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Marburg „Sie werden an dem Krebs sterben“
Marburg „Sie werden an dem Krebs sterben“
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21:47 15.10.2020
Auf der Bildschirmdarstellung einer Magnetresonanz-(MR)-Mammographie ist ein winziger Tumor in der Brust einer Patientin zu sehen.  Quelle: Jan-Peter Kasper/dpa
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Marburg

Ihren Namen möchte sie bitte nicht veröffentlicht haben. „Ich möchte nicht über meine Krankheit definiert werden. Die mitleidigen Blicke sind manchmal nicht zu ertragen. Mein Krebs macht meinem Umfeld mehr zu schaffen, als mir selbst“, sagt Anita (Name von der Redaktion geändert). Bei ihr wurde vor vier Jahren bei der Routineuntersuchung ein Knoten in der Brust festgestellt. Während der Operation entfernten die Ärzte auch gleichzeitig noch zwölf Lymphknoten, von denen vier bereits befallen waren. „Damit war klar, dass es eine systemische Erkrankung ist“, erklärt die 61-Jährige. Hatte sie sich anfänglich noch gegen eine Chemotherapie gesträubt, war nach der Operation klar, dass sie diese machen muss.

Doch wie war der Moment der Diagnose? „Ich konnte es nicht glauben. Ich habe immer gesund gelebt, hatte eine stabile große Gesundheit. Es gab nicht mal eine familiäre Vorbelastung. In meinem Freundeskreis gab es keine einzige Frau mit Brustkrebs. Ich war die einzige. Es hat mich eiskalt erwischt.“

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Sie verfällt in den „Rödelmodus“. „Andere werden lethargisch, mauern sich ein – ich verfiel in den Aktionismus.“ Krank fühlte sie sich nicht, „mir ging es gut“. Über einen Port unterhalb des Schlüsselbeins erhält sie über ein halbes Jahr lang die Medizin, die den Krebs besiegen soll. Noch immer fehlten ihr das Verständnis und auch die Akzeptanz für die Erkrankung. „Aber als mir die Haare ausfielen, da war mir klar: Du hast Krebs.“

Ein Jahr lang braucht Anita, um sich von der „Totalvergiftung“ zu erholen. Mit Komplementärmedizin wie Schüßler-Salze, Globuli und pflanzlichen Präparaten unterstützt sie ihren Heilungsprozess. „Ich habe mir immer gesagt: Der Onkologe kümmert sich um den Krebs, ich kümmere mich um meine Gesundheit. Aber meine alte Kraft, körperlich und auch seelisch, habe ich nie wieder zurückgekriegt.“ Mit Unterstützung ihrer Familie, vor allem durch ihren Mann, kämpft sie sich zurück, versucht eine Wiedereingliederung, die aber scheitert. Je gesünder sie wurde, desto mehr baute ihr Ehemann ab. Er erleidet einen Burn-out. „Für Angehörige sind so eine Diagnose und die Behandlung oft noch schlimmer als für den Erkrankten selbst. Sie stehen daneben und fühlen sich so ohnmächtig. Sie können nichts tun, nur zugucken. Ich kann wenigstens Medikamente nehmen.“

„In dieser Zeit ein selbstbestimmter und urteilsfähiger Patient zu bleiben, ist schwer.“

Weihnachten 2018 dann der nächste Tiefschlag: Der Krebs ist zurück. „Ich hatte schon seit dem Sommer immer wieder unspezifischen Husten. Nach mehreren Untersuchungen erfuhr ich den Grund: 30 Metastasen, verteilt auf den ganzen Körper. 20 in der Lunge, drei in der Leber, der Rest im Gehirn, in Knochen und Lymphknoten. In der Brust war nichts. Und ich habe mich so wohlgefühlt, ja fast wie unkaputtbar.“ Dieses Gefühl wurde jäh unterbrochen, als eine Ärztin auf der gynäkologischen Station zu ihre sagte: „Sie werden an dem Krebs sterben.“ „Ich hatte bis dahin noch nicht einen Gedanken an den Tod verschwendet. Mir war immer klar, dass ich stärker bin. Auch heute schiebe ich das alles noch weg. Dennoch habe ich registriert, dass das Thema Tod näher rückt.“

Wieder muss Anita eine Chemotherapie machen, wieder fallen ihr die Haare aus, wieder kämpft sie mit den vielen Nebenwirkungen. „In dieser Zeit ein selbstbestimmter und urteilsfähiger Patient zu bleiben, ist schwer. Ich habe mich viel informiert, denn nur auf die Ärzte hören, wollte ich auch nicht. Auf der anderen Seite war es toll, wie die Chemo viele der Metastasen einfach weggeputzt hat. Es ist wirklich unglaublich, was Medizin leisten kann.“ Nur die Herde im Kopf und in den beiden Hüftknochen sind noch da. Was mit ihnen geschieht, ist noch nicht geklärt. „Ich lass mir ja nicht einfach so den Kopf aufschneiden“, sagt Anita.

„Er ist nicht mein Partner! Er ist ein Schattenwesen.“

Sie macht keine großen Pläne mehr, „wir gehen jeden Tag neu damit um. Mein Kopf ist manchmal so leer und ich muss bei aller Therapie gucken, dass ich aufrecht bleibe, vor allem seelisch.“ Neben dem Garten helfen ihr auch die Besuche bei der Selbsthilfegruppe „Leben mit Krebs“. Einmal im Monat trifft man sich und erzählt. „Das tut mir sehr gut. Ich brauche mich nicht zu erklären und wir reden auch gar nicht so viel über unsere Krankheiten“, sagt sie. Das Wissen, dass sie nicht die einzige mit dieser Diagnose ist, der Erfahrungsaustausch und auch die Tipps und Hinweise, die sie aus Vorträgen mitnehmen kann, helfen, den eigenen Weg zu finden, mit Krebs zu leben. „Er ist nicht mein Partner! Er ist ein Schattenwesen, das in meinem Körper sein Unwesen treibt.“ Und auch wenn er sie gerade daran hindert, das Leben zu leben, was sie sich mal vorgestellt hat, so hat Anita trotzdem ihren Frieden gefunden: „Wir hatten ein reiches Leben, haben im Tessin und in Neuseeland gelebt, sind viel gereist. Da fällt es uns jetzt einfacher mal runterzuschrauben. Auch, wenn wir noch so viel machen wollten.“ Und eines haben sie schon gemacht, obwohl es nicht auf den Plan stand: den Friedwald besucht.

Kontakt zur Selbsthilfegruppe „Leben mit Krebs“: Herborner Straße 46, 35096 Weimar (Lahn), Telefon: 06421 / 16 26 25, Mobil: 0176 / 96 80 64 03, Internet: www.lebenmitkrebs.org, E-Mail: beratungsstelle@lebenmitkrebs-marburg.org

Nächster Termin „Anleitungen zur Selbstuntersuchung der Brust“: Freitag, 23. Oktober, 17 bis 18 Uhr im Sitzungssaal des Bauamtes, Barfüßerstraße 11, Marburg. Um Anmeldung wird gebeten unter gesund@marburg-stadt.de

Von Katja Peters