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Marburg Buch bietet Einblicke in Elend auf Lesbos
Marburg Buch bietet Einblicke in Elend auf Lesbos
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13:00 19.07.2021
Seit einem Brand im September 2020 gibt es das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos so nicht mehr – eine Marburgerin arbeitete zuvor auf der griechischen Insel und hat ihre Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben.
Seit einem Brand im September 2020 gibt es das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos so nicht mehr – eine Marburgerin arbeitete zuvor auf der griechischen Insel und hat ihre Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben. Quelle: Archiv
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Marburg

Nach Monaten als Flüchtlingshelferin auf der griechischen Insel Lesbos hat Helge-Ulrike Hyams ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. Ein OP-Interview mit der 79-Jährigen.

Helge-Ulrike Hyams. Quelle: Archiv

In Ihrem Buch „Denk ich an Moria“ schildern Sie Ihre Eindrücke und Erlebnisse nach Monaten als Flüchtlingshelferin auf der Insel. Was war der für Sie eindrucksvollste Moment – im Guten wie im Schlechten?

Helge-Ulrike Hyams: Besonders prägend waren für mich jene Augenblicke, die beides zugleich waren, die Gutes und Schlechtes gleichzeitig enthielten. Ein Beispiel: Ich arbeitete in der Schweizer NGO „One Happy Family“. Täglich wurde pünktlich um 14 Uhr Mittagessen ausgeteilt – der Höhepunkt des Tages. Die Menschen waren für einen Teller Linsen oder Bohnen eine Stunde lang zu Fuß gewandert. Einmal die Woche sogar ein Brocken Hühnchen-Fleisch in der Suppe. Wir vergaben die Teller in Höchstgeschwindigkeit: mehrere Hundert Menschen in 20 bis 30 Minuten, das Essen sollte ja noch halbwegs warm sein. Dazu das Brot, die dankbaren Gesichter, die ausgetauschten Worte. Diese Momente sind mir unvergesslich. Und zugleich hatten wir doch immer das Gefühl, es sei zu wenig. Tatsächlich war kaum genug auf dem Teller. Diese Gedanken, dass wir den Hunger der Menschen nie wirklich stillen konnten, ließen uns nie los.

Zum Leid der Flüchtlinge ist viel gesagt worden, aber Sie widmen sich speziell der Situation der Inselbewohner. Wie kam es zu deren Protest und vor allem: Wie hätte man die Konflikte vermeiden, was hätte wer besser machen können?

Hyams: Sie haben recht, es gibt einige Berichte über das Leid der Lagerbewohner von Moria. Mir war es wichtig, die verschiedenen Perspektiven der in und um Moria beteiligten Personengruppen besser zu verstehen. Es handelt sich um ein komplexes Geflecht zwischen drei großen, sehr unterschiedlichen Gruppen: Die Migranten selbst, die griechische Bevölkerung, die große Zahl der NGOs. Man darf nicht unterschätzen, mit welch großem Einsatz die Inselbewohner von Anfang an die hohe Anzahl der dort Gestrandeten unterstützt haben. Sie haben wirklich alles gegeben: Essen, Trinken, Kleidung, Decken und Unterkunft. Viele griechische Ärzte und Krankenschwestern, die tagsüber ihren regulären Dienst machten, versorgten nachts und an Wochenenden die von der Überfahrt entkräfteten Flüchtlinge, die an den Stränden von Lesbos landeten. Als zunehmend klar wurde, in welche Situation Moria nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die Inselbewohner gebracht hatte, wandelte sich die anfangs positive Haltung. Der Tourismus als Haupteinnahmequelle der Insel war gefährdet und mancherorts zerstört. Skepsis, Ablehnung und teilweise offene Aggression gegen die Migranten machten sich breit. Die Griechen wehrten sich dagegen, dass ihre Insel eine „Insel der Schande” geworden ist, und Objekt der angestauten Wut wurden die Flüchtlinge. Brüssel war für die meisten zu fern, zu abstrakt. Die Flüchtlinge aber waren vor Ort und sehr real, sie wurden zum Sündenbock.

Sie blicken auch auf die vielen Nicht-Regierungs-Organisationen, die auf Lesbos tätig waren. Nicht ganz unkritisch - wo und wie sorgten die NGOs eher für Probleme als für Lösungen im bzw. um das Lager?

Hyams: Wie alles dort in dieser angespannten Situation war auch der Einsatz der NGOs ambivalent, gab es zwei Seiten. Manchmal traten NGOs bei ihrem Einsatz allzu dominant, allzu selbstbewusst in ihrer Rolle der Helfer auf. Dies führte oft dazu, dass sich griechische Helfer zurückzogen. Manche fühlten sich durch die Ausländer bevormundet oder gar entmündigt. Die ausländischen Freiwilligen waren teilweise auch so stark auf ihre jeweiligen Aufgaben fokussiert, dass sie sich nicht genügend auf die griechische Mentalität, die Lebenssituation dort einstellen konnten und an den Griechen vorbei agierten. Aber selten in meinem Leben habe ich auch so engagierten Einsatz erlebt wie etwa bei den Ärzten ohne Grenzen.

Mit Abstand betrachtet, was ist Ihr Resumée: Was muss strukturell – gerade im Zusammenspiel von Politik, NGOs und einheimischen Bürgern – geschehen, dass sich Moria nicht wiederholt, beziehungsweise ewig fortsetzt?

Hyams: Die Befürchtung auch der Inselbewohner ist eher, dass das Flüchtlingselend kein Ende nehmen wird. Wenn einmal – wie jetzt im Landesinneren und somit fernab von den Augen vor allem von Touristen geplant ist – neue Lager gebaut sind, werden sie dauerhaft bleiben. Niemand verlässt seine Heimat freiwillig, etwa aus Abenteuerlust oder getrieben von der Hoffnung auf materielle Vorteile. Flucht bedeutet vor allem Erschütterung und Verlust. Die kleine Marwa aus Afghanistan, die ich in Moria kennenlernte und der ich mein Buch widme, ist im Mai zwölf geworden. Seit neun Jahren ist sie auf der Flucht. Ich hätte gerne eine Lösung parat, aber mein Beitrag kann nur gering sein: schreibend Zeugnis abzulegen vom Lager Moria, wie ich es erlebt habe.

  • Buch-Info: „Denk ich an Moria. Ein Winter auf Lesbos.“ IBSN: 9783946334941

Von Björn Wisker

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