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Marburg Personalstandard „wie vor 30 Jahren“
Marburg Personalstandard „wie vor 30 Jahren“
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14:58 14.12.2019
Beschäftigte der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie fordern mehr Zeit für psychische Gesundheit. Professor Tilo Kircher (links) während seiner Ansprache. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Auch in Marburg beteiligten sich Beschäftigte und Patienten der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der bundesweiten „Protestmittagspause“.

Mit Transparenten zogen sie vom Ortenberg zum Hauptbahnhof, informierten dort in einer Kundgebung und sammelten bei Passanten Unterschriften für eine Petition des Bündnisses „Mehr Personal und mehr Zeit für psychische Gesundheit“.

Das Bündnis ist ein Zusammenschluss von Organisationen der Selbsthilfe, der Angehörigen-, Berufs- und Klinikverbänden sowie psychiatrische, kinder- und jugendpsychiatrische und psychosomatische Fachgesellschaften, Gewerkschaften und Kammern. Sie eint die Überzeugung, dass Personal und Zeit die wichtigsten Faktoren für eine hohe Versorgungsqualität sind. Doch die gesetzlichen Vorgaben würden den Anforderungen nicht mehr gerecht.

Professor Tilo Kircher erläuterte: „Wir haben zu wenig Personal, die Patientenversorgung ist dadurch nicht gut und müsste besser sein.“ Denn die Personalverordnung für Psychiatrie stamme aus den 90er 
Jahren, „die muss aufgestockt werden“, dafür habe man gekämpft. Doch der Gemeinsame Bundesausschuss habe festgelegt, „dass die Mindestgrenze auf 85 Prozent abgesenkt wird.

Die Ansprüche an eine adäquate Versorgung in der Psychiatrie haben sich in den vergangenen 30 Jahren aber massiv erhöht. Wir wissen, dass Psychotherapie wirkt – und wollen deshalb wesentlich mehr Psychotherapie machen“, so Kircher. Das ginge jedoch mit den neuen Standards nicht. Hinzu komme, dass der Dokumentationsaufwand sich immer weiter erhöhe – und Zeit, die man für die durchaus wichtige Dokumentationspflicht aufwende, fehle letztlich für die Arbeit mit den Patienten.

Weniger Personal heißt mehr Medikamente

Kircher verdeutlichte, dass das „nichts mit Marburg oder der Situation am UKGM zu tun hat – sondern es ist eine bundesweite Geschichte“.
Andreas Jung, Vorsitzender des Vereins „Ex in Hessen“, der Menschen mit Psychiatriehintergrund zu Genesungbegleitern ausbildet, sagte: „Stellen Sie sich vor, Sie müssten in eine Klinik, wo nach dem Standard von vor 30 Jahren gearbeitet wird, etwa in der Krebstherapie – das würden Sie nicht akzeptieren.“

Auch in der Psychiatrie hätten sich die Methoden immens entwickelt, „in den Kliniken soll stärker auf therapeutische Behandlungen und weniger auf Medikamente gesetzt werden“, so Jung. Denn dies seien nur Übergangslösungen, „die mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sind“.

Es sei quasi ein Teufelskreis: Je weniger Zeit das Personal habe, desto mehr müsse es mit Medikamenten arbeiten – und desto weniger Zeit habe es für therapeutische Behandlungen. Mehr Zeit für den Patienten bedeute auch weniger Zwangsbehandlungen und Fixierungen.
„Es ist nicht einzusehen, dass Patienten Gewalt angetan wird – nur weil zu wenig Geld für Personal da ist“, so Jung.

  • Der Link zur Online-Petition hier.

von Andreas Schmidt