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Marburg Ist es nicht schön, Mensch zu sein?
Marburg Ist es nicht schön, Mensch zu sein?
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19:58 28.06.2021
„Mother AJ“ (links, Anja Jedmovski) und „Miss Hyde“ beim Marburger CSD.
„Mother AJ“ (links, Anja Jedmovski) und „Miss Hyde“ beim Marburger CSD. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Buntes Getümmel, Regenbogenflaggen wehen im Wind, fette Beats dröhnen aus den Lautsprecherboxen in die queere Menge. Nach der einjährigen, Corona-bedingten Pause darf der Christopher Street Day (CSD) Mittelhessen nun wieder durch die Straßen Marburgs ziehen. Die Demonstration beginnt am Hauptbahnhof mit der ersten Kundgebung. Zu guter Letzt die Verlesung des Hygienekonzeptes, Sicherheit geht vor.

Auch Miss Hyde macht sich bereit, loszumarschieren. Stolzen Schrittes schreitet die Drag-Künstlerin durch die Menschenmassen, dabei jegliche Blicke auf sich ziehend.

Für das ein oder andere Foto muss sie dann doch kurz innehalten, das stört sie aber nicht. „Es ist doch toll, wenn man angesehen wird und wenn die Menschen dann noch Fotos mit einem machen wollen, ist das ein schöner, gemeinsamer Moment, den man zusammen festhält“, sagt sie.

Seit 6 Jahren tritt sie als Travestie-Künstlerin in die Öffentlichkeit. Schon im Jugendalter von circa 14, 15 Jahren hat sich die selbsternannte „Muddi“ für den androgynen Stil entschieden, das heißt, männliche und weibliche Merkmale aufweisend. „Auch im Kindergarten war ich lieber die Prinzessin als Indianer oder Cowboy zu Karneval“, erzählt sie.

Schon im Kindesalter hat Miss Hyde eine Faszination für die weiblichen Disney Bösewichte entwickelt. Einige waren sogar nach dem Vorbild von frühen Drag-Queen-Stars wie „Divine“ gestaltet worden.

Die Wandelbarkeit der Drag-Szene sei ihr besonders wichtig: „Ich kann heute so und morgen so kommen, man lernt, wo man sich mit seiner eigenen Ästhetik hinbewegen kann.“ Außerdem sei es der Schlüssel zu einem selbst. „Wenn ich als Drag unterwegs bin, dann kann ich so sein, wie ich bin und auch mal Dinge tun, die durch meinen Drag-Charakter entschuldbar sind, dadurch, dass ich ihn als Rüstung trage“, sagt sie.

Für Miss Hyde ist der CSD nicht nur eine große Party. Für sie steht er für den „Kampf für Gleichheit, Freiheit und Liebe“. Im gleichen Atemzug berichtet sie von den Veränderungen, die sich rund um die queere Szene und noch viel mehr drehen: „Der Kampf, den wir hier führen, betrifft prinzipiell nicht nur queere Menschen, auch andere Minoritäten sind vertreten, aber wir glauben alle an eine Utopie der Liebe und Gleichheit.“

Gemeinschaftsgefühl

Die Demonstrierenden schwenken nicht nur die typische Regenbogenfahne, auch andere Abwandlungen der Fahne, wie die Trans-Fahne in Blau Pink und Weiß, sind zu sehen. Die ausgelassene Stimmung spiegelt sich in den leichtfüßigen Tanzbewegungen der ein oder anderen Person wider.

Zu spüren ist ein Gemeinschaftsgefühl, dass jeder auf jeden Acht gibt, obwohl man zum Großteil von Fremden umgeben ist.

Dabei herrscht immer noch viel Hass und Diskriminierung in der Gesellschaft. Miss Hyde selbst erzählt, während sie ihre Haare gekonnt über die Schulter wirft, welche Anfeindungen sie schon erlebt hat: „Das fing an bei Bespucken und ging sogar schon so weit, dass ich mit Flaschen beworfen wurde, die teilweise mit Urin gefüllt waren.“

Auch Anja Jedmovski, die Miss Hyde begleitet, sagt, man könne unter den Menschen jeden fragen, alle hätten solche Geschichten auf Lager. Die ausgelassene Stimmung wandelt sich in bedrücktes Schweigen.

Ausgrenzung und Diskriminierung spielt immer noch eine große Rolle in unserer sozialen sowie politischen Gesellschaft. Das wohl aktuellste Beispiel ist das von Ursula von der Leyen als „Schande“ betitelte, ungarische Gesetz, welches die queere Community in Aufruhr versetzt. „Es kann ja nicht sein, dass man alle nicht-heteronormativen Geschlechteridentitäten oder Beziehungen vor der Jugend fern halten will“, sagt Miss Hyde.

Auch Anja Jedmovski, die jahrelang Lehramt studiert hat und nun angehende Erzieherin ist, kritisiert die mangelnde Thematisierung der queeren Community im Lehrplan: „In der Oberstufe mal kurz in Bio erwähnt, reicht da einfach nicht, es gehört viel mehr dazu, als gleichgeschlechtlicher Sex.“ „Und auch dieses ‚schwul sein ist ekelig‘ oder ‚die machen nur so Anal-Praktiken‘ ist eigentlich nichts anderes als die eigene Perversion der Gedanken solcher diskriminierenden Menschen. Dass das nicht der Wahrheit entsprechen muss, wissen sie nicht“, unterbricht Miss Hyde sie.

Die verschiedenen Kundgebungen der Teilnehmenden handeln oft von ganz persönlichen Outing-Geschichten, gesellschaftlichen Normen, die aufgebrochen werden sollen und dem sogenannten „queer-bating“. So wird auch auf die aktuelle Regenbogendebatte der Uefa mit „Echte Solidarität kommt auch ohne beleuchtetes Stadion aus“ geantwortet. Auf den Bannern und Schildern der Demonstrierenden stehen Sätze wie „Queer liberation, not rainbow capitalism“, zu Deutsch „Queere Freiheit, kein Regenbogen-Kapitalismus“, die queer-bating kritisieren.

Miss Hyde und Anja Jedmovski leiten zusätzlich das Gießener Café Queer. Dorthin wenden sich oftmals neu hinzugezogene Studierende, die Anschluss an die Community suchen. „Wir beide fungieren dort als eine Art Muddi“, sagt Miss Hyde, „Ich hatte zwar das Glück, in einer sehr aufgeklärten und toleranten Familie aufzuwachsen, aber viele haben das eben nicht, und dafür sind wir eine Art Ersatz-Familie.“ „Sie kommen als Unbekannte und werden direkt zu Familie“, ergänzt Jedmovski.

Für Miss Hyde stehe klar die Toleranz im Vordergrund. „Jeder Mensch ist anders, bei uns werden alle Menschen genau so akzeptiert, wie sie sind, da gibt es kein ‚nicht schwul genug‘ oder ‚nicht queer genug‘, wir sind alle Menschen. Und ist es nicht schön, einfach Mensch zu sein?“, sagt sie und lächelt, während sie sich von der sich langsam auflösenden Demonstration verabschiedet.

Von Larissa Pitzen

28.06.2021
28.06.2021
28.06.2021