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Marburg Bouffier schlägt vorsichtige Öffnung vor
Marburg Bouffier schlägt vorsichtige Öffnung vor
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19:58 24.02.2021
Stühle vor einem Restaurant in der Marburger Oberstadt. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) will voraussichtlich ab April eine Öffnung der Außengastronomie ermöglichen.
Stühle vor einem Restaurant in der Marburger Oberstadt. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) will voraussichtlich ab April eine Öffnung der Außengastronomie ermöglichen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Was morgen (25. Februar) bei einer Pressekonferenz in Wiesbaden vorgestellt wird, umriss Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier heute (24. Februar) bei einer virtuellen Wahlkampfveranstaltung der CDU in Fulda: Lockerungen der Corona-Beschränkungen für Handel, Gastronomie und im privaten Bereich. Bouffier schlägt laut der Fuldaer Zeitung eine „vorsichtige Öffnung der Läden“ vor.
Das würde für den Einzelhandel bedeuten: weg vom System „Click and Collect“, hin zu „Click and Meet“. Dies würde so gestaltet, dass die Interessenten einen Termin mit dem ausgewählten Geschäft vereinbaren und in den Geschäften ein „persönlicher Verkäufer“ sie betreut. Gelinge dies, könnten bald weitere Freiräume folgen. Bouffier stellt sich einen Beschluss der Ministerpräsidenten am 4. März vor, man könne dies aber „auch ohne den Bund machen“, also nur für Hessen.

Für Einzelhändler geht es um die Existenz

„Das wäre wenigstens ein Anfang“, sagt Rainer Schmidt. Die Einzelhändler könnten aber auch mit einer Quadratmeterzahl pro Kunde leben, meint der Vorsitzende des Gladenbacher Gewerbevereins. Denn bei den Einzelhändlern gehe es mittlerweile „um die Existenz“. Dies auch, weil der Versuch des Bestellens und Liefern von Waren „nur ein bisschen genutzt wird“.
Für Kleinbetriebe stelle Bouffiers Vorschlag eine Möglichkeit dar, meint Teka-Geschäftsführer Bernd Brinkmann, doch „ab einer bestimmten Größenordnung ergibt das keinen Sinn“, sei gar „betriebswirtschaftlicher Wahnsinn“. Viel besser fände es Brinkmann, wenn „mit aller Disziplin“ weiterhin versucht werde, den „guten Weg weiterzuführen, um bald zu einer relativen Normalität zurückzukehren“. Dies könnte zum Beispiel die schon einmal praktizierte Lösung ab einer bestimmten Quadratmeterzahl pro Kunde sein. Alles andere seien nur Versuche der Politik, mit Schnellschüssen dem Druck zu weichen.

„Click and meet“

Noch kritischer äußert sich Peter Ahrens: „Man kann nur staunen, wie eingeschränkt die Kenntnisse der Politik über manche Branchen und wirtschaftliche Zusammenhänge sind.“ Die Idee des „Click and meet“ mit den unabhängig von der Betriebsart und -größe bekannt gewordenen Voraussetzungen sei „so abwegig wie es nur geht“. Was in einem kleinen Fachgeschäft umgesetzt werden könnte, ginge nicht in einem Kaufhaus wie Ahrens mit mehr als 13 000 Quadratmetern und den vielen Sortimentsbereichen.

Peter Ahrens empfiehlt, die Zahl der Besucher auf einen je 25 Quadratmeter zu begrenzen und die Abstands- und Kontaktregeln klarer als in der Vergangenheit zu regeln. „Grundsätzlich brauchen wir im Einzelhandel jetzt eine baldige Wiedereröffnung, um ein wirtschaftliches Desaster eines gesamten Wirtschaftszweiges zu vermeiden“, mahnt der Inhaber des Marburger Kaufhauses.

Aussicht für das Gastgewerbe

Für das Gastgewerbe stellte Bouffier in Aussicht, ab 1. April zumindest die Außengastronomie zu öffnen. Ein erster Schritt, der nach Ansicht heimischer Gastronomen allerdings nicht der ganzen Branche nützt. „Der eine hat die Möglichkeit, der andere nicht“, sagt Peter Heinzmann. Im Café am Markt in Marburg und im Restaurant Emils in Michelbach, die Peter und Felix Heinzmann leiten, können Gäste draußen sitzen. „Wenn es so kommt, würden wir natürlich mitziehen“, sagt Peter Heinzmann.

Dabei werde sich nicht jeder Arbeitstag, jede Arbeitsstunde wirklich rechnen: „Es geht darum, der Kundschaft zu zeigen, dass man wieder da ist.“ Heinzmann sieht die Öffnungs-Debatte aus zwei Blickwinkeln: Einerseits hat er die Sorge, dass es zu Ostern zu einem Anstieg der Corona-Zahlen kommen könnte, wenn viele Familien zusammenkommen. Andererseits wünscht er sich einen möglichst raschen Neustart. Das Café am Markt ist geschlossen, alle Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Das Restaurant Emils bietet das Abholen und Liefern von Speisen an, im Hotel Stümpelstal dürfen nur Geschäftsreisende übernachten. Zudem betreiben die Heinzmanns zwei „Salädchen“-Filialen, in denen Kunden Speisen abholen können.

Das Wetter spielt eine entscheidende Rolle

Wirklich wirtschaftlich sei all das momentan nicht. „Das Augenmerk ist seit Monaten darauf gerichtet, zu überleben – und dass ein paar Mitarbeiter weniger in Kurzarbeit sind.“ Denn für die Beschäftigten bedeute Kurzarbeit, dass auch das Trinkgeld wegfalle. Sie hätten daher nur etwa 40 Prozent ihres üblichen Einkommens. Von den versprochenen November- und Dezemberhilfen für die Gastronomie-Betriebe seien auch nur Abschläge gekommen.

„Für mich wird es wahrscheinlich nicht so richtig etwas bringen“, sagt Martin Carle vom Hotel-Restaurant Carle in Cappel zur Öffnung der Außengastronomie. Es sei abends noch zu kalt. „Das hängt natürlich vom Wetter und vom Standort ab“, fügt er hinzu. „In der Oberstadt funktioniert das bestimmt.“ Sein Restaurant bietet derzeit Speisen zum Abholen an – doch das laufe auch nicht mehr so gut wie noch vor Weihnachten.
Der Hotelbetrieb – derzeit nur für Geschäftsreisende – sei dürftig. „Es wäre echt gut, wenn es da eine verlässliche Aussage gäbe“, sagt Carle. „Es wäre toll, wenn es Mitte April wieder losgehen könnte. Viel länger können wir nicht durchhalten.“ Nicht beklagen könne er sich über die Auszahlung der November- und Dezemberhilfen.

Von Gianfranco Fain und Stefan Dietrich

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