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Marburg Die Wächter der Nacht
Marburg Die Wächter der Nacht
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07:58 07.08.2020
Dieses historische Foto aus dem Jahr 1902 zeigt die letzte Generation der Marburger Nachtwächter.
Dieses historische Foto aus dem Jahr 1902 zeigt die letzte Generation der Marburger Nachtwächter. Quelle: Quelle: Stadtarchiv Marburg
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Marburg

„Hört, ihr Leut’, und lasst euch sagen, unsere Uhr hat zwei geschlagen“: Diese Worte laut ausrufend, geht der in sein schmuckes grünes Gewand gekleidete Nachtwächter gemessenen Schrittes am frühen Morgen im romantisch schimmernden Licht einer Laterne durch die Barfüßerstraße in der Oberstadt. Zwei vorbeikommende Bürger begegnen ihm und grüßen den majestätisch aussehenden Mann, indem sie an ihre Hut-Krempen tippen. Es kommt zu einem angeregten kleinen Plausch zwischen der Respektsperson und den nächtlichen Passanten, bevor dieser sich gemütlich auf seinen weiteren Rundgang macht.

Diese idyllisch anmutende Szene wie aus einem Biedermeier-Roman spielte sich aber in den allermeisten Fällen wohl nicht ganz so ab. Aber die Realität für die Marburger Nachtwächter, die noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts diese Funktion ausübten, war eher ernüchternd für sie und mit einer Reihe von Demütigungen verbunden. Gerade in Marburg seien die Nachtwächter wegen ihres vermeintlich schlichten Geistes verspottet worden und hätten unter „manch derben Neckereien der akademischen Jugend“ leiden müssen. „In Marburg waren sie das Gespött für alle Leute. Sie wurden von Studenten verprügelt und verachtet und bekamen wenig Geld“: So fasst der Stadtführer und pensionierte Lehrer Wilhelm Stehling im Gespräch mit der OP das Ergebnis seiner Recherchen zur Geschichte der Marburger Nachtwächter zusammen, die ihn unter anderem in die Marburger Archive geführt haben und wo er vor allem viele Quellen aus dem 19. Jahrhundert gesichtet hat.

Aus den Recherchen ist jetzt ein reich illustriertes Buch entstanden, das den Untertitel „Zwischen Lebenswirklichkeit und Legende“ trägt.

Die Nachtwächter in Marburg hätten jedenfalls entgegen der landläufigen Meinung auch keine Form von polizeilicher Tätigkeit ausgeübt und auch keine Hellebarde wie bei den heutigen nächtlichen Kostüm-Führungen oder eine andere Form von Bewaffnung mit dabei gehabt.

Heutzutage liege ein besonderer Reiz darin, sich bei einer Nachtwächter-Führung bei Dunkelheit in eine längst vergangene gemütvolle Zeit versetzen zu lassen, als der Nachtwächter mit seiner Laterne hilfsbedürftigen Menschen heimleuchtete, meint Stehling. Er muss es wissen, denn er schlüpft seit 2015 selbst bei offiziellen Gästeführungen in Marburg in das Kostüm eines von ihm selbst im Vorwort seines Buchs so beschriebenen „nostalgisch verklärten Nachtwächters“. Dadurch entstand auch sein Interesse an Geschichte und Geschichten rund um die Nachtwächter.

Apropos Kleidung: Auch damit sei es in der Regel nicht so weit her gewesen bei den Nachtwächtern, stellt Wilhelm Stehling fest. „Sie waren tumbe, arme Toren. Sie haben einen dunklen Mantel verpasst bekommen, den sie dann jahrelang abtragen mussten“, erzählt er.

Dass diese Männer dann manchmal etwas abgerissen und zerlumpt ausgesehen hätten, das vermittelt sich nach Darstellung Stehlings wohl auch ein wenig auf der einzigen Fotografie, die noch von den Marburger Nachtwächtern erhalten ist. Sie stammt nach seinen Recherchen wohl aus dem Jahr 1902 und zeigt in einer Gruppenaufnahme die letzte Generation der Nachtwächter, bevor dieser Berufsstand in der Universitätsstadt Marburg offiziell abgeschafft wurde. Damals wurden sie abgelöst von der städtischen Nachtpolizei.

Eine der Aufgaben der Marburger Nachtwächter war auch in der schnöden Realität das Ausrufen der Stunden. Das sei eine Art menschliche Zeitansage in der Nacht gewesen, erläutert Stehling. Um 4 Uhr morgens endete dann in der Regel der Dienst der Wächter der Marburger Nacht, indem sie ihr Schlusslied sangen. Der Buchautor nennt zudem noch zwei der wichtigsten Aufgaben der Wächter: Sie mussten aufpassen, dass kein Feuer in der Stadt ausbricht und sie sollten Kranken in der Nacht nach Hause helfen. Zudem sollten sie auch das Hab und Gut der Mitmenschen zur Nachtzeit von Dieben und Räubern schützen, wie es Stehling beschreibt.

In den Anfangszeiten gab es in Marburg nur zwei Quartiere in der Oberstadt sowie eines in Weidenhausen, das regelmäßig von den Nachtwächtern begangen wurde. Später weiteten sie sich aus.

Anheimelnd seien diese Touren in den allermeisten Fällen wohl nur in der romantisch verklärten Rückschau gewesen. „Für den ’echten’ Nachtwächter vergangener Jahre war der Weg über die steilen Treppen und durch die engen Gässchen der Oberstadt eine mühselige Dienstpflicht, die er auch bei Sturm, Regen, Kälte und Schnee in jeder Nachtstunde einmal bewältigen musste“, beschreibt Stehling den Alltagsdienst.

Schriftliche Nachweise zur Existenz der städtischen Nachtwächter existieren laut Stehling ab dem 15. Jahrhundert. Im Lauf der Jahrhunderte seien sie aber nicht die einzigen Hüter der Marburger Nächte gewesen.

So geht der Buchautor auch auf die Rolle der von der Universität aufgestellten Scharwächter, die Türmer auf dem Schloss, die Laternenanzünder und die Universitätswächter ein. „Bei Problemen der Durchsetzung von nächtlicher Ruhe und Ordnung prallten dann die Belange von Stadt, Universität und Militär aufeinander“, beschreibt Stehling das komplizierte Spannungsfeld von politischen, administrativen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Dass die Marburger Nachtwächter heutzutage seit 2006 auf Initiative von Gästeführern bei ihren Kostümführungen einen froschgrünen Mantel anstelle eines schwarz-grauen Gewandes tragen, geht übrigens laut Stehling auf die Marketing-Idee der Macher des noch heute hergestellten gleichnamigen Kräuterlikörs zurück, der erst ab 1950 überhaupt verkauft wurde. Die passende Figur für das Etikett in eben diesem grünen Outfit mit Laterne, Hellebarde und Horn hatte damals der Werbegrafiker Eduard T. Korflür gestaltet.

Von Manfred Hitzeroth