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Marburg Brötchen, eine Stracke, Kokain und Falschgeld
Marburg Brötchen, eine Stracke, Kokain und Falschgeld
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20:10 02.12.2021
Das Marburger Landgericht.
Das Marburger Landgericht. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Am dritten Verhandlungstag zum Raubüberfall vor dem Neustädter Rewe-Markt sowie zu Drogengeschäften am Marburger Richtsberg waren am Dienstag am Landgericht die Stellungnahmen von Gutachtern, die Auswertung von Chatverläufen sowie die Mitschnitte von Telefonaten zu hören. Die Gespräche führte der 38-jährige Angeklagte mit einer Frau sowie dem beim vorgeworfenen Drogengeschäft am Richtsberg ebenfalls festgenommenen 37-Jährigen.

Dabei ging es um Schulden, die der 37-Jährige beim Angeklagten hatte, sowie um „Brötchen“, die noch da seien, und eine „Stracke“, die nicht gut schmecke. Dies habe der 38-Jährige schon von anderen gehört und er werde sich „beim Metzger beschweren“, auch weil die Qualität jede Woche eine andere sei. Der Frau sollte der Angeklagte im Schuppen bei seiner Wohnung etwas für 15 Euro bereitlegen, wofür sie ihm Geld hinlegen wollte. Insgesamt wären sie bei 110 Euro, war zu hören.

Der Vorsitzende Richter Gernot Christ fragte im Anschluss, ob der Angeklagte angesichts dieser Mitschnitte bei seiner Behauptung bleibe, das Kokain am Richtsberg nur zum Eigenkonsum für sich und den 37-Jährigen gekauft zu haben.

Dies sei sehr fernliegend und es sei die letzte Möglichkeit, Pluspunkte zu sammeln. Daraufhin erklärte der 38-Jährige, er konsumierte derzeit alle paar Tage bis zu einem Gramm Kokain, wie viel der 37-Jährige konsumiere, könne er nicht sagen.

Und ja, er wollte mit dem Verkauf „ein bisschen“ Gewinn machen. Eine weitere Brücke eröffnete Christ, als er den Angeklagten fragte, ob er dabei bleibe, dass das in seiner Wohnung gefundene Falschgeld Spielgeld für seine Tochter sein sollte.

Das bejahte der 38-Jährige, er könne dazu auch ein Foto zeigen. Am ersten Verhandlungstag sagte er, die Scheine seien durch einen Aufdruck als unecht zu erkennen. In einem Gutachten des Analysezentrums der Deutschen Bundesbank in Mainz heißt es dazu, dass die 100 Scheine in einer Stückelung zu 50 trotz der Veränderung verwechselbar seien.

Dieses Gutachten verlas Christ ebenso wie Niederschriften eines Chats des Angeklagten im Internet in der „Gruppe Falschgeld“. Darin erklärte der Angeklagte einem Gesprächspartner, 500 Euro investieren zu wollen, bis zum Ende des Jahres könnten es auch „40 000 Blüten“ werden.

Kasseler Rockerbande

Um sicher zu gehen, nicht an Ermittler zu geraten und die Qualität der Blüten bewerten zu können, einigte man sich auf den Kauf von vier 50ern für 60 Euro. Der Angeklagte überwies das Geld, erhielt die Blüten aber nicht. Dazu erklärte Pflichtverteidigerin Viktoria S. Kunkel, bei den im Gesprächsverlauf erwähnten Brüdern, die das Falschgeld in London gegen echtes umtauschen könnten, handele es sich um Mitglieder einer Kasseler Rockerbande.

Zu dieser gehörte der Angeklagte, bis er zusammengeschlagen und rausgeworfen wurde.

Weitere Angaben machte der Angeklagte wie zuvor nicht, weil er niemanden belasten wolle und Angst vor Repressalien habe.

Der Vorsitzende Richter verlas noch das Wirkstoffgutachten, demzufolge die 22,74 Gramm des am Richtsberg beschlagnahmten weißen Pulvers 9,44 Gramm Kokain enthielten, was einem Wirkstoffgehalt von 41,5 Prozent entspreche.

Von Gianfranco Fain