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Marburg Aufreger Ausgangssperre
Marburg Aufreger Ausgangssperre
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08:56 22.04.2021
In der Marburger Oberstadt war es am Mittwoch (21. April) zeitweise so gut wie menschenleer.
In der Marburger Oberstadt war es am Mittwoch (21. April) zeitweise so gut wie menschenleer. Quelle: Thorsten Richter
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„Ich war sehr für die Zustimmung zu dem Gesetz, auch weil damit eine bundesweit einheitliche Regelung für die Pandemie gefunden wird“, erklärt Klaus Bohnke. In Bezug auf die Ausgangssperre könne man aber unterschiedlicher Meinung sein, ob sie zur Eindämmung der Infektionen beitragen kann, meint der Diplom-Soziologe. „Ich bin allerdings sehr dafür und würde auch die auf eine relativ kurze Zeit beschränkte Beschneidung der Freiheiten in Kauf nehmen“, bekennt der Marburger. Allerdings sollte für Gastronomie und Kultur flexibler reagiert werden, zum Beispiel Öffnung der Gastro-Außenplätze sowie vermehrte Kulturveranstaltungen. Dann, glaubt Bohnke, würden auch andere Einschränkungen leichter akzeptiert werden.

Günter Majewski aus Sichertshausen hält eine bundeseinheitliche Gesetzgebung „leider für notwendig, denn eigentlich wurden die Regelungen Anfang März vereinbart, in den Ländern aber sehr unterschiedlich interpretiert“.

Günter Majewski aus Sichertshausen Quelle: Andreas Schmidt

„Ich gehöre zu denen, die von der Notbremse nicht so viel halten“, bekennt Ludwig Legge. Für „höchst bedenklich und ineffizient“ hält der 85-Jährige gar die Ausgangssperren. „Wo sollten die Leute abends denn hingehen, es ist doch alles zu“, fragt der Marburger und ergänzt: „Spazieren gehen an der frischen Luft ist nicht ansteckend.“

Geteilter Meinung sind eine Mutter und eine Tochter aus Stadtallendorf, die anonym bleiben möchten. Die Mutter hält Ausgangssperren für richtig, der Tochter wäre es lieber, abends unterwegs zu sein.

Wenn Bürger die Aha-Regeln ernster genommen hätten, gäbe es auch keine Diskussion über strengere Regeln. Aber mit einer Ausgangssperre werde es einen Rückgang bei den Neuinfektionen geben, hoffen beide. Gegen Schulschließungen spricht sich die Schülerin einer Abschlussklasse aus; da alle zwei Tage getestet werde, glaubt sie, dass es an Schulen sicher sei.

Eine Ausgangssperre werde anscheinend gebraucht, meint Mirella Camerin, weil viele Mitmenschen „zu unvorsichtig und unvernünftig“ seien. Sie halten die Abstandsregeln nicht ein und tragen ihre Masken nicht konsequent, findet die Stadtallendorferin. „Das Problem liegt in der Gesellschaft“, sagt sie; und deshalb sei es wohl richtig, die Bürger quasi zur Vorsicht zu zwingen.

„Das Impfen muss schneller gehen“

Für Maximilian Schneider stellt eine Ausgangssperre ab 22 Uhr auch kein Problem dar. Auch der 31-jährige Heskemer ist dafür, dass „bundesweit klar geregelt ist, was wann gilt, und nicht jedes Bundesland oder sogar jeder Landkreis etwas anderes macht“.

Lena Kowalcyzk Quelle: Wisker

Dem stimmt Lena Kowalcyzk zu, doch die 21-jährige Studentin fragt: „Wann soll dieser Ausnahmezustand eigentlich enden? Die sollen einmal alles zwei, drei Wochen dichtmachen, allen Impfstoff verimpfen und dann das Thema beenden. Es sterben zum Glück immer weniger Menschen an Corona, aber die Gesellschaft stirbt gerade mit Corona.“

„Der Schlüssel ist das Impfen und das muss schneller gehen“, meint Werner Müller aus Unterrosphe und dass man sich langsam darauf einstellen müsse, „mit dem Virus zu leben und umzugehen, statt immer neue Verbote wie Beschränkungen im Freien und Lockdowns auszusprechen“.

Theodor Brinkmann Quelle: Wisker

„Für mich ist das alles nur noch Aktionismus und staatliche Willkür. Ausgangssperren zu einer Zeit, wo man sowieso nirgendwo etwas erleben kann, sind sinnlos“, findet Theodor Brinkmann.

Kein Bemühen der Politiker

Damit befördere man eher private Treffen,als sie zu verhindern. Der 71-jährige Rentner sieht „kein Bemühen der Politiker, dass die Menschen zu ihrem normalen Alltag zurückkehren können“.

Mehr Zuspruch als Ablehnung

Auf die Frage „Was halten Sie von den bundeseinheitlichen Regelungen?“ gingen am Mittwoch (21. April) bei der OP Reaktionen ein, die von „Überhaupt gar nichts“ über „Das ist die notwendige Konsequenz, wenn sich 16 Ministerpräsidenten nicht einigen können“ bis „Leider viel zu spät“ reichen. Unter den Zuschriften der Online-Befragung überwiegen bei denen, die mit ihrem Namen dazu stehen, die zustimmenden Kommentare.

Hella Schmidt aus Rauschenberg meint zum Beispiel: „Das furchtbare Durcheinander von Ländergrenze zu Ländergrenze und das ewige nicht Einhalten der Beschlüsse war ein Armutszeugnis und musste dringend vereinheitlicht werden. Endlich zu wissen, woran man überall in der Republik ist, hilft auf jeden Fall, das Chaos zu mindern und die Akzeptanz für die Maßnahmen zu steigern.“

„Mehr als überfällig“

„Mehr als überfällig“, findet Florian Erle aus Caldern die Regelungen, weil die zur Verfügung stehenden Instrumente „landauf, landab immer unterschiedlich interpretiert“ wurden. Regional begrenzte Unterschiede bei ähnlich hohen Inzidenzwerten fand er „vollkommen unverständlich“. Damit sei jetzt Schluss. „Es ist jetzt keine Zeit zum Streiten und Diskutieren, sondern zum Handeln.“

Etienne Sauer hält die Beschlüsse für „sehr wichtig“, für den Marburger kommen sie „allerdings zu spät!“ Jetzt sei das Kind schon in den Brunnen gefallen und viele Existenzen wären am Boden. Dagegen findet Amanda Bergheim die Notbremse gut und wichtig, die Marburgerin sieht allerdings ein bestehendes Problem: „Die Wirtschaft wird höher geschätzt als Menschenleben, anstatt Büros und andere Innen-Arbeitsplätze zu schließen, wo bewiesenermaßen das größte Risiko steckt und auch kaum kontrolliert wird, werden Nachtspaziergänge verboten und das Privatleben der sowieso schon zermürbten Menschen weiter verboten. Wir können alle nicht mehr leben, sollen aber trotzdem arbeiten. Das ist meiner Meinung nach menschenverachtend.“

Ein härteres Durchgreifen gegen Betriebe befürwortet auch Linda Becker. Allerdings könnten Aktivitäten im Freien weiter zugelassen bleiben, meint die Marburgerin, denn: „Es besteht wenig Gefahr, dass man sich ansteckt, wenn man im Tierpark an jemandem vorbei läuft.“ Allerdings hält sie von der Bundesnotbremse sonst nichts, ebenso wie Andreas Richter, der meint, dass einmal eingeschränkte Freiheiten „nicht mehr zurückkommen. Die Regierung versagt bei der Coronapandemie auf ganzer Linie und das einzige, was man macht, ist hilfloses um sich Schlagen, wie ein Ertrinkender.“

Einzig von der nächtlichen Ausgangssperre halten Dirk Prinz und Werner Ullrich nichts. „Alles andere hätte schon viel früher eingeführt werden müssen“, meint der Marburger Ullrich; und der Amöneburger Prinz glaubt, dass „die, die sich treffen wollen, sich weiterhin treffen oder halt einfach früher“. Prinz versteht auch nicht, weshalb man das Einkaufen im Einzelhandel nicht über eine Zutrittsbeschränkung regeln kann.

Grundschullehrerin Uta Preck findet es „unerträglich“, dass die Grenzwerte für die Schulschließung auf Kosten des Kindeswohls noch gesenkt wurden. „Ich kann täglich die Folgen beobachten und erleben. Alarmierend! Meines Erachtens müssten da dringend andere Lösungen als Schulschließungen gefunden werden“, findet die Marburgerin, die aber die sonst „klaren, transparenten und einheitlichen Regelungen“ begrüßt.

Vorgaben der „Bundesnotbremse“

Ausgangsbeschränkungen: Von 22 bis 5 Uhr darf die Wohnung oder das Grundstück nicht verlassen werden. Ausnahmen: Notfälle, die Berufsausübung, Pflege und Betreuung, das Versorgen von Tieren oder andere wichtige Gründe. Joggen und Spaziergänge sollen als Soloaktivität bis Mitternacht erlaubt bleiben.

Private Kontakte: Mitglieder eines Haushaltes dürfen einen weiteren Menschen treffen. Kinder bis 14 Jahre zählen nicht mit. Diese Beschränkung gilt nicht für Treffen von Ehe- und Lebenspartnern oder zum Wahrnehmen des Sorge- und Umgangsrechts. An Trauerfeiern dürfen bis zu 30 Menschen teilnehmen.

Einkaufen: Abgesehen vom Lebensmittel-, Drogerie-, Buch- und Blumenhandel sowie anderer Bereiche dürfen Kunden nur in Geschäfte, wenn sie einen negativen Corona-Test sowie einen Termin haben. Übersteigt der Inzidenzwert 150, ist nur das Abholen bestellter Waren per Click & Collect erlaubt.

Schulen: Liegt die Sieben-Tage-Inzidenz drei Tage hintereinander über 165, ist der Präsenzunterricht ab dem übernächsten Tag verboten. Ausnahmen sind für Abschlussklassen und Förderschulen möglich.

Von unseren Redakteuren

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