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Marburg Brexit könnte Erasmus-Ausstieg bedeuten
Marburg Brexit könnte Erasmus-Ausstieg bedeuten
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20:00 09.04.2019
Das Logo des Erasmus-Studenten-Netzwerkes ESN. 2017 feierte das Programm 30-jähriges ­Bestehen. In dieser Zeit hat die EU damit rund 4,4 Millionen Studenten unterstützt. Quelle: Martin Gerten
Marburg

Die Folgen des Brexits sind noch unklar und sorgen auch bei Studenten wie der 22-jährigen ­Lehramtsstudentin Andrea Martin für tiefe Sorgenfalten. Sie ist für einen Aufenthalt in England mit der Unterstützung von Erasmus (siehe Hintergrund) angemeldet.

Auslandssemester können für Studenten persönliche, aber auch berufliche Vorteile mit sich bringen. Das bestätigen ­viele Teilnehmer des Erasmusprogramms. „Mein Auslandssemester im Jahr 2017 hat mir persönlich sehr viel gebracht. Als Schülerin habe ich die Englischlehrer als besonders authentisch empfunden, die selbst eine Zeit in einem englischsprachigen Land gelebt haben und dort von der Spracherfahrung profitierten. So eine Lehrerin möchte ich auch selber sein“, sagt Martin.

Die Marburger Lehramtsstudentin plant ein weiteres Semester in England, um etwas Zeit vor ihrem bevorstehenden Examen zu gewinnen. „Ein weiteres Semester in England ­bedeutet für mich die Möglichkeit, eine Art Pause-Knopf zu ­betätigen, der mich in meiner Lebenserfahrung trotzdem bereichert.“

Aktuell sind EU-weit 21.000 Studenten betroffen

Die Ungewissheit über den Brexit wirft auch für die 22-Jährige im achten Semester viele Probleme auf. „Vor so einer Reise muss sehr viel geplant werden. Flüge sind umso günstiger, je früher man sie bucht.“ Außerdem müssen die Studenten sich eine Unterkunft suchen. „Meinen Stundenplan für das kommende Sommersemester würde ich mit dem Wissen, nicht nach England zu können, ganz anders gestalten und auch mehr Englisch-Kurse belegen.“ Diese würden sich durch das Studium in England im Wintersemester 2019/2020 für sie erübrigen, da sie dort nur an englischen Kursen teilnehmen kann.

Eine große Bedeutung habe das Auslandssemester auch für ihre Kommilitonen, berichtet die Lehramtsstudentin. „Einige meiner Studienfreunde bauen darauf, nach England zu können, um dort eine wichtige modulabschließende Englisch­prüfung abzulegen, für deren Bestehen sie sich in England bessere Chancen ausmalen.“

Natürlich besteht auch weiterhin die Möglichkeit, auf eigene Faust nach England zu reisen. Allerdings bietet das Erasmus-Programm für die Teilnehmer viel Unterstützung. Erasmus bietet finanzielle Unterstützung, aber vor allem auch Ansprechpartner, die bei ­allen möglichen Problemen helfen können. „Bei dem Erasmus-Förderprogramm ist besonders England immer wieder ein beliebtes Reiseziel“, erklärt Tino Kunert, Mitarbeiter der Vorsitzenden des Kulturausschusses des Europäischen Parlaments, Petra Kammerevert. Auch für die Universitäten in Großbritannien bedeute ein Verlust des Erasmus-Programms große finanzielle Einbußen. Durch die vielen anreisenden Studenten profitieren die englischen Partneruniversitäten und Städte auch wirtschaftlich.

Erasmus

Erasmus ist ein Förderprogramm der Europäischen Union. Besonders bekannt und beliebt ist das Austausch­programm von Erasmus – welches Studenten ermöglicht, durch einen drei- bis 12-monatigen Auslandsaufenthalt an einer Universität innerhalb der EU zu studieren oder ein Praktikum zu absolvieren

„EU-weit befinden sich zum jetzigen Zeitpunkt etwa 14 000 Teilnehmer im Vereinigten Königreich, während 7 000 Engländer zur Zeit in EU-Ländern sind“, sagt Kunert. Ob ein so reger Austausch zukünftig noch möglich sein wird, gilt es abzuwarten. Mit ­aufkommenden Schwierigkeiten beim Reisen und Studieren im Ausland sei nach einem Austritt Englands aus der EU auf jeden Fall zu rechnen.

Das Erasmus-Programm richtet sich an junge Menschen ab einem schulfähigen Alter bis 30 Jahre, die eine Reise zu Bildungszwecken in ein EU-Mitgliedsland veranstalten wollen.
„Im Prinzip könnte ich mich damit abfinden, wenn ich kein weiteres Semester in England verbringen kann. Ich hätte nur langsam gerne Klarheit, um vernünftig planen zu können“, sagt Andrea Martin.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann keiner dazu genaue Prognosen stellen. „Wir können nur versuchen, uns auf die eventuellen Folgen vorzubereiten“, erklärt Tino Kunert. Bei einen „No-Deal-Brexit“ sei zumindest abgesichert, dass alle Studenten, die sich in der Zeit vom 14. April und 22. Mai über Erasmus in England befinden, mit einen geregelten Abschluss des Studien­semesters rechnen können. Alle anderen müssen auch dann noch bangen – oder sich ein anderes Reiseziel suchen.

Für einen Deal mit England habe das EU-Parlament die Artikel 14 bis 17 vorgelegt, die eine Partnerschaft für Bildungsaufenthalte im Vereinigten Königreich bis zum 31. Dezember 2020 sicherstellen sollen. Kunert verdeutlicht, dass es erst Planungssicherheit gebe, wenn das Vereinigte Königreich die Vorschläge des EU-Parlaments annehme.

von Julia Carp