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Marburg Unterbringung in der Psychiatrie
Marburg Unterbringung in der Psychiatrie
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11:58 20.11.2020
Brandstiftungs-Prozess vor dem Marburger Landgericht.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der 26-Jährige, der Ende vergangenen Jahres in der Marburger Wohnung seiner damaligen Freundin Feuer gelegt hatte, wird weiterhin in der geschlossenen Psychiatrie bleiben. Nachdem am gestrigen zweiten Verhandlungstag ein Gutachter dem seit 2015 in Deutschland lebenden irakischen Kurden Schuldunfähigkeit attestiert hatte, entschied die Sechste Strafkammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsident Frank Oehm auf die Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus nach Paragraf 63 des Strafgesetzbuches (siehe Infokasten).

Zuvor hatten bereits Staatsanwältin Lena Löwer und Verteidigerin Ulrike Ristau ähnlich plädiert – beide verzichteten auf Revision, die Entscheidung des Gerichts ist damit rechtskräftig.

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Dr. Rolf Speier, Facharzt für Psychotherapie, hatte in seinem Gutachten eine klare Diagnose erstellt – eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie. Zum Tatzeitpunkt litt der Mann unter Wahnvorstellungen, glaubte, dass die Polizei ihn verfolge, andere seine Gedanken lesen könnten, er selbst Imam einer neuen Religion sei und Monster in dem Mehrparteienhaus seiner Freundin lebten.

Die besondere Tragik seines Zustands lag nach Ansicht des Gutachters darin, dass auch seine Lebensgefährtin, die er erst seit wenigen Monaten kannte, zum fraglichen Zeitpunkt unter ähnlichen Wahnvorstellungen gelitten habe: „Die beiden verstärkten sich in ihrem Wahn“, so Speier, der diese Konstellation mit dem Fachbegriff „Folie a Deux“, also als gemeinsame psychotische Störung beider charakterisierte.

Diese Diagnose bestätigte auch die Auswertung des Chatverkehrs zwischen dem Angeklagten und seiner Ex-Freundin, die sich zum Zeitpunkt der Brandstiftung – nach einer vorangegangenen Auseinandersetzung zwischen beiden – nicht in der Wohnung aufgehalten hatte. Speier schloss aus, dass ein „normaler Streit“ den 26-Jährigen veranlasst haben könnte, das Feuer in dem Apartment zu legen: „Der einzige Delinquenzfaktor ist die Krankheit.“

In polizeilichen Vernehmungen und therapeutischen Gesprächen habe der Angeklagte angegeben, nicht schlafen zu können, weil er permanent Stimmen in seinem Kopf höre. „Es ist wie ein Krieg in meinem Kopf – und die Stimmen sagen nur Schlechtes über mich“, zitierte Speier den Angeklagten sinngemäß, der offenbar erst seit seiner Flucht aus dem Irak unter der seelischen Erkrankung litt.

Auslöser seiner Psychose dürfte auch der Drogenkonsum des Mannes gewesen sein, der nicht nur selbst Rauschmittel konsumierte, sondern auch Handel damit betrieb. Zwei entsprechende Taten finden sich in seinem Vorstrafenregister.

Obwohl der Angeklagte nicht „der typische Brandstifter“ sei, müsse man damit rechnen, dass er weitere Straftaten begehen könne, sagte der Gutachter und begründete dies zum einen damit, dass der 26-Jährige noch keine umfängliche „Krankheitseinsicht“ zeige.

Zum anderen sei davon auszugehen, dass er zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Freiheit keine Wohnung, keine Arbeit, kein Geld, kurz: keine Existenzgrundlage habe und möglicherweise unter erneutem Drogeneinfluss die paranoid-halluzinatorische Schizophrenie wieder auftreten könne.

Dieser Einschätzung folgten alle Verfahrensbeteiligten und zogen daher die Möglichkeit, die Unterbringung des Angeklagten in der Psychiatrie zur Bewährung auszusetzen, nicht in Betracht.

Von Carsten Beckmann