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Marburg Geschockter Blick nach Westminster
Marburg Geschockter Blick nach Westminster
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00:18 30.03.2019
Christopher Moss lebt seit 1971 in Marburg. Er hatte schon vor dem Referendum den deutschen Pass beantragt.  Quelle: Privatfoto
Marburg

Christopher Moss hat den Austritt kommen sehen. „Als ich morgens um sechs im Fernsehen gesehen habe: it‘s out! hat mich das überhaupt nicht überrascht“, sagt der Brite, der schon in der Zeit vor dem Referendum die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hatte.

Für ihn hat Premierministerin Theresa May die Europäische Union nicht verstanden und schon immer gegen den Staatenbund gearbeitet. Bereits als Innenministerin wollte sie in Großbritannien „eine feindliche Umgebung für Migranten schaffen“, sagt Christopher Moss und ergänzt: „Die Polen sind die größte Ausländergruppe auf der Insel.

Wenn die nach dem Brexit dort nicht mehr arbeiten dürfen, dann wird es große Probleme geben – im Handwerk, in der Pflege und auch in der Landwirtschaft.“ Überhaupt sieht er die Verhandlungen sowie die Auswirkungen sehr kritisch. Vor allem auch für seine Familie. Er hat beide Staatsbürgerschaften, seine Enkelkinder nur die deutsche.

„Wenn wir in den Urlaub nach Schottland fliegen, müssten wir an unterschiedlichen Stellen zur Passkontrolle“, erklärt er. Christopher Moss spricht die Roaming-Gebühren im Mobilfunk an, das SEPA-Verfahren bei Geldüberweisungen.

Wird das alles beibehalten oder aufgrund eines möglichen harten Brexits wegfallen? „Die britische Regierung wird die Infrastrukturprojekte, die die EU angefangen und geplant hat, finanziell nie umsetzen können“, ist er sich sicher.

Er wäre für ein zweites Referendum, „denn keiner will in die 1960er-Jahre zurückversetzt werden. Auch nicht die Briten!“

Konflikte und Unsicherheit in Schottland befürchtet

Die Schottin Anne Ruprecht hat sofort nach der Brexit-Entscheidung die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt.

„Ich war schockiert über das Ergebnis und konnte es einfach nicht glauben.“ Ihr Heimatland hat durch die EU-Mitgliedschaft vor allem wirtschaftlich profitiert. Das wollen die Schotten nicht aufgeben und werden wohl dafür kämpfen, in der EU bleiben zu können.

Noch 2014 hatten 55 Prozent der Schotten für den Verbleib in Großbritannien gestimmt, 2016 dann die Mehrheit für den Verbleib in der EU, auch Freunde und Familie von Anne Ruprecht. „Wenn es einen Austritt ohne Abkommen gibt, wird die schottische Regierungspartei ein weiteres Unabhängigkeitsreferendum beantragen“, ist sie sich sicher.

„Obwohl dies eine logische Konsequenz der Behandlung und Missachtung durch London ist, fürchte ich ­eine weitere Spaltung, Konflikte und Unsicherheit.“ Die chaotischen Verhandlungen in Westminster empfindet die 67-Jährige als „haarsträubend.

Es scheint täglich schlimmer zu werden“. Als Grund dafür sieht sie vor allem „die viel zu früh gesetzten roten Linien von Theresa May“. Damit meint Anne Ruprecht die von May abgelehnte Zollunion sowie den ­getrennten Binnenmarkt. Aber gerade das wollte die schottische Regierungspartei als „kleines Übel“ beibehalten, wenn es zum Brexit kommt.

Und während aus London täglich von neuem Chaos berichtet wird, ist die Stadtverwaltung Marburg bereits aktiv geworden. Die Ausländerbehörde hat seit Anfang des Monats mit den etwa 90 in Marburg lebenden britischen Staatsbürgern Kontakt aufgenommen.

„Sie sowie deren Familienangehörige werden künftig einen Aufenthaltstitel nach dem Aufenthaltsgesetz benötigen. Wie genau die künftigen aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen für Briten aussehen werden, ist aktuell noch nicht abschließend geregelt“, erfuhr die OP auf Nachfrage von der Stadt.

Durch die Ministerverordnung des hessischen Innenministeriums dürfen britische Staatsangehörige und deren Familienmitglieder aus Drittstaaten noch drei Monate nach dem Brexit in Hessen leben und ­arbeiten.

„Innerhalb der drei Monate müssen die Betroffenen dann bei der Ausländerbehörde einen Antrag auf Erteilung eines Aufenthaltstitels stellen“, erklärt die Pressestelle. Damit alle betroffenen Briten zeitnah die nötigen Anträge stellen können, hat die Ausländerbehörde für die ersten Wochen im Juni bereits ausreichend terminliche Kapazitäten geschaffen.

Britische Staatsangehörige­ werden in einem Informationsschreiben darum gebeten, unter der E-Mail-Adresse 
terminabh@marburg-stadt.de einen Termin zur Vorsprache zu vereinbaren.

von Katja Peters