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Marburg Alarm im Wald
Marburg Alarm im Wald
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17:59 28.08.2019
Das Bohrmehl ist ein Indiz, dass auch ein gesund wirkender Baum vom Borkenkäfer befallen ist. Quelle: Katja Peters
Marburg

Seit Tagen geht Harald Richter durch das Revier der Försterei Bauerbach und markiert vom Borkenkäfer befallene Fichten.

Und das sind nicht wenig. Am Ende werden ein paar Hektar zusammenkommen, auf denen Kahlschlag verübt wurde.­

„Das tut weh. Das tut richtig weh“, sagt der Forstwirtschaftsmeister. 40 Jahre ist er jetzt beim Forstamt Kirchhain, „aber sowas habe ich noch nie erlebt.“

Revierförster Christian Korff ist seit mehr als 20 Jahren Revierleiter und auch er kann sich an so eine Situation nicht erinnern. „Der Befallsdruck ist gigantisch“, sagt er und guckt kopfschüttelnd auf die befallenen Fichten. Im Bereich des „Stempels“ kurz vor der ehemaligen Mülldeponie zeigt sein Kollege Harald Richter auf etliche Bäume, die eigentlich noch 30 oder 40 Jahre hätten ­stehen bleiben sollen.

Krisenbewältigung seit anderthalb Jahren

Auf jedem ist Bohrmehl zu sehen. Und damit ist klar, dass ­alle Bäume vom Borkenkäfer befallen sind. „Auch wenn sie noch eine grüne Krone haben oder die Rinde in Ordnung scheint. In sechs Wochen sind sie alle braun“, weiß Christian Korff, der seit anderthalb Jahren nur noch Krisenbewältigung betreibt. „Es herrscht permanent Katastrophenalarm“, beschreibt er die Situation in seinem Wald. Dabei ist sein Revier noch eines von den nicht so stark betroffenen in Hessen.

Im Norden des Landes, im Reinhardswald beispielsweise oder im Kaufunger Wald „ist es ganz schlimm. Dort gab es größere Mengen an Windwurf und die Bestände haben einen höheren Fichtenanteil und sind somit auch geschädigter“, berichtet er von einem Besuch kürzlich bei seinen Kollegen und spricht von „unvorstellbaren Mengen“.

Revierförster Christian Korff schaut auf eine Fichte, die vom Borkenkäfer bereits zerfressen ist. In seinem Bestand auf den Lahnbergen werden derzeit hektarweise Fichten gefällt. Foto: Katja Peters

In Europa sind derzeit 200 Millionen Festmeter Schadholz auf dem Markt. „Der ist völlig verstopft und der Holzpreis im freien Fall“, so der Revierleiter. Auch deshalb gibt es derzeit einen Frischholz-Einschlag-Stop für ganz Hessen. Denn das Personal und die Dienstleister müssen erst einmal alle kranken Bäume fällen.

Genau das geschieht derzeit in größerem Ausmaß im Revier der Försterei Bauerbach, speziell auf den Lahnbergen. Zwischen „Bernsdorfer Kuppe“ und der alten Deponie wurden bereits 8.000 Festmeter Fichte aufgearbeitet, aktuell kommen noch einmal 5.000 Festmeter dazu. „Normalerweise schlage ich im gesamten Jahr etwa 2.500 Festmeter Fichte ein“, sagt Christian Korff.

Fichte kann sich nicht anpassen

Sein Kollege Constantin Winkler nimmt die geschlagenen Festmeter in die Statistik auf. Oft wird er von Spaziergängern angesprochen, manchmal sogar richtig angepöbelt. „Die Menschen verstehen nicht, warum wir auch scheinbar gesunde Bäume fällen. Ich erkläre ihnen dann die Zusammenhänge, die sie auch nachvollziehen können“, so der Mitarbeiter von Hessen Forst. Die Stämme, die am „Lichten Küppel“ liegen, gehen nach China – für Hessen Forst ein neuer Markt und im Moment rettender Anker.

Der dauerhafte Krisenmodus im deutschen Wald sorgt bei Waldbesitzern auch mittelfristig für leere Kassen. Denn die Fichte, einst als Brotbaum der Deutschen Forstwirtschaft bezeichnet, wird zukünftig nicht mehr für Einnahmen sorgen. Schon immer als Risikobaumart eingestuft, wird sie sich den veränderten Klimabedingungen nicht anpassen können.

Constantin Winkler von Hessen Forst nimmt die gefällten Bäume auf. Das Schadholz geht per Container nach China. Foto: Katja Peters

„Wir müssen umdenken. Und vor allem muss die Gesellschaft entscheiden, was ihnen ‚Wald‘ wert ist“, kommt Christian Korff ins Grübeln. „Der Wald ist Daseinsvorsorge, Erholungsgebiet und ja auch ein Wirtschaftsfaktor. Aber ­alles zusammen wird sich zukünftig unter dem Aspekt des Klimawandels schwer zusammenführen lassen. Jedenfalls nicht, wenn Profit an oberster Stelle steht.“

Dabei steht da schon jetzt die Schutzfunktion vor der Nutzfunktion. Für ihn ist klar, es muss Geld in die Hand genommen werden. Denn die Freiflächen müssen neu bepflanzt werden – und das kostet Geld. Genauso wie die spätere Pflege durch Fachpersonal, das in den vergangenen Jahren eher ab- denn aufgebaut wurde.

„Lange kann es so nicht mehr weitergehen“

„Da tun sich viele neue Konfliktfelder auf“, weiß der Wald-Experte, in dessen Revier nicht nur die Fichte befallen ist, sondern auch die Lärche, durch die sich gerade der Lärchenborkenkäfer frisst. Hinzu kommen die Trockenschäden an den Laubbäumen, die in nächster Zeit auch mehr werden, weil es dieses und vergangenes Jahr einfach zu wenig geregnet hat.

Wie lange die Krisenbewältigung noch andauert, das weiß Christian Korff nicht. „Aber lange kann es so nicht mehr weitergehen.“

von Katja Peters