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Marburg Marburger Forscher auf der Spur von körpereigenem Botenstoff Serotonin
Marburg Marburger Forscher auf der Spur von körpereigenem Botenstoff Serotonin
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20:58 13.03.2021
Ein Glückskeks mit einer Glücksnachricht: Auf die Spur des Glückshormons Serotonin begeben sich Doktoranden unter Leitung des Marburger Psychologen Professor Markus Wöhr.
Ein Glückskeks mit einer Glücksnachricht: Auf die Spur des Glückshormons Serotonin begeben sich Doktoranden unter Leitung des Marburger Psychologen Professor Markus Wöhr. Quelle: dpa
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Marburg

Serotonin gilt im Volksmund als „Glückshormon“ und wird in der Behandlung von psychischen Störungen eingesetzt. Medikamente, welche die Serotonin-Wirkung im Gehirn fördern, können Patienten helfen, wirken aber nicht bei jedem.

Warum das so ist, das soll nun ein Team von Doktoranden aus ganz Europa genauer ergründen. Die These: Serotonin ist maßgeblich an der Entwicklung des Gehirns beteiligt. Kommt es in der Gehirnentwicklung zu Mangelerscheinungen des Botenstoffes, begünstigt dies psychische Störungen, und die Wirksamkeit von Medikamenten wird beeinträchtigt.

Arbeitsgruppe von Psychologie-Professors Markus Wöhr ist beteiligt

Auch die Arbeitsgruppe des Marburger Psychologie-Professors Markus Wöhr ist an dem internationalen Doktorandennetzwerk beteiligt. „Serotonin ist einer der wichtigsten Botenstoffe im Gehirn und ist an vielen zentralen Hirnfunktionen beteiligt“, erläutert Wöhr im Gespräch mit der OP. Als Neurotransmitter ist es maßgeblich mitverantwortlich für die Kommunikation zwischen Nervenzellen im Gehirn.

Das körpereigene Hormon steuert unter anderem das zentrale Belohnungssystem und den Appetit, aber auch Stimmung und Antrieb. Mehr Serotonin kann aber auch zu negativen Folgen wie vermehrter Unruhe oder Halluzinationen führen. Vor allem die Funktion des Serotonins bei der Regulationen von Gefühlen interessiert die Psychologen. Dabei stellt Wöhr klar, dass die auch in der breiten Öffentlichkeit viel diskutierte Rolle des Botenstoffes als Glückshormon in Wirklichkeit viel komplexer sei als oberflächlich angenommen.

Bisherige Erkenntnisse stammen aus Tierstudien

Welche Auswirkungen hat es konkret auf das Erleben und Verhalten? Viele in den vergangenen Jahrzehnten gesammelten Erkenntnisse über die Funktionsweise des Hormons im Nervensystem stammen vor allem aus Tierstudien, sagt Wöhr. Wenn ein für die Serotoninbildung entscheidendes Gen ausgeschaltet ist, zeigen die Tiere, die über weniger Serotonin im Gehirn verfügen, besondere Auffälligkeiten im Sozialverhalten und in der Stimmung. Bei Experimenten mit Ratten in Marburg soll es vor allem um die Untersuchung des Sozialverhaltens gehen.

Depressionen, Angststörungen, Autismus oder ADHS: Es gibt eine Reihe von psychiatrischen Erkrankungen, bei denen Serotonin-Medikamente – beispielsweise Antidepressiva – helfen können. Dabei erweist sich das Hormon nach den bisherigen Erkenntnissen der Wissenschaft prinzipiell als eine Art Alleskönner. Im Gegensatz zu einem anderen sogenannten „Glückshormon“, dem Dopamin, verfügt es allerdings auch über eine Vielzahl verschiedener Bindungsstellen. Diese Komplexität mache es jedoch auch schwieriger, die gezielte Wirkung nachzuweisen, erläutert Wöhr.

Wieso entstehen die Effekte bei Menschen erst nach gewisser Zeit?

Manche Patienten sprechen nicht auf die Medikamente an. Und jüngste Studien zeigen außerdem sogar, dass durch Serotonin verursachte Veränderungen in der Hirnentwicklung auch eine wichtige Rolle in der Verursachung psychiatrischer Erkrankungen haben können.

Die Forscher stehen vor allem vor einem Rätsel in der Frage, wieso die Effekte des Serotonins bei Menschen sich oft erst nach gewisser Zeit einstellen – lange, nachdem bei ihnen ein erhöhter Serotonin-Spiegel gemessen wurde. Was in der Zwischenzeit passiert und was im Zusammenspiel des Einflusses von Genen oder der Umwelt für den Umbauprozess im Gehirn verantwortlich ist, das interessiert die Psychologen besonders.

Serotonin braucht einen Vorläuferstoff, um sich zu entfalten

Klar ist auf jeden Fall, dass der körpereigene Botenstoff immer erst die Blut-/Hirnschranke überwinden muss, bevor er seine Wirkung im Gehirn entfalten kann. Und das passiert zumindest meist über den Vorläuferstoff Tryptophan, aus dem dann das Serotonin gebildet wird.

Die vielleicht glücksbefördernde Wirkung dieses – in einer Reihe von Nahrungsmitteln wie Hähnchenfleisch, Lachs, Avocados, Bananen oder Cashewnüssen – enthaltenen Stoffes beschäftigt die Autoren vieler populärwissenschaftlicher Beiträge zum Thema „Ernährung und Glück“ ganz außerordentlich.

Von Manfred Hitzeroth

13.03.2021
13.03.2021