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Marburg „Ausbildung ist der Schlüssel“
Marburg „Ausbildung ist der Schlüssel“
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20:15 19.08.2021
Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD, von links) besuchte mit Sören Bartol die Marburger Produktionsschule.
Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD, von links) besuchte mit Sören Bartol die Marburger Produktionsschule. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Dass die Marburger Produktionsschule (MPS) ihrem Namen alle Ehre macht und unheimlich produktiv ist, war unüberhörbar. Ein Klopfen und Hämmern umgab Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gestern während seines Besuchs in den Räumen der MPS am Krekel. In der MPS arbeiten Jugendliche mit und ohne Fluchterfahrung zwischen 16 und 25 Jahren, die den Übergang von Schule in die Berufsausbildung ohne Hilfe nicht schaffen. Dazu gehören Jugendliche, die ohne Abschluss oder nur mit sehr schlechten Noten die Schule verlassen, die aus Förderschulen kommen oder trotz schulischer Berufsorientierung nicht orientiert sind. Im Jahr 2020 waren insgesamt 22 Jugendliche in der MPS, 18 Teilnehmer waren männlich, zehn von ihnen hatten keinen Schulabschluss.

Seit gut 20 Jahren bietet das Kooperationsprojekt des Vereins Arbeit und Bildung und der Adolf-Reichwein-Schule diesen jungen Menschen eine an ihre Bedürfnisse angepasste Berufsvorbereitung. „Wir verbinden Theorie mit der Praxis“, erläuterte Angelika Funk das Konzept der MPS, das seinen Fokus auf projekt- und produktorientiertem Arbeiten mit hohem Berufs- und Praxisbezug hat.

Zusammen mit Kordula Weber bildet Angelika Funk seit diesem Jahr die weibliche Doppelspitze bei Arbeit und Bildung. Die beiden Geschäftsführerinnen stellten dem Bundesarbeitsminister den außerschulischen Lernort vor, dessen Ziel es ist, Jugendliche durch eine Kombination aus Arbeiten und Lernen, dem Ausbildungs- und Beschäftigungssystem näherzubringen. Ganz konkret bedeutet dies, dass Jugendliche – zum Beispiel – unter Anleitung eines Schreiners und mit sozialpädagogischer Betreuung Gartenmöbel entwerfen, sie bauen, am gesamten Produktionsablauf teilnehmen, Bewerbungstrainings absolvieren, aber auch ganz realitätsnahe Dinge erlernen wie pünktlich zu erscheinen oder eine Krankmeldung abzugeben.

Wie wichtig das Erlernen dieser Schlüsselqualifikationen ist, machte Heil auch den fleißig werkelnden Jugendlichen deutlich: „Ausbildung ist die wichtigste Eintrittskarte in ein erfolgreiches Berufsleben“, betonte der Bundesarbeitsminister und führte als Beleg die Statistik an: zwei Drittel aller Langzeitsarbeitslosen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. „Ich bin mir sicher, dass Ihr es hier schaffen werdet“, motivierte der Minister die jungen Männer an der Werkbank.

Heil lobte mit Hinblick auf die zahlreichen unterschiedlichen Beschäftigungsinstrumente bei Arbeit und Bildung die hohe Teilnehmerzahl der Maßnahme „Teilhabe am Arbeitsmarkt“, die Menschen wieder in Arbeit bringt, die lange „draußen waren“. Geschäftsführerin Weber nutzte das, um darauf hinzuweisen, dass es für die Unterstützung dieser Menschen wichtig wäre, wenn das Coaching beim gleichen Träger bleibe, um das Vertrauensverhältnis weiter zu stärken. Heil kündigte an, dass nach einer Auswertung genau dies geprüft werde, genauso wie eine Entfristung der Maßnahme.

Er unterstrich während seines Rundganges noch einmal, dass Deutschland in der „tiefsten Wirtschaftskrise unserer Generation“ stecke. Dass der deutsche Arbeitsmarkt durch Corona keinen „Tsunami“ erlebt habe, sei vor allem auch den Arbeitsämtern zu verdanken. „Was Sie allein an Kurzarbeit gewuppt haben, ist toll“, sagte er in Richtung von Andrea Martin. Neben der Leiterin des Kreisjobcenters nahmen auch zahlreiche andere Verantwortliche von Bildungsträgern aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf an einem anschließenden Fachgespräch mit dem Minister teil. Dabei bekam Heil fachspezifische Sorgen und Nöte zu hören, dessen Lösungsvorschläge er mit auf den Weg nach Berlin nehmen wird.

Für die Marburger Produktionsschule zum Beispiel ist die Digitalisierung ein großes Thema. Dies habe sich vor allem während der Corona-Pandemie gezeigt. „Wichtig für uns wäre, dass nicht nur die Schulen, sondern auch wir als Bildungsträger Mittel für die Digitalisierung bekommen“, verdeutlichte Funk die Herausforderung des rein aus Drittmitteln finanzierten Projektes.

Die beiden Geschäftsführerinnen des 2020 mit dem Hessischen Integrationspreis ausgezeichneten Vereins erhoffen sich aus dem Besuch des Ministers mehr Sichtbarkeit für ihr „Zwischensystem“, das oftmals übersehen werde, wenn es um Förderungen gehe. „Es wäre schön, wenn unsere Arbeit auf dem Markt ein Gewicht bekommt“, betonte Funk.

Von Nadine Weigel

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