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Marburg Blitzeinschlag
Marburg Blitzeinschlag
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07:58 30.08.2021
Die Geschwindigkeitsmessanlagen an der Kreuzung der Landesstraße 3088 mit der Kreisstraße 34 werden oft beschädigt.
Die Geschwindigkeitsmessanlagen an der Kreuzung der Landesstraße 3088 mit der Kreisstraße 34 werden oft beschädigt. Quelle: Gianfranco Fain
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Marburg

Sie sehen funktional oder auch stylish aus, stehen am Straßenrand und dienen je nach Sichtweise der Verkehrssicherheit, dem Disziplinieren von Autofahrern oder dem Abkassieren derselben: die Geschwindigkeitsmessanlagen, auch Blitzer genannt. Derer hat die Stadt sechs an der Zahl aufgestellt. Vier überwachen das Einhalten der Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Bundesstraße 3a, die im Marburger Abschnitt auch gern als Stadtautobahn tituliert wird, zwei stehen an der Kreuzung der Landesstraße 3088 mit der Kreisstraße 34, die nach Bauerbach beziehungsweise Schröck führt.

Was für die Bewohner der umliegenden Dörfer ein Segen ist, ist anderen ein Dorn im Auge, einer der zum Zerstören der Geschwindigkeitsmessanlagen führt. „Eindeutig die an der Kreuzung der Landesstraße nach Bauerbach und Schröck“, antwortet Christian Prölß auf die Frage nach den verhasstesten Blitzern im Stadtgebiet. Laut des Leiters der Marburger Verkehrsüberwachung waren die Anlagen allein in diesem Jahr schon dreimal das Ziel von Zerstörern, die mit zunehmender Aggressivität vorgehen.

Schadenssumme:

12 .500 Euro

Anfang Mai zerstörten Blitzer-Hasser an beiden Anlagen, eine misst in Richtung Kirchhain, eine in Richtung Marburg, die Scheiben aus Panzerglas. Die Anlagen waren rund sechs Wochen bis Ende Juni außer Gefecht. Der Schaden war relativ gering, 1 500 Euro mussten aus der Stadtkasse entnommen werden.

Knapp zwei Wochen später lösten Unbekannte am Blitzer in Richtung Kirchhain das Panzer- und auch das Kunststoffglas der Blitzeinheit „durch Erschütterung“. Reparaturkosten: 1 000 Euro. Nach vier Wochen nahm der Blitzer am 9. August das Messen wieder auf.

Einen Tag später, am 10. August, war das Messgerät in Fahrtrichtung Marburg demoliert. Vermutlich kam dabei eine Spitzhacke zum Einsatz. Panzerglas und die interne Blitzeinheit sind so beschädigt, dass mindestens 7 500 Euro für die Reparatur fällig werden. Am 13. August verpackten Mitarbeiter das Innenleben und schickten es an den Hersteller. Wie lange das Gerät ausfällt, steht deshalb nicht fest.

Insgesamt rechnet Prölß mit einer Schadenssumme von 12 500 Euro, die die Stadt, also alle Steuern zahlenden Bürger, tragen muss. Es wäre zwar möglich, eine Versicherung gegen solche Beschädigungsfolgen abzuschließen, doch die Prämien dafür bezeichnet Prölß als „exorbitant hoch“. Als Beispiel nennt er die Versicherungsprämie für die vier Geschwindigkeitsmessanlagen an der Stadtautobahn: Rund 30 000 Euro müsste die Stadt Marburg pro Jahr bezahlen.

Zum finanziellen Aufwand für die Reparaturen kommt noch der Ausfall der Einnahmen aus den Ordnungsstrafen hinzu. Diese schätzt der Leiter der Verkehrsüberwachung für die Anlagen an der Landesstraße bisher in diesem Jahr auf rund 50 000 Euro. Das Verwarnungsgeld sei aber nicht der Grund, weshalb die Blitzer dort stehen, erläutert Prölß. Die Verkehrssicherheit stehe im Vordergrund, gerade an dieser Kreuzung, die ein Unfallschwerpunkt war. Prölß verdeutlicht dies mit Zahlen: In den Jahren 2013 und 2014 kam es zu Unfällen mit insgesamt acht leicht verletzten Menschen; allein 2015 kamen in der Statistik fünf leicht Verletzte, drei schwer Verletzte und zwei Tote hinzu.

Das Jahr 2015 markierte den Zeitpunkt des Eingreifens der Behörde. Die gut ausgebaute, breite und leicht abschüssige Landesstraße verleitet dazu, schnell zu fahren, was den von der Kreisstraße auf die Landesstraße einbiegenden Verkehrsteilnehmern das Einfädeln erschwert, auch weil von Schröck kommend die Sicht eingeschränkt ist. Drei Möglichkeiten standen laut Prölß zur Wahl: Ein Kreisverkehr, dessen Entstehen vom Planen über die Genehmigung bis zum Bau gut fünf Jahre dauert, eine Ampelanlage, für die man ähnlich lange braucht wie für einen Kreisverkehr, die aber wesentlich teurer ist, und eine Geschwindigkeitsüberwachungsanlage.

„Nur der Blitzer war kurzfristiger realisierbar“, sagt Prölß. Rund 80 000 Euro kostet ein solcher Turm, an der Kreuzung wurden also 160 000 Euro zuzüglich der Baukosten investiert. Das Aufstellen zeigte rasch Wirkung. Blitzte es anfangs rund 1 500 Mal in der Woche, so sind es mittlerweile nur noch 180 „Schnappschüsse“.

Bilder werden direkt online gesichert

Die meisten Verstöße löse Unachtsamkeit aus, sagt Christian Prölß. Dies sei aus den Höhen der Geschwindigkeitsüberschreitungen erkennbar, die sich im Bereich bis zu 20 Kilometern pro Stunde (km/h) bewegen. Aber es gibt auch Verkehrsteilnehmer, die bewusst viel schneller fahren, als die erlaubten 70 km/h. Den Höchstwert seit der Inbetriebnahme markierte ein Fahrzeuglenker im Dezember 2017 mit 148 km/h. Bei Kontrollmessungen, um die Genehmigung der Messanlage mit Zahlen zu untermauern, zeigte das Messgerät gar einmal 194 km/h an.

Die festgehaltenen Überschreitungen der zulässigen 70 km/h kosten nicht nur Geld, sondern bei höheren Geschwindigkeiten führen diese auch zeitweise oder gänzlich zum Verlust des Führerscheines. Das Gerät deswegen zu zerstören, ergebe aber keinen Sinn, warnt Prölß: „Die Anlagen sind online angebunden, die Bilder gleich gesichert.“ Bleiben noch diejenigen, die die Anlagen aus Wut beschädigen oder gar, um sich „freie Fahrt“ zu verschaffen. Um die Verursacher solcher Zerstörungen zu erwischen, sollen die Anlagen besser überwacht werden. Dazu liefen gerade Gespräche mit der Polizei, gibt Prölß einen Hinweis auf das künftige Vorgehen.

Von Gianfranco Fain

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