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Marburg CDU-Mitglieder müssen wieder mitgenommen werden
Marburg CDU-Mitglieder müssen wieder mitgenommen werden
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12:00 17.11.2021
Friedrich Merz (Mitte) spricht bei einer Pressekonferenz neben Christina Stumpp (CDU) und Mario Czaja (CDU). Ex-Unionsfraktionschef Merz kandidiert zum dritten Mal in Folge für den CDU-Vorsitz.
Friedrich Merz (Mitte) spricht bei einer Pressekonferenz neben Christina Stumpp (CDU) und Mario Czaja (CDU). Ex-Unionsfraktionschef Merz kandidiert zum dritten Mal in Folge für den CDU-Vorsitz. Quelle: dpa
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Marburg

Die CDU auf Bundesebene ist auf der Suche nach einer neuen Parteispitze. Sie will sich neu aufstellen, um spätestens in vier Jahren wieder in die Regierungsverantwortung zu kommen. Erstmals sind die Kreisverbände mit eingebunden. Im OP-Interview nehmen der Fraktionsvorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion, Werner Waßmuth, als erfahrener CDU-Mann und Jennifer Hofmann, die die jüngere Generation vertritt und in diesem Jahr erstmals in den Kreistag eingezogen ist, Stellung.

Frau Hofmann, Herr Waßmuth, wie wichtig ist es Ihnen, dass die neue Führung der CDU auf Bundesebene von der Basis mitbestimmt wird?

Jennifer Hofmann: Sehr wichtig. Besonders die letzte Vorstandswahl hat doch gezeigt, dass Entscheidungen, welche der Grundstimmung in der Partei offensichtlich nicht folgen, keine nachhaltigen Lösungen sind. Ein Großteil der Parteimitglieder engagiert sich ehrenamtlich in der Freizeit und tut dies aus Überzeugung. Ich denke hierbei an all die Ortsverbandsmitglieder, die im Wahlkampf an den Ständen stehen, die sich in der Kommunalpolitik einbringen und die im Freundes- und Bekanntenkreis für die CDU werben. Dazu braucht es Überzeugung, dazu muss man sich mit der Partei identifizieren können. Und ganz besonders müssen diejenigen, die an der Spitze der Partei stehen, die als Stellvertreter für alle Parteimitglieder in der Öffentlichkeit wirken, diejenigen müssen die Basis glaubhaft vertreten. Ich hoffe, dass die Möglichkeit der Mitbestimmung es nun schafft, die Parteimitglieder wieder mitzunehmen, die sich in den vergangenen Jahren nicht gehört gefühlt haben. Eine erfolgreiche Erneuerung der Partei kann nur gelingen, wenn die Basis miteinbezogen wird. Wie der Name eigentlich schon sagt, ist die Basis das Fundament, auf dem die Parteiarbeit und deren Erfolg steht.

Werner Waßmuth

Werner Waßmuth: Ich spreche mich für eine Mitgliedermitbestimmung zur Wahl der neuen Führung aus. Die Parteibasis, sprich die einfachen Mitglieder, haben sich in den letzten Jahren nicht mehr so richtig mitgenommen gefühlt. Daher auch die hohen Mitgliederverluste in den letzten Jahren. Die von den Kreisverbänden entsandten Delegierten zu den Bundesparteitagen sind in überwiegender Zahl hauptamtliche Würdenträger, die über die Partei ihre Ämter erreicht haben, Bürgermeister, Landräte, Landtagsabgeordnete, Bundes- und Europaabgeordnete. Es wäre besser, wenn mehr sogenannte einfache Mitglieder und auch ehrenamtliche Kommunalpolitiker dorthin entsandt würden, weil dieser Personenkreis Tag für Tag wirklich an der Basis steht und die Meinung und Stimmung der Menschen zu hören bekommt und selbst spürt.

Halten Sie es für sinnvoll, ähnlich wie andere Parteien es schon machen, zwei Personen gleichberechtigt an die Spitze der Union zu stellen?

Hofmann: Grundsätzlich könnte ich mir eine solche Doppelspitze recht gut vorstellen. Was uns in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist, ist insbesondere der Teamgeist und die Fähigkeit, konstruktiv zusammenzuarbeiten. Ein Team an der Parteispitze könnte unter anderem den unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Partei gerecht werden und eine breitere Aufstellung gewährleisten. Allerdings halte ich ein solches Führungsmodell für derzeit unwahrscheinlich. Und letztendlich muss die CDU wohl erst ihr Profil wieder ausreichend schärfen, um für einen solchen Kompromiss bereit zu sein.

Waßmuth: Was andere Parteien machen, muss nicht richtig sein. Ich stehe für eine Person an der Spitze der CDU. Eine richtige Doppelspitze kennt man eigentlich nur im Fußball mit der Doppelbesetzung der Angriffsspitze. Mir ist lieber, wir haben einen sehr gut zusammengesetzten Bundesvorstand aus Frauen und Männern aus allen Bevölkerungsschichten und Berufen, auch mit Berufserfahrungen, Müttern und Vätern, also Menschen, die mitten im Leben stehen. Alle zusammen bilden eine geschlossene Mannschaft. Eine gute Mannschaft braucht nur eine Kapitänin oder einen Kapitän, der die Beschlüsse der Partei umsetzt, vorangeht und Akzente setzt.

Wie muss sich die CDU von innen heraus aufstellen, um sich in vier Jahren wieder als Führungspartei zu bewerben?

Waßmuth: Mit Frauen und Männern, die mitten im Leben stehen und aus allen Bevölkerungskreisen kommen. Fast alle wichtigen Führungsfunktionen werden derzeit von Akademikern besetzt. Warum nicht auch Handwerker, und andere Berufstätige? Nur zu sagen, wir tauschen die ältere Generation, die teilweise unsere Partei trägt, gegen Jüngere aus, ist zu wenig. In der Politik brauchen wir mehr „Handwerker“ und weniger „Rhetoriker“. Abitur – Hörsaal – und einige Rhetorikseminare sollten keine ausreichende Qualifikation für ein hauptamtliches Mandat sein. Die Politik wird von Menschen gemacht und dabei ist sehr wichtig, bei den Menschen zu sein, am Arbeitsplatz, in den Vereinen, in den Familien. Dort werden die Lebensereignisse wahrgenommen, aus denen die Programme zur politischen Umsetzung geschrieben werden können.

Jennifer Hofmann

Hofmann: Wie eben schon angedeutet, muss die CDU es zunächst schaffen, ihre Mitglieder wieder mitzunehmen, sie mit einzubeziehen und sie zu begeistern. Es muss wieder Spaß machen, CDU-Mitglied zu sein. Nur wenn die Parteimitglieder von den Inhalten und Vorschlägen der Partei überzeugt sind, können sie auch andere überzeugen. Und dafür brauchen wir ein scharfes Profil, erkennbare Inhalte und glaubhafte Politiker. Wir müssen es schaffen, alle abzuholen. Die vielen Strömungen in der Partei haben in der Vergangenheit teils zu einem nach außen hin gespaltenen Bild geführt. Dabei ist es doch wertvoll, unterschiedliche Ansichten und Kompetenzen miteinander zu vereinen. Wir müssen lernen, einander zuzuhören, zu diskutieren und letztendlich effektiv zusammenzuarbeiten. JU-Chef Tilman Kuban fordert eine „Diskussionskultur und auch eine Kompromisskultur“. Genau diesen Gedanken teile ich. Wir können und müssen miteinander streiten, dann aber Kompromisse finden, die wir geschlossen nach außen vertreten können. Und natürlich muss die CDU der jungen Generation und neuen Köpfen eine Chance geben – wie es bei der CDU-Fraktion in Marburg-Biedenkopf übrigens wunderbar funktioniert.

Wie muss sich die CDU mit den Themen Klimaschutz und Energiewende auseinandersetzen?

Waßmuth: Unter CDU-Führung wurde die Energiewende eingeleitet. Auch hier gilt, die Menschen mitzunehmen und ihnen verständlich erklären, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden müssen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Energie unsere Fabriken am Laufen, unsere Wohnungen im Winter hell und warm hält. Sie ermöglicht Mobilität und Surfen. Zur Energiewende gehören Sonnen- und Windenergie, Bio-, Wasserkraft und Wasserstoff. Öl, Gas und Kohle sind nicht die Zukunft. Wichtig ist vor allem, dass die Umgestaltung der Energieversorgung so erfolgt, dass sie sauber, sicher und bezahlbar ist. Dazu sind Wissenschaft und Forschung aufgefordert, entsprechende umsetzbare Ergebnisse vorzulegen.

Hofmann: Der Klimawandel und dessen Bekämpfung sind ein Thema, das uns alle angeht, aber das besonders die junge Generation bewegt und beschäftigt. Ich begrüße es ausdrücklich, dass meine Generation in der Vergangenheit auf die eindeutigen Missstände hingewiesen hat, auch wenn ich mit einigen Vorgangsweisen nicht einverstanden bin. Die CDU hat es bisher leider nicht ausreichend geschafft, ihre Ideen und Vorschläge glaubhaft zu vermitteln und die Bürgerinnen und Bürger davon zu überzeugen, dass sie Klimaschutz kann. Und das, obwohl „Bewahrung der Schöpfung“ zu den Kernanliegen der Partei gehört. Ich wünsche mir also ein noch deutlicheres Engagement auf dem Gebiet und hoffe auf realistische und innovative Ansätze. Ganz besonders bin ich davon überzeugt, dass wir mit Verboten nicht weiterkommen, sondern dass wir die Bürgerinnen und Bürger mitnehmen müssen und eine ökonomisch und sozial verträgliche Vorgehensweise brauchen. Klimaschutz muss attraktiv sein. Zum Beispiel auch für diejenigen, die im ländlichen Raum aufs Auto angewiesen sind.

Von Götz Schaub

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