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Marburg Schweigepflicht steht an erster Stelle
Marburg Schweigepflicht steht an erster Stelle
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12:00 13.12.2021
Auf den Bussen der Stadtwerke sind die Kampagnenposter weithin sichtbar.
Auf den Bussen der Stadtwerke sind die Kampagnenposter weithin sichtbar. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Seit November machen Stadtbusse mit der Aufschrift „Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall. Im Krankenhaus erhalten Sie Hilfe.“ auf die Thematik aufmerksam. Vergewaltigungsopfer können sich zur gesundheitlichen Versorgung an die Frauenklinik des Universitätsklinikums Marburg zu wenden. Für eine anschließende psychosoziale Unterstützung ist die Beratungsstelle des „Frauennotruf Marburg“ da.

Anders als häufig befürchtet, müssen Frauen dabei keine Sorge haben, dass über ihren Kopf hinweg die Polizei gerufen wird. Die ärztliche Schweigepflicht steht an erster Stelle und es zählt nur der Wille der Betroffenen.

Die Ärztinnen und Ärzte sowie die Pflegekräfte in der Frauenklinik des Universitätsklinikums Marburg sind traumasensibel geschult und behandeln jede Versorgung nach Vergewaltigung wie einen Notfall. „Eine angemessene medizinische Versorgung hat oberste Priorität. Sie sollte möglichst zeitnah erfolgen. Die betroffenen Frauen haben ein Recht auf Versorgung von Verletzungen und auf Antworten zu ihren Gesundheitsfragen, zum Beispiel, ob sie Medikamente benötigen“, erklärt Dr. Malin Jansen, Oberärztin der Gynäkologie im Universitätsklinikum Marburg. Dass die medizinische Akutversorgung unabhängig von einer polizeilichen Strafanzeige gewährleistet ist, ist für viele Betroffene eine wichtige Voraussetzung. Denn viele möchten keine Anzeige erstatten, oder sind in der Akutsituation unentschlossen. „Medizinische Versorgung und juristische Strafverfolgung sollten losgelöst voneinander sein“, so Diana Cosic, Rechtsanwältin und Nebenklagevertreterin in Marburg.

Niedrige Anzeigebereitschaft

Laut Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik wurden 2020 lediglich 9 752 versuchte oder vollendete Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt. Das macht eine extrem niedrige Anzeigebereitschaft deutlich, denn repräsentativen Studien zufolge muss jede siebte Frau in Deutschland einmal in ihrem Leben strafrechtlich relevante sexualisierte Gewalt erleben. Viele Betroffene erleben das Ermittlungsverfahren als sehr belastend, fühlen sich und das, was sie erlebt haben, infrage gestellt.

Die geringe Rate an Verurteilungen angeklagter Täter liegt auch daran, dass in wenigen Fällen ausreichend Beweismittel vorliegen. Auch hier versucht die Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung Abhilfe zu schaffen: Im Rahmen der Untersuchung kann eine vertrauliche Spurensicherung vorgenommen werden. Die gesicherten Befunde werden für ein Jahr in der Rechtsmedizin verwahrt. Für die Entscheidung über eine Strafanzeige entsteht dadurch wertvolle Zeit.

Erst im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung ein Gesetz erlassen, dass Betroffenen das Recht auf eine vertrauliche Spurensicherung nach Vergewaltigung mit Kostenübernahme durch die Krankenkasse zuspricht. Die flächendeckende Umsetzung ist leider bis heute nicht gegeben. Die Versorgungsstruktur der Medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung ohne polizeiliche Anzeige ist angesiedelt am Gesundheitsamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Finanzielle Förderung erhält das Projekt durch die Stadt Marburg und den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die Buskampagne wird finanziert durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration.

 

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