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Marburg Emotionale Achterbahn ohne Ende
Marburg Emotionale Achterbahn ohne Ende
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17:58 28.10.2019
Für Menschen mit einer Borderline-Erkrankung ist das eigene Leben wie eine permanente Achterbahnfahrt – sie leiden unter starken Stimmungsschwankungen, die sie nicht kontrollieren können. Quelle: Daniel Naupold/dpa/Archiv
Marburg

Wenn das Leben einer außer Kontrolle geratenen Achterbahn gleicht und man sich so klein fühlt, dass man unter Teppiche passt, kann eine Border­line-Erkrankung vorliegen.

„Fast jeder hat den Begriff schon mal gehört und hat ein Klischee vor Augen“, sagt Kristina Spenner: „Borderline – das sind doch die, die sich ritzen.“

Spenner arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin an der Vitos Klinik in Marburg, und zu ihren Patientinnen gehört die heute 56-jährige Ruth G. (Name von der Redaktion geändert).

Mit 16 schon schwanger

Als die Marburgerin anfing, sich zu „ritzen“, war sie zwölf Jahre alt. „Zu der Zeit ist viel passiert in meinem Leben“, erinnert sich Ruth G. im Gespräch mit der OP: Ein Suizidversuch der Mutter, für den der Vater Ruth verantwortlich machte. Der Bruder, der an einer seltenen Krankheit litt und betreut werden musste: „Ich habe mit zwölf praktisch den gesamten Haushalt übernommen, ich musste­ so ganz nebenbei erwachsen werden.“

Die junge Ruth G. rauchte und klaute mit 13, wurde wegen gestohlener Zigaretten zu gemeinnütziger Arbeit verdonnert, war hochaggressiv und wurde mit 16 schwanger: „Als ich im 5. Monat war, habe ich den Vater meines ungeborenen Sohns vor die Tür gesetzt, als er mich dazu drängen wollte, ihn zu heiraten.“

Zu gesund für eine Kur

Bürokauffrau wollte sie eigentlich werden, doch nach der Geburt ihres Kindes und dem ­Auslaufen des Mutterschutzes­ jobbte die Alleinerziehende zunächst in einem Kaufhaus: „Dort wurde ich gemobbt, bekam Herzrhythmusstörungen, musste zum Arzt, und der stellte mich als Helferin ein.“

Klingt nach Glücksfall, nahm aber kein gutes Ende: Obwohl, oder vielleicht weil sich Ruth G. in ihrem neuen Job voll engagierte, ging es ihr irgendwann so schlecht, dass sie eine Kur beantragen wollte. Die wurde ihr – Ironie des Schicksals – mit der Begründung verweigert, sie habe in sechs Jahren nur einen Tag gefehlt.

Morgens suizidal und abends fröhlich

Zu gesund für eine Kur, doch die Wahrheit war: Ruth G. war so krank, dass sie umgehend in eine Akutklinik eingeliefert wurde: „Da habe ich erst mal total zugemacht und nicht mehr geredet“, erinnert sich die Marburgerin, an die zu diesem Zeitpunkt kein Therapeut herankam. Für Kristina Spenner ist das eines der zentralen Symptome von Borderline-Patienten: „Es fällt ­ihnen schwer, zu erkennen, was bei ihnen eigentlich los ist.“

Ein anderes Krankheitsbild sind die starken, schnell auftretenden Stimmungsschwankungen von Menschen, die unter „emotionalen instabilen Persönlichkeitsstörungen“ leiden, wie es im Fachjargon heißt. Ruth G. beschreibt diese Gemütsschwankungen sehr drastisch: „Ich konnte morgens aufstehen und suizidal sein, und abends bin ich tanzen gegangen.“

Ein Hund als Therapeut

Fünf Suizidversuche und etliche Klinikaufenthalte später ist die seit zwei Jahrzehnten verrentete Ruth G. heute an einem Punkt angelangt, an dem sie von einer Behandlung mit kompliziertem Namen profitiert hat: der dialektisch-behavioralen Therapie. „Dabei geht es um zwei Schwerpunkte: ­Akzeptanz und Veränderung“, erklärt Kristina Spenner.

Sie selbst habe Jahre gebraucht, bis sie akzeptiert habe,­ dass sie an einer Borderline-­Erkrankung leidet, erzählt Ruth G.. Und was hat sich für sie verändert? „Ich bin von 25 auf 5 Psychopharmaka runter.“ An der Verbesserung ihres Zustands hat ein kleiner Begleiter großen Anteil: „Ich habe jetzt ein Havaneserhündchen – und das ist mein kleiner Therapeut.“ Was sich Ruth G. für die Zukunft wünscht, klingt für Außenstehende einfach: „So, wie es ist, soll es bleiben.“

  • In der Reihe „Psyche und Seele. Die Vitos-Gesundheitsgespräche“ findet am Mittwoch, 30. Oktober, ein Vortrag statt. Dr. Kristina Spenner spricht ab 18 Uhr im Festsaal der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Cappeler Straße über das Thema „Borderline – der emotionale Grenzgang“.

von Carsten Beckmann