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Marburg Die Bonpflicht findet keiner gut
Marburg Die Bonpflicht findet keiner gut
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12:00 20.01.2020
Reger Betrieb herrscht Woche für Woche auf dem Markt in der Frankfurter Straße in Marburg. Die Bonpflicht findet dort kaum jemand gut. Quelle: Volker Kubisch
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Marburg

Als die nette Verkäuferin in einer Bäckerei in Wetter fragt: „Möchten Sie Ihren Kassenzettel mitnehmen?“, traut der Kunde an diesem Freitag seinen Ohren nicht. Gut zwei Wochen nach Einführung der heiß debattierten Bonpflicht gibt es nämlich im gesamten Landkreis, das ergeben Stichproben der OP, kaum jemanden, der sie ernst nimmt. In einer Bratwurstbude in Kirchhain wird der Kunde ebenso wenig gefragt wie beim Metzger im Nordkreis. Ausgedruckt immerhin wird auch hier der Kassenzettel – er wandert dann einfach in den Müll. Eine Tankstelle im Marburger Norden handhabt das ein wenig anders: Das Kassenpersonal sammelt die nicht mitgenommenen Bons in einem großen Pappkarton. „Den holt der Chef abends ab“, erzählt ein Angestellter.

Für die Polizei ist die Bonpflicht kein Thema. Sprecher Martin Ahlich sagt, die Beamten im Landkreis seien mit dieser Thematik noch nicht befasst gewesen.

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Händler: Die meisten lassen ihren Bon liegen

Auch für die Händler auf dem Marburger Wochenmarkt in der Frankfurter Straße gilt seit dem 1. Januar die sogenannte „Bonpflicht“. Wer allerdings erwartet hätte, dass es nun an jedem Stand unablässig piept, weil die Händler plötzlich allesamt über eine elektronische Registrierkasse verfügen und dort auch steuerrechtskonform jeden einzelnen Posten eingeben, dürfte sich enttäuscht sehen.

Bei keinem der Händler hat sich etwas verändert: Wer im vergangenen Jahr keine Registrierkasse hatte, hat auch jetzt keine. Wer bereits eine elektronische Registrierkasse im Einsatz hatte, hat dies auch weiterhin. Wobei diese bei den Obst- und Gemüseständen, den Fleisch- und Wurstverkäufern oder den Fischständen eigentlich als Waagen konzipiert sind. Also zum einen das Produktgewicht registrieren, den richtigen Preis berechnen und am Ende auf einem ausgedruckten Bon fein säuberlich den Endpreis ausweisen.

Nur: die überwältigende Mehrheit der Kunden winkt ab, wenn sie gefragt werden, ob sie den Bon mitnehmen möchten.

Kritiker sehen den eigentlichen Plan hinter der Bonpflicht so: Je mehr Kunden ihren Kassenbon mitnehmen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass dieser in irgendeiner Steuererklärung auftaucht, um steuermindernde Kosten geltend zu machen. Und wenn bei einer Betriebsprüfung des entsprechenden Händlers just dieser Beleg in den Umsatznachweisen fehlt, liegt eine Steuerhinterziehung vor.

Für die Händler auf dem Marburger Wochenmarkt jedenfalls ist dieses Kassengesetz bestenfalls ein Schildbürgerstreich, durch den höchstens mehr umwelt­schädlicher Müll produziert wird. Denn die ausgeworfenen Bons elektronischer Registrierkassen werden größtenteils auf Thermopapier ausgedruckt, das mit einer speziellen chemischen Beschichtung versehen ist und deshalb nicht einmal im Papiermüll entsorgt werden kann.

Aber: Gibt es denn wirklich niemanden, der die Bon­pflicht gut findet und die Finanzbehörden bei ihrem Kampf gegen Steuersünder unterstützen möchte?

Marktbesucherin Heidrun Vaupel gibt zu, dass sie nie ­einen Kassenbon mitnehme, nicht mal an der Supermarktkasse, wenn sie gefragt würde.

Ähnlich ist das bei Henning Mohr, der an einem kleinen Stand frische Eier kauft und selbst an der Kasse im Kino arbeitet: „Seit 1. Januar müssen wir Bons ausdrucken und den Kunden gemeinsam mit den Kinokarten aushändigen. Die meisten lassen ihren Bon aber gleich liegen, andere lassen ihn nach ein paar Metern im Foyer fallen. Vor dem Stichtag haben wir für rund zehn Prozent der Kunden auf Verlangen ­einen Bon ausgedruckt. Heute drucken wir für 100 Prozent einen aus, das ist eine riesige Verschwendung. Ich glaube, Steuerhinterziehung könnte nur dann verringert werden, wenn viel mehr Kontrolleure unterwegs wären“, sagt Mohr.

Finanzamt ist für Kontrollen zuständig

Zuständig für die Kontrolle ist zunächst das Finanzamt. Das Amt in Marburg verweist auf die Oberfinanzdirektion in Frankfurt, die aber innerhalb von drei Arbeitstagen nicht in der Lage ist zu erklären, ob sie personell aufgerüstet hat, um die Einhaltung zu kontrollieren, oder ob es gehäuft Protestaktionen gab wie vor dem Finanzamt in Alsfeld, wo Unbekannte Anfang des Jahres aus Protest gegen die Bonpflicht eine Unmenge von Kassenzetteln einfach in den Briefkasten des Finanzamtes gesteckt und ihn so verstopft haben.

Markthändler Achim Petermann, der Eier, Nudeln und Honig anbietet, gehört zu denen, die keine Registrierkasse nutzen. „Bei mir hat bis jetzt auch noch kein Kunde jemals einen Bon verlangt. Es kommt höchstens mal vor, dass jemand eine Quittung benötigt. Die erstelle ich dann gerne handschriftlich, und alle sind zufrieden.“

Silvia Schick, die aus ihrem Wagen heraus Fleisch- und Wurst verkauft, ist da schon weiter. ­Ihre elektronische Waage spuckt automatisch den Bon mit aus, der gemeinsam mit den gekauften Waren in die Tüte wandert.

Was mit den Bons passiert, ist jedenfalls auch der Stadt Marburg, die die Konzessionen für den Markt verteilt, herzlich egal: „Nicht zuständig“, sagt Patricia­ Grähling von der städtischen Pressestelle.

Umfrage: Was halten Sie von der Bonpflicht?

Markthändlerin Eva Knöppel, die an ihrem Eierstand seit jeher lediglich mit einer Geldkassette arbeitet, schert sich „nicht weiter um die Bonpflicht, weil die ohnehin nur für solche Händler gilt, die bereits eine elektronische Registrierkasse haben“.

Peter Schneider, der regelmäßig auf dem Wochenmarkt einkauft weil er selbst kocht: „Diese Bons sind für mich unnötiger Papierkram. Es geht dabei doch nur darum, dass die Händler ordentlich ihre Steuern bezahlen. Natürlich weiß jeder, dass ohne ordentliche Registrierung die Steuer verkürzt werden kann. Aber das ist doch nicht mein Problem.“

Fischfeinkosthändler Wolfgang Beyse: „Man hat den Eindruck, dass im Handel immer mehr Druck aufgebaut wird, immer mehr Gesetze werden erlassen. Demnächst muss jeder Händler ein Kassensystem mit einem nicht löschbaren Speicher vorweisen, damit das Finanzamt jederzeit die Umsätze abrufen kann. So ein System kostet Tausende Euro. Wie soll das ein kleiner Händler wirtschaftlich stemmen können?“

Herbert Gessner, der auf dem Wochenmarkt Fisch räuchert und verkauft, hält die ganze Aufregung um das Thema für übertrieben: „Unsere Waage­ druckt automatisch den Bon aus, den wir den Kunden auch aushändigen. Die große Mehrheit will den aber gar nicht, und wir können sie ja schlecht zwingen, den mitzunehmen. In meinen Augen macht dieses Gesetz so jedenfalls überhaupt keinen Sinn.“

Ingrid Hagemann antwortet: „Meine Devise lautet ‚Leben und leben lassen‘. Ich wäre überrascht, hier einen Bon zu kriegen, würde aber auch gar nicht danach fragen. Außerdem würde der Wochenmarkt mit noch mehr Registrierkassen auch ein Stück von seinem Flair verlieren. Das fände ich schade. Und mal im Ernst, so ein Aufwand, um die Kleinen dranzukriegen. Auf so einem Wochenmarkt macht doch keiner Millionenumsätze!“

Umfrage: Volker Kubisch

von Volker Kubisch und Till Conrad