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Marburg Böllern verboten
Marburg Böllern verboten
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07:58 30.12.2020
Das Landgrafenschloss im Schein von Feuerwerk – das darf es dieses Jahr nicht geben. Quelle: Foto: Miriam Prüßner
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Marburg

Nun ist es offiziell: Der Landkreis verbietet an Silvester und Neujahr das Abbrennen von Feuerwerk im öffentlichen Raum – und regelt dies in einer neuen Allgemeinverfügung, die am Donnerstag in Kraft tritt. Gleichzeitig empfiehlt der Landkreis dringend, auch im privaten Bereich „auf das Abbrennen von Feuerwerkskörpern zu verzichten“, heißt es.

Doch warum das Verbot? „Mit dem Verbot beziehungsweise dem Appell sollen Gruppenbildungen in der Öffentlichkeit verhindert und eine Überlastung der Notaufnahmen der Krankenhäuser durch Feuerwerksverletzungen vermieden werden“, heißt es aus der Pressestelle des Landkreises. Nicht erlaubt ist demnach das Abbrennen im gesamten öffentlichen Raum – damit sind nicht etwa nur große Plätze gemeint. Vielmehr erstreckt sich das Verbot auf alle öffentlichen Straßen und Plätze ebenso, wie auf im privaten Eigentum stehende Flächen, wie etwa Parkplätze von Einkaufszentren oder Kirchplätze.

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„Indem wir es in diesem Jahr zum Jahreswechsel im wahrsten Sinne ruhiger angehen lassen, können wir die Mitarbeitenden in den Notaufnahmen und im Rettungsdienst ein Stück weit entlasten. Und einen weiteren Beitrag dazu leisten, dass sich die Verbreitung des Virus weiter verlangsamt“, sagt Landrätin Kirsten Fründt (SPD) zum Hintergrund der neuen Allgemeinverfügung. „Wir befinden uns nach wir vor in der fünften von insgesamt sechs Stufen des Eskalationskonzepts der Landesregierung. Die Lage ist noch immer angespannt. Das gilt insbesondere für unsere Krankenhäuser“, mahnt die Landrätin. Das Verbot so kurz vor Silvester kommt relativ spät und das bei derzeit sinkenden Inzidenz-Zahlen im Kreis. Doch stellten auch die aktuellen Fallzahlen „für das Gesundheitswesen wie auch für das Gesundheitsamt eine enorme Herausforderung dar“, teilt die Pressestelle auf Nachfrage mit. Zudem bestehe die Gefahr eines erneuten Anstiegs, ebenso einer Überlastung der Notaufnahmen – beidem begegne der Kreis nun mit dem Feuerwerks-Verbot im öffentlichen Raum.

Andere Landkreise – gerade auch in der Nachbarschaft – hatten das entsprechende Böller-Verbot bereits früher erlassen – so beispielsweise Gießen, der Vogelsbergkreis, Waldeck-Frankenberg, Limburg-Weilburg und der Schwalm-Eder-Kreis. Dort gilt jedoch auch eine Ausgangssperre.

Einen Schritt weiter geht indes der Landkreis Offenbach: Dort bezieht sich das Verbot auch auf Privatgrundstücke und schließt beispielsweise den eigenen Garten ein, berichtet der Hessische Rundfunk mit Hinweis auf eine Kreissprecherin.

So weit geht der Landkreis Marburg-Biedenkopf nicht, orientiere sich dabei auch an der Hessischen Landesregierung und spreche daher eine dringende Empfehlung aus, kein Verbot. Das auch „vor dem Hintergrund des besonders geschützten Bereiches der eigenen Wohnung und des eigenen Grundstücks“, heißt es aus der Pressestelle.

Marburger Stadtpolizei kontrolliert

Sieht es in der Stadt Marburg anders als im Landkreis aus? Nein, heißt es ganz klar aus der Pressestelle: „In Marburg gelten die gleichen Regeln im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie wie im gesamten Landkreis“, erläutert Patricia Grähling auf Anfrage der OP. In der Universitätsstadt gelte ohnehin seit Jahren vielerorts ein Feuerwerkverbot – etwa in der Oberstadt, am Schloss, am Lutherischen Kirchhof sowie vor der Elisabethkirche.

Und wie schaut es mit den Kontrollen aus? „Die Stadtpolizei der Universitätsstadt Marburg kontrolliert die Einhaltung der Silvester-Regelungen, der weiteren Corona-Regelungen und die Regelungen in ihrem sonstigen Aufgabengebiet“, so Grähling. Jedoch sei eine flächendeckende Kontrolle in der Stadt und all ihren Stadtteilen nicht möglich. „Wie bereits in den vergangenen Jahren appelliert die Stadt Marburg auch in diesem Jahr wieder an die Vernunft der Bürger und hat damit bisher im Großen und Ganzen gute Erfahrungen gemacht“, heißt es.

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich (CDU) verdeutlicht: „Corona macht auch an Silvester einen Strich durch die Rechnung“ – und mahnt im gleichen Atemzug: „Wir alle sollten besonnen bleiben und uns an die Regeln halten – auch und gerade an Silvester. Umso schneller bekommen wir die Situation hoffentlich in den Griff.“ Seine Behörde sei zum Jahresende eigentlich besonders gefragt, denn die Sprengstoffexperten des Regierungspräsidiums Gießen seien normalerweise vor Silvester unterwegs, um Lagerung und Verkauf von Feuerwerk zu kontrollieren. Durch das bundesweite Verkaufsverbot von Feuerwerk sah das dieses Mal anders aus.

Grundsätzlich appelliert Ullrich an die Einhaltung der Corona-Regeln und rät zu Vorsicht beim Böllern: Wer noch Raketen, Böller und Batteriefeuerwerk in seinem Fundus habe, solle beim Abbrennen – sofern überhaupt erlaubt – Vorsicht walten lassen. Und außerdem Abstand halten: Das gelte im übrigen nicht nur wegen des Corona-Virus, sondern jedes Mal, wenn Feuerwerkskörper gezündet werden. Abstand zu anderen Menschen, ebenso zu brandempfindlichen Gebäuden und Anlagen wie Scheunen oder Gastanks – „zu allem, was schützenswert ist“, betont der Regierungspräsident.

Zu Silvester gelten strenge Regeln

Zu Weihnachten wurden die strengen Regeln für private Treffen noch aufgehoben – nun sind sie wieder in Kraft. Diese Besonderheiten gelten an Silvester:

Private Treffen sind mit maximal fünf Personen aus bis zu zwei Haushalten erlaubt. Kinder unter 14 Jahren werden dabei nicht mitgezählt. Kontrolliert wird in Privatwohnungen jedoch von den Behörden nicht, ob die Personenzahl eingehalten wird.

In der Öffentlichkeit sind Feiern und Versammlungen komplett verboten. Böller und Raketen dürfen in diesem Jahr nicht verkauft werden. Bund und Länder hatten sich bereits Mitte Dezember auf ein Verkaufsverbot für Feuerwerk geeinigt. Viele OP-Leser waren daher irritiert, dass der Discounter Aldi dennoch in seinem Prospekt auf einem Dutzend Seiten Feuerwerk beworben hat. „Da wir die Bewerbung unserer Aktionen mit einem großen zeitlichen Vorlauf planen, wurden die entsprechenden Angebote in unseren Werbemitteln zum Teil bereits veröffentlicht und verteilt. Insofern erreichte uns die finale Entscheidung der Bundesregierung, den Verkauf von Feuerwerkskörpern zu verbieten, sehr kurzfristig“, erläuterte eine Aldi-Sprecherin gegenüber dem Portal t-online.de.

Auch, wer Böller im Netz bestellt hat, darf diese nicht mehr bekommen – selbst, wenn auf der Plattform eBay derzeit Rekordpreise für Feuerwerk bezahlt werden. Und Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich (CDU) warnt: „Lassen Sie die Finger von illegalen Böllern und verzichten Sie auf Basteleien jeglicher Art.“

Wer noch Feuerwerk „im Bestand“ hat – etwa aus dem vergangenen Jahr –, dürfte dies theoretisch im eigenen Garten zünden. „Zünden Sie auch kein Feuerwerk auf Ihrem Balkon oder Ihrem Hof, wenn es im öffentlichen Raum verboten ist“, appelliert RP Ullrich dazu. „Die Beschäftigten in den Krankenhäusern und der Rettungsdienste, die wegen Corona bereits enorm unter Druck stehen, sowie nicht zuletzt die Feuerwehren werden es Ihnen danken.“
Alkohol darf im öffentlichen Raum nicht getrunken werden – auch das Glas Sekt auf offener Straße, um auf den Jahreswechsel anzustoßen, ist tabu. 

Eine Ausgangssperre gibt es im Landkreis zwar nicht – wohl aber in einigen Nachbarkreisen. Zwischen 21 Uhr und 5 Uhr dürfen Wohnung oder Haus dort nur in Ausnahmefällen verlassen werden – das Heimfahren nach einer Feier gehört nicht dazu. Wer dort zusammen mit einem anderen Haushalt Silvester feiern will, muss in den Kreisen und Städten mit Ausgangssperre also bis 5 Uhr bleiben.

Von Andreas Schmidt und Ina Tannert

29.12.2020
29.12.2020