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Marburg CSL: Forschung mit dem „Gold des Blutes“
Marburg CSL: Forschung mit dem „Gold des Blutes“
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17:59 23.05.2020
Die Plasmaspende läuft ähnlich wie eine Blutspende ab – allerdings werden rote und weiße Blutkörperchen direkt wieder in den Organismus zurückgepumpt. Quelle: Arno Burgi/dpa/Archiv
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Marburg

Als die Corona-Krise in China begann, war CSL quasi mittendrin. Denn: Das Unternehmen hat einen Standort in Wuhan. Und einer der Mitarbeiter aus Marburg, der unmittelbar vor Ort war, war Özcan Campinar.

Die vor Ort gesammelten Erfahrungen kommen dem Unternehmen seit knapp zehn Wochen auch in Marburg zugute. Denn: Campinar ist Leiter des lokalen Pandemie-Teams – und bei CSL arbeiten derzeit rund 900 Mitarbeiter aus dem Homeoffice.

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„Einen Pandemieplan haben wir bereits seit einigen Jahren“, sagt Michael Schröder, Geschäftsführer und Standortleiter von CSL Behring in Marburg. Nach den ersten Ausbrüchen in China habe man diesen Plan noch einmal evaluiert und verfeinert. „Dabei konnten wir direkt von den Erfahrungen der Kollegen in Wuhan profitieren“, so Schröder.

Zwei Vorteile habe das Pharma-Unternehmen im Umgang mit der Pandemie: „Wir haben mit dem Thema Hygiene naturgemäß große Erfahrung. Daher herrscht bei unseren Mitarbeitern bei Themen wie Abstands- und Hygieneregeln viel Verständnis.“ Und: „Weil unsere Produkte lebensrettende Medikamente sind, wurden wir als systemrelevant eingestuft.“

Zusammenhalt, der bewegt

So habe es bei der Versorgung von Patienten keine wesentlichen Probleme gegeben. Die Logistik sei jedoch mitunter schwierig gewesen, weil Länder die Grenzen dicht gemacht hätten. „Da wurden die Lastwagen nicht durchgelassen, oder die Fahrer sollten 14 Tage in Quarantäne gehen, bevor sie das Land betreten durften. Dafür wurden jedoch Lösungen gefunden“, erläutert Schröder.

Ihn bewege besonders, dass alle Mitarbeiter mitgezogen hätten – „und das nicht nur, weil es um ihre Gesundheit und die ihrer Familien geht. Sondern weil sie wissen, dass wir einen Auftrag haben – unseren Patienten Medikamente zur Verfügung zu stellen. Daher gebührt allen Mitarbeitern in allen Funktionen ein Riesendank für ihr Verständnis und die phänomenale Kompromissbereitschaft“, sagt Schröder.

Corona bietet Firmen Chancen

Für ihn stellt sich nun die Frage: „Was können wir Gutes aus der Krise mitnehmen?“ Dazu zähle unter anderem die Erkenntnis, dass sich dank Digitalisierung außerhalb der Produktion vieles auch ohne Präsenz regeln ließe. Gleichwohl arbeite man an einem Konzept, dass die Mitarbeiter sukzessive an den Standort zurückkehren können – immer unter Beobachtung der Situation im Landkreis und unter Beachtung der etablierten Hygieneregeln.

Die Herausforderungen durch die Pandemie eröffnen dem Unternehmen auch Chancen. „CSL arbeitet weltweit mit Wissenschaftlern, Unternehmen und Regierungen gemeinsam daran, das Coronavirus zu bekämpfen“, sagt Dr. Vicky Pirzas, Vice President Recombinant Product Development Marburg. So ist CSL Mitbegründer einer globalen Allianz, in der sich zahlreiche Unternehmen zusammengeschlossen haben, um an einem Medikament gegen Covid-19 zu arbeiten (die OP berichtete).

Globale Studie soll im Sommer beginnen

Diese Allianz ist mittlerweile auf zehn Unternehmen angewachsen – es sei eine „bisher in der Industrie beispiellose Forschungskooperation mit dem Ziel, CoVIg-19 zu entwickeln und bereitzustellen, eine aus Plasma gewonnene potenzielle Therapie zur Behandlung von Patienten mit schwerwiegenden Komplikationen durch Covid-19“.

Die Allianz arbeitet mit dem Nationalen Institut für Allergie und Infektionskrankheiten (NIAID) am NIH zusammen, um die Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit der Hyperimmuntherapie bei erwachsenen Patienten mit Covid-19 zu testen. Diese globale Studie wird voraussichtlich im Sommer beginnen. Sie soll die Grundlage für eine mögliche behördliche Zulassung der Hyperimmunglobulintherapie bilden.

Grippeimpfstoff dient als Vorbild

„Die Hyperimmunglobulintherapie hat das Potenzial, eine der ersten Behandlungsoptionen für Covid-19 zu werden, und wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit NIAID und den Gesundheitsbehörden, um diese Therapie so rasch wie möglich für Patienten bereitstellen zu können,“ sagte Bill Mezzanotte, Executive Vice President, Head of R&D von CSL Behring und Co-Leiter der CoVIg-19 Plasma Alliance.

Darüber hinaus arbeitet CSL auch eng mit der Universität Queensland in Australien zusammen – bei der Entwicklung eines Impfstoffs.

„Neben unserem Know-how, Laborkapazitäten und technischem Fachwissen stellen wir auch die Adjuvans-Technologie MF59 für das Entwicklungsprogramm zur Verfügung“, erläutert Vicky Pirzas. Dieses Adjuvans stammt von einem Grippe-Impfstoff der CSL-Tochter Seqirus, der Grippeimpfstoff-Sparte der Unternehmensgruppe.

„Phänomenal viel Arbeit und Know-how“

Doch warum ist es so schwer, einen Wirkstoff gegen das Coronavirus zu finden? „Es handelt sich um ein neuartiges Virus, daher benötigen wir natürlich Zeit, um zu verstehen, wie es sich verhält. Allerdings hat es seit Januar, als das Virus sich im großen Stil ausbreitete, bis jetzt von Wissenschaftlern weltweit bereits zahlreiche Veröffentlichungen gegeben – normalerweise dauert es rund acht bis zehn Jahre, bis ein Impfstoff auf den Markt kommt“, erläutert Pirzas.

Die Forscher hätten vor dem Hintergrund der Pandemie „phänomenal viel Arbeit und Know-how“ investiert, sodass nun bereits die ersten klinischen Studien begonnen hätten. Dies geschehe in der Regel – unter normalen Umständen – sonst frühestens nach etwa 18 Monaten. Und Pirzas verdeutlicht: „Selbst wenn ein Impfstoff gefunden wurde, muss dieser auch in ausreichender Menge produziert werden.“ Dafür sei CSL mit seinen Produktionsstätten ein wichtiger Partner.

Basis ist natürliche Immunantwort

Und: Der Impfstoff – also quasi die Prävention von Covid-19 – ist ja nur eine Seite. Auch die Behandlung der Krankheit müsse vorangetrieben werden. „Die Unternehmen der CoVIg-19-Allianz haben ein Ziel vor Augen: eine plasmabasierte Therapie gegen Covid-19 zu entwickeln.“ Pirzas zieht Parallelen zur Arbeit Emil von Behrings vor rund 100 Jahren – auch damals sei es darum gegangen, „auf eine medizinische Krise zu reagieren. Die jetzige Situation knüpft quasi an die Wurzeln des Unternehmens an“, so Pirzas.

Gemeinsam mit SAB Biotherapeutics, einem Entwicklungsunternehmen für humane Antikörper, verfolgt CSL Behring in diesem Zusammenhang einen neuen, erfolgversprechenden Ansatz: eine Therapie auf Basis humaner polyklonaler Antikörper, die also die natürliche Immunantwort des menschlichen Körpers simuliert. Zur Produktion dieser Antikörper mittels Gentherapie wird Rindern ein künstliches menschliches Chromosom eingesetzt – so sind dafür keine Blutplasmaspenden von genesenen Patienten nötig.

Genesene können wesentlichen Beitrag leisten

Dennoch sind diese Plasmaspenden weiterhin essenziell für die Forschung: „Wir benötigen dringend Blutplasma von Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren und wieder genesen sind“, sagt Standortleiter Michael Schröder. Denn es sei weiterhin „ein ganz wichtiges Ausgangsmaterial“, verdeutlicht auch Pirzas.

Die Genesenen könnten „dadurch, dass ihr Körper nun Antikörper produziert hat, einen wesentlichen Beitrag zur Genesung von anderen tragen“, sagt sie. Özcan Campinar präzisiert: „Es gibt gut 150.000 Genesene in Deutschland, einige davon haben bereits Plasma gespendet. Der Funke ist also da – nun gilt es, daraus ein Feuer zu entfachen.“

Von Andreas Schmidt

Wer kann Plasma spenden?

Bei der Plasmaspende wird – wie bei der Blutspende – aus einer Armvene Blut entnommen. Im Unterschied zur Blutspende läuft das Blut jedoch direkt durch eine Zentrifuge und wird so in die weißen und roten Blutkörperchen sowie das Plasma getrennt.

„Die Blutzellen werden dem Körper direkt wieder zugeführt, so ist die Plasmaspende weniger belastend als die Blutspende“, sagt Michael Schröder, Geschäftsführer und Standortleiter von CSL Behring.

Der Organismus könne alle Bestandteile des entnommenen Blutplasmas schnell wieder aufbauen – in der Folge kann auch häufiger Plasma als Blut gespendet werden, nämlich bis zu 45 Mal binnen 12 Monaten.

Das von Marburg aus nächstgelegene Plasma-Center ist in Frankfurt, Stiftstraße 9–17, direkt an der Zeil.

Plasma spenden kann, wer:

  • gesund und mindestens 18 Jahre alt ist
  • mindestens 50 kg wiegt, maximal 150 kg sowie einen BMI von unter 40 hat
  • eine gewisse Mindestmenge an körpereigenen Abwehrstoffen im Blut hat, was bei einer Voruntersuchung bestimmt wird
  • einen gültigen Personalausweis oder Reisepass mit Adressnachweis vorlegen kann
  • innerhalb der vergangenen vier Monate sich keine Piercings, Tattoos oder Ohrlöcher hat stechen lassen
  • die ärztliche Untersuchung in einem der Plasma-Center erfolgreich abgeschlossen hat.

Auch wer alle Kriterien erfüllt kann manchmal nicht spenden – beispielsweise bei Schwangerschaften oder Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben.

Auch nach bestimmten Impfungen oder bei der Einnahme von manchen Medikamenten ist die Spende von Blutplasma vorübergehend nicht möglich.
Weitere Infos – auch zum Kontakt im Internet unter: www.plasma-spenden.de

23.05.2020
23.05.2020
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