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Marburg CO2-Emissionen? Marburg tappt im Dunkeln
Marburg CO2-Emissionen? Marburg tappt im Dunkeln
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10:00 29.12.2021
Abgase strömen während eines Feinstaubalarms aus dem Auspuff eines Autos. Die Stadt Marburg will bis 2030 klimaneutral sein. Allerdings fehlen der Stadt die Werte für die Kohlendioxid-Emissionen ab dem Jahr 2019.
Abgase strömen während eines Feinstaubalarms aus dem Auspuff eines Autos. Die Stadt Marburg will bis 2030 klimaneutral sein. Allerdings fehlen der Stadt die Werte für die Kohlendioxid-Emissionen ab dem Jahr 2019. Quelle: Franziska Kaufmann
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Marburg

Auch nach drei Jahren weiß die Stadt Marburg noch nicht, wie hoch die CO2-Emissionen seit dem Jahr 2019 waren, und dementsprechend auch nicht, ob die Maßnahmen aus dem Klimaaktionsplan, die bislang angegangen worden sind, erfolgreich waren. Das geht aus der Antwort des Magistrats auf eine kleine Anfrage des Unabhängigen Grünen Dietmar Göttling hervor. Göttling hatte im September schon einmal nachgefragt und damals zur Antwort bekommen, dass die Daten für das Jahr 2019 dem Magistrat erst Ende diesen Jahres vorliegen würden. „Demnach müsste der Magistrat nun über die Zahlen verfügen“, schlussfolgerte Göttling, fragte in der letzten Sitzung der Stadtverordneten erneut nach und erhielt die gleiche Antwort: Daten liegen noch nicht vor.

Verfahren nicht befriedigend

„Die Daten werden teilweise vom RP Gießen für uns zusammengestellt und an uns übermittelt“, begründete Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Für 2019 sei dies jedoch noch nicht erfolgt, sodass die CO2-Bilanz noch nicht aktualisiert werden konnte. „Die Bilanz zu veröffentlichen, bevor alle Daten vorliegen, ist nicht sinnvoll, weil es dann zu Verzerrungen kommt“, ergänzte Spies, der auch Dezernent für Umwelt-, Klima- und Naturschutz ist. Sobald alle Daten vorliegen, werde die Bilanz aktualisiert. Spies wies aber darauf hin, „dass mit den bekannten Verfahren keine Messung des Erfolgs der Umsetzung des Klimaaktionsplans in befriedigender Weise möglich ist“.

Göttling wollte auch wissen, ob die Daten vierteljährlich erhoben und veröffentlicht werden können. „Eine Verbesserung und Weiterentwicklung der Bilanzierung soll im Zuge der Etablierung der Klima-Governance-Struktur zeitnah angegangen werden“, sagte Spies. Dabei bedeute eine realistische Darstellung einen erheblichen Aufwand.

CO2-Bilanzen nicht unkompliziert

Bislang sei der Stadt Marburg trotz intensiver Recherche kein geeignetes Instrument für die Bilanzierung ihrer Maßnahmen bekannt, ergänzte der Oberbürgermeister. Eine Aktualisierung der Daten im vierteljährlichen Turnus für alle Daten sei nicht realistisch und diese könne nur jährlich erfolgen. Das Parlament hatte beschlossen, jeden Beschluss auf seine Klimawirksamkeit zu überprüfen. Göttling hält die Antwort für ein Armutszeugnis: „Nur heiße Luft!“, sagte der frühere Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtparlament, der aus Enttäuschung über die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen die Fraktion verlassen hatte. Klimaziele zu verabreden, ohne sie zeitnah kontrollieren zu können, sei „nicht seriös“. Insgesamt sieht er die Klimapolitik von der neuen Koalition „nicht ernsthaft angegangen“.

Die Reduktion der CO2-Emissionen zum Klimaschutz ist seit den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts ein wichtiges Anliegen energie- und klimapolitischer Bestrebungen. Hierzu zählen Sparmaßnahmen wie gesetzliche Geschwindigkeitsbeschränkungen für Fahrzeuge sowie Gebäudesanierungen und Wärmedämmung für eine verminderte Nutzung von Heizungsanlagen – alles Initiativen, die in Marburg verabredet, teils schon umgesetzt werden.

Die Erstellung von CO2-Bilanzen ist nicht ganz unkompliziert. Es reicht nicht, an wenigen Messstellen den CO2-Gehalt der Luft zu messen und dann aufs Jahr hochzurechnen. Die CO2-Bilanzen werden vielmehr von den Energie-Bilanzen abgeleitet. Gemessen oder registriert werden also nur die Energieverbräuche. Die CO2-Emissionen daraus werden errechnet, nicht gemessen.

Von Till Conrad

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