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Marburg Rekordgewinn mit Beigeschmack
Marburg Rekordgewinn mit Beigeschmack
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09:34 20.08.2021
CSL hat erneut ein Rekordergebnis erzielt, hält aber an den geplanten Transformationen fest.
CSL hat erneut ein Rekordergebnis erzielt, hält aber an den geplanten Transformationen fest. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Es ist erneut ein sattes Plus, das CSL Limited, Mutter der Marburger CSL Behring GmbH, gestern verkündete: Demnach zogen die Verkäufe um 10 Prozent an, stiegen binnen Jahresfrist von knapp 8,8 Milliarden auf gut 9,7 Milliarden US-Dollar. Im gleichen Maß – also um 10 Prozent – stieg auch der Umsatz in der Gruppe auf gut 10 Milliarden US-Dollar – nach mehr als 9,1 Milliarden Dollar im Vorjahr. Das EBITDA, also das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Investitionen, legte von gut 3,1 Milliarden Dollar gar um 15 Prozent auf 3,6 Milliarden Dollar zu, sodass unterm Strich ein Ergebnis in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar blieb – nach 2,1 Milliarden Dollar im Vorjahr ein Zuwachs von 10 Prozent.

CSL-CEO Paul Perreault war über das Ergebnis vor allem vor den großen Herausforderungen aufgrund der Corona-Pandemie erfreut. „Trotz der Unsicherheit und Komplexität, mit der wir konfrontiert waren, haben CSL Behring und Seqirus ihre Arbeit aufrechterhalten können und wir haben weiterhin unsere lebensrettenden und lebensverlängernden Medikamente rund um die Welt ausliefern können“, sagte er.

Auch Michael Schröder, Geschäftsführer der Marburger CSL Behring GmbH, war vom Ergebnis hocherfreut. „Wir haben in den Verkaufszahlen einige Produkte, die trotz der Pandemie stark zugelegt haben.“ So verkaufte sich das subkutane Immunglobulin „Hitzentra“ um 15 Prozent besser, Haegarda legte um 14 Prozent zu, und Kcentra erzielte ein Plus von 7 Prozent. „Trotz reduzierter Anzahl von Operationen gab es dort noch ein Wachstum – eine sehr gute Leistung“, konstatierte Schröder. Da jedoch die Zahl vor allem der elektiven Operationen aufgrund der Pandemie zurückgefahren worden sei, habe es einen Rückgang bei den Wundheilungsprodukten gegeben. Doch stand auch für Marburg unterm Strich ein Zuwachs von sechs Prozent – Einzelergebnisse weist CSL für Marburg nicht aus, doch war es in der Vergangenheit häufig so, dass CSL Behring ein knappes Viertel zu den Umsatzerlösen der Gruppe beigetragen hatte.

Auch die CSL-Tochter Seqirus hat mit einem Plus von 30 Prozent kräftig zugelegt – im saisonalen Grippegeschäft stiegen die Verkäufe um 41 Prozent, es wurden rund 130 Millionen Dosen Impfstoff verkauft. „Davon hat auch Marburg profitiert“, erläutert Schröder – denn hier seien rund 20 Millionen Dosen abgefüllt und verpackt worden.

Lars Grönke, Geschäftsführer der vor drei Monaten ausgegliederten Tochter „CSL Behring Innovation“, in der die Themenfelder Forschung und Entwicklung gebündelt werden, erläuterte, dass „in unseren klinischen Studien nun wieder besser Patienten aufgenommen werden können, was durch die Pandemie sehr beeinträchtigt war“. So gebe es für das in Entwicklung befindliche Herzinfarkt-Produkt „CSL 112“ mittlerweile 13 700 Patienten, „damit sind wir bei 75 Prozent. Wir rekrutieren für diese Studie Patienten an 1 000 Studienzentren in 49 Ländern und sind dort auf einem guten Weg – immer mit einem ängstlichen Auge darauf, wie sich die Covid-Situation weiter entwickeln wird.“ Bei den Impfstoffen wolle man vom „großen Sprung, den es durch das Thema mRNA gegeben hat, profitieren“, so Grönke. Und zwar nicht für Covid, sondern für Influenza. Und: Man arbeite an einer Nachfolge-Therapie für das Hereditäre Angioödem – mit einem monoklonalen Antikörper, „der eine komplette Eigenentwicklung von CSL ist“. Dort sei der erste Patient in die Phase-III-Studie aufgenommen worden.

Auf Kernkompetenzen fokussieren

Insgesamt seien die ersten drei Monate der neuen Gesellschaft davon geprägt, sämtliche Strukturen und Systeme zu verbessern und die CSL Innovation zukunftsfähig aufzustellen. „Die Ausgliederung wurde als Signal wahrgenommen“, so Grönke – sowohl von universitären Einrichtungen als auch von der Landesregierungen oder Start-ups.

Hört sich also alles glänzend an – wenn über den Mitarbeitenden von CSL Behring nicht weiterhin das Damokles-Schwert der rund 150 Entlassungen schweben würde. Hält das Unternehmen an diesem Prozess fest?

„Ja“, sagt Michael Schröder, der betont: „Niemand will betriebsbedingte Kündigungen aussprechen.“ Ende September stehe fest, wie viele Mitarbeiter das Unternehmen wirklich verlassen würden. „Bisher haben einige Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, das ist richtig – aber über Freiwilligenprogramme“, sagt Schröder. Andere hätten sich auf neu geschaffene Stellen beworben. „Wir haben bis jetzt im Zuge dieser Transformation noch keine betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen“, sagt Schröder. „Wir arbeiten mit viel Herzblut daran, Lösungen zu finden.“

Der Ausblick für das kommende Geschäftsjahr zeige, dass „der Gewinn nach Steuern zwischen 6 und 9 Prozent niedriger ausfallen wird“, erläuterte der Geschäftsführer.

In der Tat geht der Ausblick von einem Gewinn zwischen 2,15 und 2,25 Milliarden Dollar aus – damit läge er in etwa auf dem des vergangenen Geschäftsjahrs. Ist das nicht genug? „Wir bewegen uns in einer kapitalistischen Welt, und es gibt Stakeholder. Wenn ein Aktienunternehmen im Jahresbericht sagt, wir werden nächstes Jahr nicht wachsen, ist das mit Sicherheit nichts, was die Anleger immer erfreut“, so Schröder.

Mit der Transformation wolle man sich auf die Kernkompetenzen fokussieren, „und die sind nun mal die Herstellung von Arzneimitteln“. Durch die neue Basisfraktionierung – Invest: mehr als 400 Millionen Dollar – würden auch neue Arbeitsplätze geschaffen. „Wir kümmern uns um ein neues operatives Modell, um auch zukünftig wachsen zu können und wettbewerbsfähig zu sein“, sagt der Geschäftsführer.

Von Andreas Schmidt

18.08.2021