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Marburg Kein Recht auf freie Aussicht
Marburg Kein Recht auf freie Aussicht
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18:00 25.09.2019
Michael Feodor-Kunz (von links), Doris Schünker und Hans-Ludwig Geisler wollen um den Erhalt des alten Pfarrgartens in Cappel kämpfen. Dort soll ein Mini-Wohnheim mit Tiefgarage entstehen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Pfarrer Glänzer will den Pfarrgarten vermarkten.“ So jedenfalls hat es Marianne Becker gehört. Und auch, dass der St. Elisabeth-Verein ein „strategischer Partner“ für die evangelische Kirche in Cappel ist. Der will oder hat bereits das etwa 5.000 Quadratmeter große Gelände des alten Pfarrgartens gepachtet. Er plant dort, neben einem Mini-Altenwohnheim mit Tiefgarage, auch zwölf Apartments für betreutes Wohnen zu bauen.

Auf OP-Nachfrage hält sich der Verein bedeckt. „In naher Zukunft“ gäbe es einen „Notartermin für die Unterzeichnung der Pachtverträge“, ließ sich Manfred Günther entlocken. Es sei bereits alles abgestimmt. Das hoffen die Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) „Erhaltung des Pfarrgartens und der Umgebung“ nicht. „Der Garten hat Tradition, gehört zur Orts- und Kirchengeschichte.

Er ist ein Klein-Idyll im alten Kern von Cappel“, bekräftigt Doris Schünker, warum sich die BI gegründet hat. „Für viele Cappeler ist er erhaltenswert. Wenn er erst einmal weg ist, kommt er nicht wieder zurück“, ergänzt sie noch. Allerdings weiß sie auch, dass dieser Bereich nach Paragraph 34 des hessischen Baugesetzbuches beplant ist und demnach kein Bebauungsplan notwendig ist.

„Das bedeutet, dass Natur- und Artenschutz nicht so genau geprüft werden, als wenn ein Bebauungsplan existieren würde“, sagt Doris Schünker kopfschüttelnd. Dass in Zeiten des Klimanotstandes derart alter Baumbestand und die große Grünfläche einfach durch Häuser und Parkflächen ersetzt werden darf, ist für Hans-Ludwig Geisler unverständlich.

Das Haus soll elf Meter hoch werden

Er wohnt direkt nebenan, genießt jeden Tag den Blick in das kleine Vogelparadies und wird richtig sauer angesichts der Planungen. Elf Meter hoch soll das Haus werden, auf dessen Giebel er wohl bald schauen wird. Sein Gemüsegarten wird dann wohl keine Sonne mehr abbekommen und die leichte Brise, die jetzt manchmal von Süden kommt, sein Grundstück nicht mehr erreichen.

Für ihn, wie auch für Michael­ Feodor-Kurz ist es unbegreiflich, wie die Zufahrt zwischen der alten Eiche und dem alten­ ­Pfarrhaus realisiert werden soll, ohne dass der Baum Schaden nimmt. „Die Krone müsste sehr stark zurückgeschnitten werden. Und ich bin mir sehr sicher, dass die Wurzeln bei den Tiefbauarbeiten geschädigt werden. Ob der Baum das überlebt, wage ich zu bezweifeln“, sagt der Anwohner der Marburger Straße direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite.

Schon jetzt wäre es für den Lieferverkehr schwierig, die verengte Fahrbahn zu passieren. „Da ich selbst in der Pflege arbeite, weiß ich, was zukünftig täglich an- und abgeliefert wird“, befürchtet der Anwohner ein Verkehrschaos im alten Ortskern. Zusätzlich kämen ja auch noch die Fahrten der Mitarbeiter, Angehörige und Ärzte dazu.

Doris Schünker sieht neben der veralteten Straßen-Infrastruktur auch die Gehwege als Problem. Die sind viel zu schmal für Rollatoren oder Rollstühle, so dass es schnell zu Unfällen kommen könnte, wenn gehbehinderte Bewohner das Gelände verlassen würden. Auch falle eine weitere öffentliche Parkplatzfläche für den Bau des Wohnheimes und der Tiefgarage weg.

Altes Pfarrhaus soll Begegnungsstätte werden

„Wir sind nicht gegen Altenwohnheime oder betreutes Wohnen in Cappel“, betont Doris Schünker noch einmal. Hans-Ludwig Geisler nickt und fügt hinzu: „Es gibt an anderer Stelle in Cappel Brachflächen, die sich besser eignen und der Natur weniger oder gar keinen Schaden zufügen würden.“

Er nennt Beispiele auf der anderen Seite der Umgehungsstraße, die er für geeigneter hält. Beispielsweise das Gelände des alten Feuerwehrgerätehauses, da es dafür einen neuen Standort gibt. Allerdings weiß Marianne ­Becker, dass die Kirche die Einnahmen aus der Verpachtung dringend benötigt.

Schon jetzt kann das alte Pfarrhaus weder saniert noch das Geld für die laufenden Kosten aufgebracht werden. Der St. Elisabeth-Verein will das Pfarrhaus, laut den Vorstellungen in der jüngsten Ortsbeiratssitzung, als Begegnungsstätte ausbauen.

Heinz Wahlers von den „Aktiven Bürger Cappel“ und ehemaliger Ortsvorsteher kann die Aufregung nur bedingt verstehen. „Seit fünf Jahren laufen schon die Planungen. Sowohl Denkmalbeirat und das städtische Bauamt haben ihr Okay ­gegeben“, berichtet er im OP-Gespräch und sagt: „Es gibt kein Recht auf freie Aussicht.“ Der Ortsbeirat trifft sich morgen ab 20 Uhr in der Verwaltungsaußenstelle an der Marburger Straße 21b. Die Sitzung ist öffentlich.     

von Katja Peters