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Marburg Endspurt in 200 Metern Tiefe
Marburg Endspurt in 200 Metern Tiefe
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14:00 15.12.2021
Endspurt bei der Erkundungsbohrung bei Schröck: Bohrmeister Frank Fleischhacker von der Firma Engert lässt das erste hoch gepumpte Wasser aus der Leitung fließen.
Endspurt bei der Erkundungsbohrung bei Schröck: Bohrmeister Frank Fleischhacker von der Firma Engert lässt das erste hoch gepumpte Wasser aus der Leitung fließen. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Schröck

Kühles Nass sprudelt aus der Leitung, die aus dem tiefen Loch unter dem Schröcker Acker empor wächst. Dort am heiligen Born läuft seit Monaten die Erkundungsbohrung der Stadtwerke Marburg und geht langsam in Richtung Endspurt. Vor gut drei Wochen fand der erste Pumpversuch statt.

Kurz vorher wurde die endgültige Bohrtiefe von 200 Metern erreicht. Von jeder einzelnen der unterschiedlichen Erdschichten wurden dabei Proben gesammelt, die nun einen Querschnitt durch den Aufbau des Bodens dokumentieren. Praktisch eine Reise durch Abermillionen Jahre, „das ist wie ein Archiv für den Boden und ein Datenspeicher – das ist echte Erdgeschichte“, schwärmt Walter Christ, Wassermeister der Stadtwerke.

Zur Überraschung der Bohrexperten wurde die erwartete Buntsandstein-Schicht auch schon bei 100 Metern Tiefe erreicht, nicht wie zuerst vermutet bei 130 Metern. Hier ändert sich auch sichtlich die Konsistenz des Bodens: Der wandelt sich vom anfänglich grau-grünen Schlamm der oberen Bereiche über eine krümelige braune Masse hin zu sandigen Schichten aus Buntsandstein mit Ton-Anteil.

Walter Christ, Wassermeister der Stadtwerke Marburg, zeigt die Bodenproben aus den verschiedenen Erdschichten, die während der Erkundungsbohrung gesammelt wurden. Quelle: Ina Tannert

Die verschiedenen Ebenen halten das vorhandene Wasser durch den sogenannten Gebirgsdruck unter den Tonschichten zurück und unter Spannung – ein Grund, weshalb das kühle Nass nun nach oben drückt. Die eingesetzte Pumpe konnte so bei nur 28 Metern das Wasser erreichen und weiterleiten. Gepumpt wurde über mehrere Tage, bis der Wasserpegel konstant blieb, um ein gleichbleibendes Ergebnis zu erhalten und die Bohrstelle testen zu können.

Um auszuschließen, dass dieses Wasserreservoir nicht mit bereits erschlossenen Quellen verbunden ist, wurden parallel die Pegel der umliegenden Brunnen kontrolliert. Es müsse vermieden werden, dass eine Förderstelle der anderen quasi das Wasser abgräbt, erklärt Christ. Auffälligkeiten wurden an den Messstellen indes keine festgestellt, das Niveau der anderen Quellen sei nicht beeinträchtigt worden.

Naturschützer kritisieren Bohrung

Pro Stunde flossen aus dem Bohrloch rund 53 Kubikmeter Wasser nach oben und von dort aus in die Probebehälter und weiter über Leitungen und Gräben in die Ohm und bis in die Lahn. Die werde den zusätzlichen Zufluss indes nicht „spüren“: Im Mittelwert fließen in der Stunde alleine rund 36 000 Kubikmeter die Lahn hinab. Der Spitzenwert im Januar dieses Jahres lag laut Stadtwerke bei 381 600 Kubikmeter pro Stunde. Da fallen etwa 53 zusätzlich nicht ins Gewicht, erklärt Christ.

Und wie sieht es mit der Qualität des Wasser aus? Wie erwartet sei dieses an sich direkt trinkbar, wenn es auch im Urzustand noch nicht der Trinkwasserverordnung entspricht. Denn dafür ist noch zu viel Kohlensäure enthalten – das ist typisch für Wasser in Sandstein-Gebieten – mit einem pH-Wert von etwa sieben ist es noch zu sauer.

Einzelne Bausteine

Um die Kohlensäure zu entfernen würde es im normalen Förder-Alltag bei der Aufbereitung über Filter geleitet und Luft unter Druck beigemischt werden, wodurch die Säure entweicht. Was andere gemessene Inhaltsstoffe wie Nitrat oder Sauerstoff angeht, entspreche das Wasser den bisherigen Annahmen und in etwa dem aus anderen Quellen.

Noch laufen die abschließenden Auswertungen der Wasserproben, „wir sammeln immer noch weiter Daten“, berichtet Bohrmeister Frank Fleischhacker von der ausführenden Brunnenbau- und Rohrleitungsbau-Firma Engert.

Ob das Reservoir am Ende überhaupt als Quelle und langfristig als ergänzender Teil der Trinkwasserversorgung nutzbar ist, steht noch nicht abschließend fest. Sicher sei dabei, dass, wenn ein neuer Brunnen entstehen sollte, „dann gehen wir nur an die Zinsen, wir nehmen nicht mehr raus, als nachläuft“, betont Christ.

Die vom Regierungspräsidium Gießen genehmigte Bohrung stößt indes beim Kreisverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) auf Kritik, der in einem Schreiben die Einstellung des Projekts fordert. Denn: Der Verband sieht Einschnitte für die Grundwasserneubildung, zudem keine Lücke in der Trinkwasserversorgung und schätzt, dass eine solche auch in Zukunft nicht zu befürchten, eine zusätzliche Bohrung daher unnötig sei.

Einerseits, da die regionale Wasserversorgung durch den ZMW mit der letzten Ausweitung der Wasserrechte bereits gewährleistet werde. Andererseits, da die Stadtwerke zusätzlich die Versorgung aus den eigenen Wasserwerken Michelbach und Wehrda sicherstellen, wobei die maximal erlaubte Fördermenge auch nicht ausgeschöpft werde.

Letzteres ist laut Stadtwerke korrekt und lag bisher daran, dass Brunnen in der Vergangenheit vorübergehend außer Betrieb genommen wurden. Mit dem geplanten Neubau des Wasserwerks in Wehrda und der Sanierung der Leitungen würden die Fördermengen voraussichtlich wieder gesteigert, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Dr. Bernhard Müller auf Nachfrage.

Darüber hinaus stelle die Erkundungsbohrung ebenso wie die bereits vorhandene Wassergewinnung und Optimierung der Brunnen einzelne Bausteine dar, die aufeinander aufbauen, um in der Wasserversorgung langfristig handlungsfähig zu bleiben: „Förderkapazitäten müssen vorgehalten werden, um auch künftig auf Notfälle und klimabedingte Schwankungen im gesamten Wassernetz reagieren zu können“, so Müller.

Man könne sich nicht rein auf Wasserlieferungen von außerhalb verlassen.

Von Ina Tannert