns das“.

Lockdown hat Spuren hinterlassen

Aber der seit November währende Lockdown hat deutliche Spuren hinterlassen. Daher setzt das „Großartig“-Team nun einen verzweifelten Hilferuf ab, denn es steht vor dem Ruin: „Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden wir es nicht schaffen. Zu hoch sind die Fixkosten, welche nicht zu drücken sind, zu hoch sind die Verluste, die wir jeden Monat einfahren.“

Denn das Problem: Eröffnet wurde das „Großartig“ im vergangenen Mai – und zwar gut zweieinhalb Wochen zu spät. „Daher bekommen wir keine Überbrückungshilfe III, denn diese wird nur für Betriebe gewährt, die bis zum 30. April eröffnet hatten“, fast Groß zusammen.

Groß: „Müssen dringend reagieren“

Er sei verärgert, dass man sich so bürokratisch an diesen Termin klammere „und dass es gar keine Ausweichmöglichkeiten gibt“. Ja, es gebe einen „Härtefallfonds, aber aus dem bekommen wir kein Geld, weil wir die November- und Dezember-Hilfe erhalten haben“. Der letzte Abschlag dieser Hilfen sei ohnehin erst Anfang März ausgezahlt worden, als das Geld sowieso schon knapp gewesen sei.

Philip Groß rechnet vor: „30, 40 Prozent weniger Umsatz im Januar, genauso im Februar und jetzt im März – der Punkt ist erreicht, an dem wir dringend reagieren müssen.“

Gespräche mit Banken

Er habe bereits das Gespräch mit den Banken gesucht – „die waren zum Teil von unserem Konzept überzeugt, aber Geld haben sie nicht gegeben – die Gastronomie sei einfach zu unsicher“. Noch dazu habe das „Großartig“ in den wenigen Monaten, die es geöffnet sei, natürlich noch keinen Gewinn abwerfen können. Und das vor dem Hintergrund, dass niemand wisse, ob ein nochmals verschärfter Lockdown komme.

„Das, was momentan an Geld reinkommt, geht an den Vermieter, die Mitarbeiter, den Waren-Einkauf – und dadurch, dass wir nur noch Außer-Haus-Geschäft haben, mussten wir auch zusätzlich investieren.“ Alleine die Kosten für Verpackungsmaterial würden in der Woche bis zu 500 Euro betragen. Statt eines Cafés mit Bistro „sind wir quasi zum Restaurant geworden“, denn um liefern zu können, habe das „Großartig“ eine stark veränderte Speisekarte.

1.500 Euro für Anschaffung vom Land

In der Konsequenz waren Investitionen in der Küche ebenso fällig wie mehr Personal. „Corona und der Lockdown schaffen es zwar, kreativ neue Dinge zu entwickeln. Und die Nachfrage ist auch gut. Aber es bringt nicht das rein, was wir brauchen.“ Enttäuscht zeigt sich der Gastronom davon, dass zwar zu Beginn der Pandemie unbürokratische Hilfe versprochen worden sei, „aber das Gegenteil ist der Fall“. Das demonstriert er mit dem Beispiel der „Kleinbeihilfe“ des Landes, bei der man 1.500 Euro etwa für die Anschaffung neuer Geräte erhalten könne.

„Man muss zunächst in Vorkasse treten, die Geräte müssen mindestens einen Wert von 2.000 Euro haben, der besten Energieeffizienzklasse entsprechen – und zuvor muss man noch drei Vergleichsangebote einholen.“ Und wenn das alles passiert sei, „dann bekommt man die 1.500 Euro. Ich kann es mir nur dummerweise gar nicht leisten, in Vorkasse zu gehen."

Neu Crowdfunding-Kampagne

Also hat Groß nun eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Denn man kämpfe jeden Tag dafür, dass das „Großartig“ weiterhin die Oberstadt bereichern kann und darf. Schließlich hängen auch viele Arbeitsplätze an dem Lokal: Elf Vollzeitkräfte und eine Teilzeitkraft sind dort beschäftigt. Die Crowdfunding-Kampagne „ist unsere letzte Möglichkeit, noch mal Hoffnung und Kraft zu sammeln, um dank eurer Hilfe mit Schwung aus der Krise zu kommen“, so Philip Groß. Auf die Politik könne das Team leider nicht zählen. „Wir wollen Arbeitsplätze sichern und weiterhin unseren Traum leben können“, sagt er.

Wie beim Crowdfunding üblich, erhalten die Unterstützer kleine – oder auch große – „Goodies“ für ihr Geld. Etwa Kaffee und Kuchen für 15 Euro oder einen „Großartig“-Jutebeutel für 30 Euro. Es gibt aber auch skurrilere Ideen. So zum Beispiel einen Kuchen, der eine Woche lang den Namen des Crowdfunders trägt.

Eigener Stammplatz für 800 Euro

Oder als Top-Unterstützung für 800 Euro einen eigenen Stammplatz. „Dabei gravieren wir den Namen für den Kunden in den Tisch mit dessen Lieblingsplatz“, sagt Groß lachend. Die Gelder werden genutzt, um laufende Kosten und offene Rechnungen zu begleichen, die durch den Lockdown und die damit verbundenen Umsatzverluste entstanden sind. Immerhin: Am Mittwochnachmittag waren bereits knapp 5 200 Euro zusammengekommen.

Und wenn die Kampagne nicht fruchtet? „Dann ist unser Traum vom ‚Großartig‘ wohl zu Ende“, sagt Philip Groß. Doch dazu werde es nicht kommen, sagt er hoffnungsvoll. „Denn alle sagen uns, wie wichtig das ‚Großartig‘ für das Quartier ist. Daher muss es überleben.“

Zu finden ist die Kampagne unter www.startnext.com/damit-sich-jeder-weiterhin-gro.

Von Andreas Schmidt