Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Ich bin für jeden dankbar, der sich impfen lässt“
Marburg „Ich bin für jeden dankbar, der sich impfen lässt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 20.11.2021
Carina Groß zieht in der Praxis Kretschmann Spritzen mit dem Biontech-Impfstoff auf.
Carina Groß zieht in der Praxis Kretschmann Spritzen mit dem Biontech-Impfstoff auf. Quelle: Andreas Schmidt
Anzeige
Marburg

„Ich will Marburg sicherer machen“, sagt Dr. Ulrike Kretschmann. Die Marburger Hausärztin hat ihre kleine Impfstraße unter ihrer Praxis in der Bahnhofstraße – in den ehemaligen Geschäftsräumen von „Matratzen Concorde“ – gerade wieder reaktiviert, um vor allem die Drittimpfung, also das „Boostern“, voranzutreiben.

Schon seit Beginn der Pandemie ist die Ärztin äußerst engagiert und ideenreich, um eben ihr Credo – Marburg sicherer machen – voranzutreiben. So hatte sie bereits im März vergangenen Jahres einen „Coronatest-Drive-In“ im Hof ihrer Praxis errichtet, wo sich Menschen testen lassen konnten – aus dem Auto heraus. Kretschmann hatte mit Kollegen einen „Seniorenheim-Schutzwall“ mit Schnelltest-Konzept für Altenheim-Besucher entwickelt oder auch eine groß angelegte Impf-Aktion am Richtsberg organisiert. Und: Ein Bestandteil dieser Sicherheit für Marburg war eben auch die Impf-Straße, die nun wieder reaktiviert wurde.

„Bisher impfe ich an drei Tagen in der Woche etwa 350 Menschen“, sagt sie. Die Kapazität ließe sich problemlos auf 600 Menschen steigern. „Ich impfe alle“, sagt sie. Doch seien vor allem die älteren Patienten verunsichert, denn: „Sie werden – im Gegensatz zur Erstimpfung – nicht angeschrieben.“ Um auch das „Boostern“ zu beschleunigen, müsste das geändert werden. Der Vorteil bei den Booster-Impfungen, die bei Kretschmann mit dem Impfstoff von Biontech stattfinden: „Die Patienten sind bereits aufgeklärt, das spart Zeit.“ Erstimpfungen gebe es bisher bei Kretschmann nur relativ selten, dabei sei der Bedarf weiterhin sehr hoch. „Es sind die Hardcore-Leute, die sich immer noch nicht haben erstimpfen lassen“, vermutet sie – so habe sie schon Argumente gehört, dass eine junge Frau meinte, sie werde unfruchtbar – oder auch, dass „Genmaterial eingebaut werde“. Um die Quote zu erhöhen, brauche es mehr Druck.

Dass Hessen bereits im Sommer beschlossen habe, die Impfzentren im Oktober zu schließen – obwohl die vierte Welle sich bereits abzeichnete und klar war, dass die Zahl der Infizierten im Herbst und Winter wieder steigen würde –, dafür hat die Ärztin nur bedingt Verständnis. „Es ist für das Land offenbar immer wieder überraschend, wenn die Ferien enden und die Schulen wieder öffnen – oder eben auch, dass die vierte Welle kommt.“ Allerdings seien die Impfzentren auch „gähnend leer“ gewesen und hätten jeden Tag viel Geld verschlungen.

Ulrike Kretschmann sagt: „Wenn ich die Impfstraße nicht hätte, dann würde ich wieder einen Ort suchen, wo ich möglichst viele Menschen impfen kann – damit wir schnell voran kommen“. Kretschmann wüsste auch schon, wo in Marburg ein neues, kleineres Impfzentrum entstehen könnte: Am Gaßmann-Stadion, wo bereits das Zelt für den „Eispalast“ aufgebaut ist. Das ließe sich doch schnell umfunktionieren. „Genug Geld hat die Stadt ja auch“, sagt Kretschmann schmunzelnd und spielt damit auf die Gewerbesteuer-Millionen von Biontech an.

Wen impft Ulrike Kretschmann in ihrer Impfstraße? „Im Prinzip alle ab 18 Jahren – so, wie es nun vorgesehen ist.“ Der Virologe Christian Drosten habe schon vor der Stiko-Empfehlung in seinem Podcast gesagt, „dass man die Gefährdeten bereits ab vier Monaten impfen soll, damit sich nach sechs Monaten der Impfschutz nicht noch weiter abgebaut hat“. Für Meldungen, dass Impfwillige bei den jüngsten Aktionen abgewiesen worden seien, weil seit deren letzter Impfung noch kein halbes Jahr vergangen sei, hat die Ärztin kein Verständnis. „Wir müssen die Schlagzahl jetzt hoch halten – ich bin für jeden dankbar, der sich impfen lässt, damit wir keine Impfdurchbrüche bekommen.“

Ulrike Kretschmann weiß, dass es in vielen Praxen derzeit jede Menge zu tun gibt – denn: „Die Zahl an Infekten derzeit sind Wahnsinn“, die Wartezimmer säßen voll mit Patienten, die Erkältungen oder grippale Infekte hätten. Warum? Nun, weil die Corona-Regeln – Hygiene, Abstand halten, Maske tragen – eben dazu geführt hätten, dass sich auch Atemwegsinfekte nicht verbreitet hätten. „Das Immunsystem ist quasi untrainiert, doch die Lockerungen haben es mit sich gebracht, dass es die Menschen jetzt erwischt, sie richtig lange erkranken und die Infekte nicht loswerden.“ Die Konsequenz: Die Praxen sind voll, die Nachfrage nach Booster-Impfungen kommt noch oben drauf. Das bestätigt auch ihr Stadtallendorfer Kollege Ortwin Schuchardt. Hinzu käme noch die Situation, dass Ärzte bei Erkältungssymptomen eine Coronainfektion nicht ausschließen könnten und darauf testen müssten. „Aber wir wuppen das“, ist sich Kretschmann sicher.

Vor diesem Hintergrund gehen ihr die Äußerungen des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann (CDU) gegen den Strich: Der hatte laut „Ärztezeitung“ auf der Medizinmesse „Medica“ in Düsseldorf gefordert: „Statt Golfplatz am Samstag impfen am Samstag.“ Die Hausärzte müssten das Impftempo nun vorantreiben, denn schließlich hätten sie das ja gewollt. Und immerhin würden sie am Wochenende pro Impfung 36 Euro erhalten. „Das ist unverschämt“, sagt Ulrike Kretschmann. Sie fügt ironisch hinzu, während sich am Freitagmittag eine lange Warteschlange die Treppe hinauf bis in ihre Praxis zieht: „Wir haben das in unserem Team besprochen – wir gehen lieber am Wochenende golfen, um zu chillen." Verärgerung über die Aussage Laumanns sei auch die Reaktion, die sie aus der Ärzteschaft erfahren habe. „Wir Hausärzte wissen, was wir tun – und wir machen es gut“, sie selbst habe bisher insgesamt in den vergangenen Monaten 7 000 Leute geimpft.

Von Andreas Schmidt