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Marburg Sehnsucht nach dem Analogen
Marburg Sehnsucht nach dem Analogen
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08:00 03.11.2021
Leuchtlupe, Pinzetten und jede Menge Alben. Wer jahrelang Briefmarken sammelt, braucht viel Zeit – und Platz in der Schrankwand.
Leuchtlupe, Pinzetten und jede Menge Alben. Wer jahrelang Briefmarken sammelt, braucht viel Zeit – und Platz in der Schrankwand. Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

Sie sind federleicht, nur wenige Quadratzentimeter groß und hübsch gezackt. Kleine Kunstwerke für den Alltagsgebrauch, die ein wenig eklig schmecken, wenn man mit der Zunge über ihre gummierte Rückseite fährt: Briefmarken. Zwischen der sagenumwobenen „Blauen Mauritius“ und einer schnöden 80-Cent-Automatenmarke liegen unermessliche Welten, in die von jeher Menschen abtauchen, die die kleinen Papierchen sammeln. Die einen fasziniert die Vielfalt der Postwertzeichen, die anderen glauben, sich und ihrer Nachwelt mit möglichst kompletten Sammlungen eine stabile Wertanlage zu schaffen. So wie die Brieftaube als „Rennpferd des kleinen Mannes“ bezeichnet wird, galten Briefmarkensammlungen jahrzehntelang als „Aktie des kleinen Mannes“.

„Spekulation versaut die Freude“

„Beim Briefmarkensammeln sollte es nicht so sehr um den Wert gehen, sondern darum, Freude daran zu haben“, sagt Marco Janke und setzt nach: „Spekulation versaut die Freude.“ Janke kam aus dem Rheinland nach Marburg, um an der Lahn Betriebswirtschaftslehre zu studieren – und blieb in Marburg. Schon als Elfjähriger habe ihn die Sammelleidenschaft gepackt, erinnert sich der Mittvierziger: „Das ging allerdings los mit anderen Sachen – als meine Großmutter ihre Sammeltassen in den Müll werfen wollte. Die Briefmarken kamen erst später dazu.“

In Marburg besuchte Janke dann Tauschtage des Vereins für Briefmarkenkunde. Dort sprach ihn der Jugendwart des Vereins an, erinnert sich Janke: „Und nach ein, zwei Jahren war ich dann im Vorstand.“ Die Vereinsarbeit ist Hobby, beruflich handelt der Betriebswirt mit Antiquitäten und Briefmarken. Drei bis vier Sammlungen sichtet der Fachmann wöchentlich, und er sagt: „Ich nehme nicht alles an.“

Werde ihm eine Sammlung angeboten, frage er immer zuerst, ob sie nicht in der Familie an jemanden weitergegeben werden könne. Aber in 95 Prozent aller Fälle, so Jankes Erfahrung, werden die Sammlungen verkauft: „Wenn ich eine Sammlung gesichtet und mit den Menschen gesprochen habe, nehme ich das mit nach Hause, es bleibt etwas hängen – denn hinter jeder Sammlung steckt ja ein Mensch.“

Bis vor vier Jahren hat Janke auch online verkauft – ein Riesenmarkt. „Damit habe ich aber aufgehört – ich bin nur gut am Mann.“ Briefmarken und Antiquitäten seien nichts fürs Internet, findet Janke, weil es dort viel Raum für schlechte und laue Geschäfte gebe.

Er selbst setzt auf Märkte wie die in Gießen und Wetzlar, dort findet er seine Kundschaft – dort und über Mundpropaganda. „Es geht bei diesem Geschäft um Vertrauen – Sie können sich nicht Hans und Franz ins Haus holen“, sagt der Händler und erzählt von einer älteren Frau aus Frankfurt – sie hatte zwei Männer kontaktiert, die sich in Kleinanzeigen als Aufkäufer ausgegeben hatten: „Die kamen zu ihr nach Hause, um sich Antiquitäten anzuschauen, und als sie wieder weg waren, fehlte das komplette Silberbesteck.“ Zwar sind solche Fälle nur unrühmliche Ausnahmen in einem generell seriösen Gewerbe. Doch selbst Fälscher versuchen bisweilen, mit Briefmarken krumme Geschäfte zu machen: Vor einigen Jahren, erzählt Janke, sei etwa eine Bande ausgehoben worden, die in China hergestellte Rollenware über Polen und Tschechien nach Deutschland brachte und hier in Deutschland verkaufte.

Doch zurück zum Briefmarkensammeln. Warum Menschen überhaupt – von Postwertzeichen über Münzen bis hin zu Bierdeckeln und Weinetiketten – sammeln, ist für Marco Janke fast eine philosophische Frage: „Vielleicht, weil man etwas besitzen will“, vermutet er und setzt nach: „Viele Menschen sammeln sicherlich auch, um sich immer wieder für eine Weile in ihre eigene Welt zurückziehen zu können.“

„Das Digitale wird an seine Grenzen stoßen“

Das sei etwa im Nachkriegsdeutschland der Klassiker gewesen: „Der Mann kam abends von der Arbeit zurück und verkroch sich zur Entspannung hinter seinen Briefmarkenalben. Was dem Rest der Familie meist nicht so gefallen hat.“ Es könnte auch sein, dass „wir wieder eine Hinwendung zum Romantischen erleben“, mutmaßt der Händler und Sammler: „Das Digitale wird an seine Grenzen stoßen, weil dafür zu viel Energie verbraucht wird.“

„Man sollte Kinder dafür sensibilisieren, dass es Briefmarken überhaupt gibt“, fordert Janke – nicht nur, weil ihm die Altersstruktur seines Vereins („Viele sind zwischen 70 und 90“) Sorgen bereitet. Er glaubt vielmehr, dass Kinder ohnehin gern sammeln: „Sie fragen ja auch im Supermarkt nach Sammelbildern.“ Und der Briefmarkenexperte glaubt, dass Kinder viel über die Motive der Briefmarken lernen können: „Jede Marke erzählt eine Geschichte.“

Man lerne etwas über Länder, Währungen, Kultur, die Motive zeigen Sport, Pflanzen, Personen der Zeitgeschichte – irgendwie sind Briefmarken also aus pädagogischer Sicht interessante interdisziplinäre Anschauungsobjekte. Der zweite Vorsitzende des Marburger Vereins für Briefmarkenkunde sammelt selbst „alles aus deutschen Gebieten, auch Alt-Deutschland“. Interessant seien die „Anfangswerte“ aus der Bundesrepublik – zum Beispiel der „Posthornsatz“ von 1951 und 1952: „Wer den komplett hat, erzielt damit laut Katalog eine vierstellige Summe – vorausgesetzt, er ist ,postfrisch’“, erklärt Janke.

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuß

Selbst in dem Fall müsse der Satz noch von einem „Bundespostprüfer“ kontrolliert werden, um den genauen Wert zu ermitteln und festzustellen, dass alle Marken wirklich in gutem Zustand und nicht gefälscht oder nachgummiert seien.

Doch selbst bei solch wertvollen Marken folgt die Ernüchterung auf dem Fuß: „Der Markt ist gesättigt, normalerweise erzielt man lediglich 30 Prozent des Katalogwertes.“ Soviel also zur „Aktie des kleinen Mannes“.

Janke spricht auch von neuen Strömungen beim Briefmarkensammeln – von „Social Philately“ und „Post Crossing“. Bei der „Social Philately“, die ihre Ursprünge wohl in Neuseeland und Australien hatte, gehe es darum, anhand eines historischen Briefes oder einer alten Postkarte die Geschichte darum zu erzählen, etwas über Zeitgeschichte und menschliche Schicksale zu erfahren.

Beim „Post Crossing“ dagegen senden sich wildfremde Menschen gegenseitig weltweit Postkarten: „Es scheint eine Sehnsucht nach dem Analogen zu geben“, vermutet Marco Janke.

Wer sich für den Verein für Briefmarkenkunde interessiert, findet Informationen im Internet unter www.briefmarkenverein-marburg.de

Wo sind die Sammlerinnen und Sammler?

Sammeln Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch Briefmarken? Was ist Ihr schönstes Stück, warum faszinieren Sie die kleinen bunten Papierchen? Schreiben Sie uns – per Mail oder natürlich analog per Post: OP, Franz-Tuczek-Weg 1, 35039 Marburg oder redaktion@op-marburg.de (Stichwort: Briefmarken)

Von Carsten Beckmann