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Marburg Botschaft empfiehlt „Risikoabwägung“
Marburg Botschaft empfiehlt „Risikoabwägung“
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12:00 11.12.2021
Habibi Naqibullah, Arzt aus Afghanistan.
Habibi Naqibullah, Arzt aus Afghanistan. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Wenn Behördenmühlen doch etwas schneller mahlen würden! Vier Monate sind seit der Machtübernahme der radikalislamistischen Taliban in Afghanistan inzwischen vergangen, und noch immer sitzt Sarah Hashemi, die Frau von Naqibullah Habibi, in Kabul fest. Der Assistenzarzt an der UKGM-Augenklinik versucht seit langem, seine Frau außer Landes zu bringen. Er scheitert nicht nur an der Lage in Afghanistan, sondern auch an der Arbeitsweise deutscher Behörden im Ausland. (die OP berichtete)

Für die junge Frau liegt ein Visum in der deutschen Botschaft in Neu-Delhi. Habibi hat auch versucht, für seine Frau Visa in den deutschen Botschaften in Moskau und in Dubai zu hinterlegen, doch ist der Landweg im Moment der einzige Weg, um Afghanistan verlassen zu können. Und auch hier muss man sagen: noch. Die Taliban, so berichtet Habibi der OP, haben angekündigt, künftig die Grenzen schärfer zu kontrollieren, Ausreisen weiter zu erschweren.

Visastelle kontaktieren

Das wissen auch die deutschen Botschaften, mit denen Habibi einen regelmäßigen Austausch hat. In einem Schreiben des Auswärtigen Amtes an Habibi berichtet ein Referatsleiter, „Ihre Anfrage ist im Auswärtigen Amt zuständigkeitshalber an das Referat für Visumeinzelfälle weitergeleitet worden“. Es gebe viele Anfragen, die an das Auswärtige Amt in Bezug auf Familienzusammenführung afghanischer Antragsteller herangetragen werden, heißt es weiter, um dann zwei Empfehlungen auszusprechen:

„Kontaktieren Sie oder Ihre Ehefrau bitte erneut die Visastelle der Botschaft New Delhi, sobald eine Einreise nach Indien aus Afghanistan wieder möglich ist. Die Botschaft wird dann kurzfristig einen neuen Termin vergeben“ – würde heißen, dass Habibis Ehefrau Sarah Hashemi sich auf unbestimmte Zeit weiter vor den Taliban in Kabul verstecken muss. Zweite Alternative: „Sollte sich Ihre Ehefrau mittlerweile in einem Nachbarstaat Afghanistans aufhalten oder ein Ankunftsdatum in einem anderen Drittland bereits feststehen, kann die Internationale Organisation für Migration (IOM) unmittelbar bei der Buchung eines Termins an der dortigen deutschen Botschaft unterstützen.“

Habibi fragt sich, wie eine alleinstehende Frau Afghanistan auf dem Landweg verlassen kann, um dann noch lesen zu müssen: „Die Risikoabwägung, sich bereits vor Bekanntgabe eines Visumtermins über den Landweg in einen Nachbarstaat zu begeben, muss jede Betroffene, jeder Betroffene in Abhängigkeit von der aktuellen Sicherheitslage und den persönlichen Umständen individuell vornehmen.“ Offenbar ein Musterbeispiel herzlosen deutschen Behördenmiefs.

Dabei gibt es jede Menge Visa – für Menschen, die über das nötige Kleingeld verfügen. Habibi berichtet, dass in Pakistan Visa für die Einreise nach Deutschland für 25 000 Euro verkauft werden, in Pakistan ist die Situation nicht viel anders. Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hatte in Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt versichert, dass Habibis Frau in Marburg willkommen ist. Und auch der Kliniksleiter des UKGM, Dr. Gunther Weiß, hatte sich eingeschaltet, nachdem Habibis Schwiegervater in Kabul einen Herzinfarkt erlitten hat. Er soll in den kommenden Tagen in Afghanistan operiert werden, Weiß hatte angeboten, dass die OP in Marburg stattfinden kann. Vergeblich.

Was dem Ehepaar bleibt, ist Warten und Hoffnung.

Von Till Conrad

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