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Marburg Bohrung ins Ungewisse
Marburg Bohrung ins Ungewisse
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17:58 10.08.2021
Die Erkundungsbohrung der Stadtwerke zur Erschließung neuer Wasserquellen bei Schröck haben Anfang August begonnen.
Die Erkundungsbohrung der Stadtwerke zur Erschließung neuer Wasserquellen bei Schröck haben Anfang August begonnen. Quelle: Ina Tannert
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Schröck

Die tonnenschweren Bohrköpfe glänzen nass vom letzten Regen, der noch vom meterhohen Bohrturm tropft und den Acker vorübergehend in eine Schlammwüste verwandelt. Auf dem reihen sich Stahlplatten aneinander, bilden einen stabilen Untergrund für das übergroße Spezialgerät. Nur ein kleines Quadrat neben dem 38 Tonnen schweren Auflieger wurde frei gelassen. Das unscheinbare Stück Wiese ist leicht zu übersehen, bildet aber das Herzstück der ganzen Einsatzstelle unterhalb des Schröcker Sportplatzes.

Dort am Heiligen Born hat die Erkundungsbohrung der Stadtwerke Marburg begonnen, die erste seit rund 30 Jahren in der Region. Und das auf dem Gelände, auf dem fast mal eine Mülldeponie entstanden wäre – sicher werden sich einige noch an die jahrelange Protestwelle seit Ende der 80er-Jahre erinnern. Das Wasserreservoir in dem von Sandstein durchzogenen Gebiet verhinderte die Deponie.

Die damaligen Probebohrungen im Arzbachtal machten Hoffnung auf neue Trinkwasserquellen, die jetzige soll für Klarheit sorgen. Über viele Wochen hinweg wird sich der Bohrer senkrecht nach unten etwa auf 200 Meter vorarbeiten. Und das dauert. Je nach Beschaffenheit des Bodens wird das Bohr-Team der Brunnenbau- und Rohrleitungsbau-Firma Engert aus Minden am Tag nur einige Meter vorstoßen können. Zu schnell dürfe es nicht gehen, denn sonst könnte das Gestein instabil werden, erklärt Diplomingenieur Hannes Schmidt, Bauleiter Brunnenbau des Unternehmens, bei einem Rundgang.

Daher wird mit größerer Bohrstärke von 600 Millimetern Durchmesser praktisch auch groß angefangen, das Loch im Laufe der Bohrung verengt, im unteren Bereich sind 311 Millimeter angesetzt. Die ersten sieben Meter wird allerdings die „Schnecke“ bewältigen, die gedrehte Schraube entfernt die erste Erdschicht. Dann übernehmen die tonnenschweren Bohrmeißel, die Stück für Stück am Bohrgestänge in die Erde hineingeführt werden. Das ganze Gerät bringt 50 Tonnen an Zuggewicht auf die Waage, der schwere Bohrkopf dient dabei als ausgleichendes Pendel und sorgt für den korrekten Winkel, berichtet Bohrmeister Frank Fleischhacker, der seit mehr als 40 Jahren Bohr-Projekte beaufsichtigt.

In 135 Metern Tiefe wird es spannend

In das wachsende Loch werden nach und nach lange Stahlrohre zur Stabilisierung eingebracht und zusätzlich einzementiert, auch um das erhoffte Nass vor Verunreinigungen zu bewahren: „Das Stahlrohr hält das Loch offen und schützt zugleich das Wasser“, so Schmidt. Außerdem fungiert eine Kies-Schicht im Inneren zugleich als weiterer Stabilisator wie als Filter.

Interessant wird es für die Experten erst ab rund 135 Metern Tiefe. Denn dann dürfte der Bohrer nach den weichen Ton- und Schluffstein-Schichten auf Festgestein treffen. Die Bohrung begleitet Geologe Henning Jobmann vom Ingenieurbüro Bieske und Partner, der auf eine grundwasserführende Schicht in den Klüften hofft, die sich über Jahrmillionen im Boden gebildet hat.

Später folgt dann der Pump-Versuch, dazu wird Wasser in das Loch hineingepresst, das das Stein-Wasser-Gemisch nach oben und durch das Filterrohr befördert und in bereitgestellte Behälter leitet. Was auf diesem Weg oben ankommt, setzt sich als Sedimente ab und gibt Jobmann wertvolle Hinweise auf den Aufbau des Bodens, welche Gesteinsschicht derzeit erreicht wurde.

Bis dahin wird noch einige Zeit verstreichen, das ganze Großprojekt dürfte rund vier Monate dauern. Das Ergebnis ist völlig offen, noch ist ungewiss, ob Bohr-Experten und Geologen tatsächlich auf genügend Wasser stoßen werden. Dass es welches gibt, sei sehr sicher, unklar ist noch, wie es um die Ergiebigkeit der potenziellen neuen Quelle bestellt ist. Auf dieser könnte einmal ein interkommunales Wasser-Förderprojekt zwischen Marburg, Ebsdorfergrund, Amöneburg und Kirchhain fußen (die OP berichtete).

„Wir wissen jetzt noch nicht, was wir finden werden – vor der Hacke ist es dunkel“, zitiert Stadtwerke-Wassermeister Walter Christ einen alten Bergmannsspruch. Die potenzielle neue Quelle werde nicht übermäßig groß sein, könnte aber einmal eine Ergänzung der lokalen Trinkwasserversorgung darstellen, soll andere Quellen entlasten. Während des Pump-Versuchs werde auch geprüft, ob dieser Einfluss auf die Brunnen in der Nähe hat.

Für Christ ist es tatsächlich die erste Erkundungsbohrung nach 30 Jahren – er war bereits an jener beteiligt, die im Zuge der Mülldeponie-Debatte durchgeführt wurde. Auf die Erkenntnisse von damals stützt sich nun die neue Bohrung.

Und was passiert, wenn die Wassersuche erfolglos bleibt? Völlig umsonst werde das Projekt auch dann nicht gewesen sein. Die entstandene Wunde im Boden soll auf jeden Fall genutzt, das Loch nicht wieder zugeschüttet werden. Auch ohne Förderung wird dort am Ende eine weitere Messstelle entstehen.

Von Ina Tannert