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Marburg CSL Behring verhängt Einstellungsstopp in Marburg
Marburg CSL Behring verhängt Einstellungsstopp in Marburg
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08:00 28.08.2020
CSL Behring Standort Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der Jobmotor in Marburg ist ins Stottern geraten: Bei einem der größten Arbeitgeber im Landkreis, dem Pharmakonzern CSL Behring, gibt es einen Einstellungsstopp. Nach OP-Informationen sollen bei dem seit Jahren wachsenden Unternehmen zumindest vorübergehend keine neuen Jobs mehr geschaffen werden. Das bestätigte die CSL-Pressestelle auf OP-Anfrage, spricht allerdings von einer „Verlangsamung der Einstellungs-Initiativen“.

Der Grund für die Gesamtkonzern-Entscheidung, die auf Marburg und weitere internationale Standorte Auswirkungen hat, ist, dass sich „aktuell die gesamte Plasmabranche aufgrund der Covid-19-Situation mit einer großen Unsicherheit für dieses Geschäftsfeld“ konfrontiert sehe. Das gelte auch für Planbarkeit und Prognose zukünftiger Plasmaspenden.

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Der Rohstoff für die in Marburg hergestellten Produkte wird knapp, weil es einen Rückgang der Blutplasmaspenden gibt. Diese Grundlage für CSL-Produkte werden in Spendenzentren, vor allem in den USA, gewonnen. Neben den normalen Plasma- sind derzeit vor allem Spenden von genesenen Corona-Patienten begehrt. Aber eben wegen der Corona-Pandemie ging die Spendenbereitschaft und somit die Plasma-Gewinnung in den vergangenen Monaten massiv zurück.

Der Marburger CSL-Standort ist über verschiedene Partnerschaften an der Entwicklung eines Medikamentes gegen Corona eingebunden, wie etwa der CoVIg19-Plasma-Allianz zur Entwicklung einer Hyperimmuntherapie. „Das Präparat ist aktuell bereits in einer klinischen Studie und wird Patienten verabreicht“, sagte Michael Schröder, Geschäftsführer und Standortleiter, vergangene Woche (OP berichtete).

Wäre der Rückgang der Plasma-Spenden ein länger anhaltender Trend, wäre davon wohl auch die am Pharmastandort entstehende Basisfraktionierung von CSL, die Blutplasma zur Weiterverarbeitung benötigt, betroffen. Weltweit hat CSL rund 25.000 Mitarbeiter, in Marburg befindet sich mit etwa 2.900 Beschäftigten der größte Forschungs- und Produktionsstandort.

Betriebsrat sieht Pandemie nicht als einzigen Auslöser

In der Belegschaft gibt es Befürchtungen, dass für den überraschenden Schritt nicht nur der Plasma-Engpass verantwortlich ist. Vielmehr gibt es nach OP-Informationen seit etwa einem Jahr laufende Arbeitsprozess-Änderungen, eine interne Berichtslinien-Reform namens „End to end“, die eine weitere interne Internationalisierung vorantreiben soll. „Die Unsicherheit ist groß, in wie weit das strukturelle Veränderungen sind, die sich auf die Beschäftigten, auf die Mitarbeiterzahl auswirken“, sagt Reiner Dönges, CSL-Betriebsratsvorsitzender, auf OP-Anfrage. Es gebe erste Anzeichen, erste Personalentscheidungen, die bezüglich „End to end“ auf ein „aus Beschäftigtensicht eher negatives Szenario“ hindeuteten.

Bei einigen langjährigen CSL-Mitarbeitern werden Erinnerungen an die Jahre 2004 und 2005 wach, als plötzlich rund 500 damals noch bei Aventis-Behring Angestellte ihren Job verloren. Kurz zuvor übernahm CSL das ehemalige Konkurrenz-Unternehmen – das wiederum kurz zuvor ein Rekordjahr vermeldete – und änderte die internen Personal- und Arbeitsstrukturen. Die Folge: Einstellungsstopp, Sozialplan, 25 Prozent der Belegschaft mussten ihren Arbeitsplatz räumen.

Für „nicht vergleichbar“ hält Betriebsrat Dönges allerdings die Vorgänge vor 15 Jahren und der aktuellen Entwicklung. „Der harte, schmerzhafte Einschnitt damals war ganz anders gelagert. Es war ein Übernahmeprozess, heute brummt das Geschäft ja eigentlich“, sagt er.

„Einstellungspause“ wird laut Unternehmen „kontinuierlich geprüft“

Analysten hatten im Vorfeld der vergangene Woche veröffentlichten Jahresbilanz – CSL fuhr einen Rekordgewinn von 2,2 Milliarden US-Dollar ein – bereits darauf hingewiesen, dass die Gewinnung von Plasma ein „marktentscheidender Faktor“ für das weitere Firmenwachstum bedeute. Der Rekordgewinn sei laut Dönges einem Geschäftsjahr geschuldet, dass den Corona-Faktor ab März noch nicht beinhalte. Die Pandemie-Folgen würden erst in der nächsten Bilanz –die dann den Zeitraum von Sommer 2020 bis Sommer 2021 umfasst –durchschlagen.

Die geltende Einstellungspause werde laut CSL-Sprecherin Stephanie Fuchs „kontinuierlich geprüft“, was auch für andere „risikominimierende Maßnahmen“ – etwa Kurzarbeit – gelte.

Inwieweit die Einstellungspause Expansionspläne – also den aktuell vor allem aus Klimaschutzgründen kontrovers diskutierten „Masterplan Behring-Standort“ der Stadt Marburg, der eigentlich Voraussetzung für die Entstehung 600 neuer Arbeitsplätze hätte sein sollen – beeinflussen könnte, lasse sich „zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten“. Man beobachte und bewerte die Situation kontinuierlich, aber „wenn Maßnahmen ergriffen werden müssten, geschieht dies in enger Abstimmung mit den anderen Standortfirmen und der Stadtverwaltung“.

Von Björn Wisker

28.08.2020
28.08.2020