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Marburg Blista-Absolventin wird Bundes-Behindertenbeauftragte
Marburg Blista-Absolventin wird Bundes-Behindertenbeauftragte
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16:56 19.01.2014
Von Heike Schmidt
Die Blista-Absolventin Verena Bentele ist die neue Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ernannte sie am 16. Januar.
Die Blista-Absolventin Verena Bentele ist die neue Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ernannte sie am 16. Januar. Quelle: Rainer Jensen / dpa
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Marburg

Drei Jahre lang ging Verena Bentele auf die Carl-Strehl-Schule der Blista und machte dort im Jahr 2001 ihr Abitur. Hin und wieder kommt sie noch zu Besuch nach Marburg, vor allem zu Ehemaligen-Treffen. „Ich bin Wintersportlerin, ich hänge an Süddeutschland“, sagt die 31-Jährige. „Aber ich denke gerne an die Zeit in Marburg zurück, weil die Stadt toll ist. Ich finde die Berge super, es geht immer rauf und runter.“ Das habe sie an ihre Heimat erinnert. „Und die Kneipen sind natürlich legendär.“ Nach einer kurzen Pause schiebt die neue Behindertenbeauftragte hinterher: „Darf ich das jetzt überhaupt sagen?“ Jetzt, wo sie ein politisches Amt innehat, das an das Ministerium für Arbeit und Soziales von Andrea Nahles (SPD) angegliedert ist.

„Stehauf-Weiblein“ kommt mit ihrer offenen Art gut an

Es ist diese erfrischend offene Art, die ankommt. Schon als Sportlerin war Bentele wegen ihrer charmanten Ausstrahlung ein gern gesehener Gast in TV-Shows. Besonders im Jahr 2010, als sie mit fünf Goldmedaillen im Biathlon und Skilanglauf der Star der Paralympics in Vancouver war und den Bambi in der Kategorie Sport gewann.

Dabei hatte sie ein Jahr zuvor einen schlimmen Unfall. Ihrem Begleitfahrer unterlief ein fataler Fehler, bei den Anweisungen verwechselte er links und rechts. Die blinde Sportlerin fuhr in einen Abgrund. Bentele erlitt einen Kreuzbandriss, Kapselrisse an zwei Fingern, eine Leberverletzung. Sogar eine Niere musste entfernt werden.

Doch das „Stehauf-Weiblein“, wie sie sich selbst bezeichnet, kämpfte sich zurück und stand bald schon wieder auf Skiern. Dafür brauchte es eine Menge Mut, Selbstbewusstsein und Vertrauen. Alles Eigenschaften, die Verena Bentele in sich vereint. Als freiberufliche Personal- und Motivationstrainerin versucht sie, andere in ihrer Entwicklung zu bestärken. Ihr erstes Buch erscheint im Februar, passenderweise heißt es „Kontrolle ist gut, Vertrauen istbesser“.

Ihre Tätigkeit als Personaltrainerin wird allerdings ruhen müssen. Denn als Behindertenbeauftragte wartet eine ganz neue Herausforderung auf eine Frau, die gerne ihre Grenzen austestet. Im vergangenen Jahr bewältigte sie den Aufstieg zum Kilimandscharo, den mit 5895 Metern höchsten Berg Afrikas. Nun steht sie vor einem Berg politischer Arbeit. „Ich sehe schon Parallelen“, sagt Bentele. „Es geht jeweils um das Thema Ziele. Beim Kilimandscharo war der Gipfel das Ziel. In der Politik gibt es viele Ziele zu erreichen. Ich finde es hochgradig spannend.“

Den Schwerpunkt ihrer Arbeit will die Bayerin, die in München lebt und zur Arbeit nach Berlin pendeln will, darauf legen, „das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu verändern. Viele Barrieren existieren in den Köpfen, die gilt es zu beseitigen.“

Marburg als Vorbildfür Inklusion

Die Stadt Marburg könne dafür durchaus als Vorbild taugen. „Viele Leute sind sensibilisiert, wenn es um blinde oder sehbehinderte Menschen geht.“ Das gehe von Ampeln mit akustischen Signalen bis hin zu Speisekarten in Braille-Punktschrift. „Menschen mit Blindenstock gehören zum Stadtbild“, sagt Verena Bentele. „Insofern gibt Marburg ein gutes Beispiel dafür ab, wie normal das Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten sein kann; wie schön es ist, wenn dieser Umgang miteinander die Regel ist.“

Zweimal gehörte Bentele auf Vorschlag der SPD, deren Mitglied sie seit 2012 ist, der Bundesversammlung an, die den Bundespräsidenten wählt. Zudem machte sie bei Christian Udes Don-Quijote-Kampf gegen die CSU bei den bayerischen Landtagswahlen eine gute Figur. Und einen kompetenten Eindruck, wenn es um die Themen Sport und Inklusion ging. Münchens Oberbürgermeister hatte sie bei der Olympia-Bewerbung der bayerischen Landeshauptstadt kennengelernt.

Viel politische Erfahrung ist das nicht. „Es ist noch hoher Trainingsbedarf da“, bedient sich die Ex-Biathletin einer Sport-Metapher. Sie habe aber im Wahlkampf mit Ude viel gelernt und sich inzwischen damit auseinandersetzen können, wie Politik funktioniert - auch wenn es auf Bundesebene noch einmal etwas anderes sei. Das Prinzip aber bleibe: „Ich will mir Unterstützung holen und meine Ideen durchsetzen. Es ist schön, mitgestalten zu können.“

Dabei ist sie mit gerade einmal 31 Jahren die erste Behindertenbeauftragte, die keine Bundestagsabgeordnete ist - und die selbst behindert ist. „Ich denke, für meine Aufgabe ist meine Behinderung eher ein Vorteil. Ich bringe eine hohe Sensibilität für die Belange von Behinderten mit, weil sie mich selbst betreffen“, sagte sie gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Der Sport wird für Verena Bentele künftig nicht mehr an erster Stelle stehen, „denn die Inklusion ist eine Jahrhundertaufgabe“, schreibt sie auf ihrer Homepage. Den längsten Radmarathon Europas, von Trondheim nach Oslo, will sie aber wie im Vorjahr dennoch wiederbewältigen. 540 Kilometer durch Norwegen. Dass sie den nötigen langen Atem dafür hat, hat sie hinlänglich bewiesen. In der Politik wird sie ihn ebenfalls brauchen.

Steckbrief:

Name:
Verena Bentele
Geboren:
28. Februar 1982
Schule:
Carl-Strehl-Schule / Blista
Was macht sie jetzt?
Behindertenbeauftragte der Bunderegierung
Kommt sie noch vorbei?
Hin und wieder – gerne zu Ehemaligentreffen der Blista.
O-Ton:
„Beim Kilimandscharo war der Gipfel das Ziel. In der Politik gibt es viele Ziele zu erreichen. Ich finde es hochgradig spannend.“
Zur Person:
Verena Bentele ist – wie einer ihrer Brüder – aufgrund einer seltenen Erbkrankheit von Geburt an blind. Bentele wuchs auf dem Bio-Bauernhof ihrer Eltern Monika und Peter auf, die sie früh mit anpacken ließen und so zur Selbstständigkeit erzogen. Nach dem Abitur 2001 in Marburg schloss sie ihr Literaturstudium 2011 an der Universität München ab. Von 1995 bis 2011 gehörte Bentele, die schon als kleines Mädchen auf Skiern stand, der Nationalmannschaft im Skilanglauf und Biathlon an. Bei vier paralympischen Spielen gewann sie zwölf Goldmedaillen, zudem wurde sie viermal Weltmeisterin.     

von Holger Schmidt

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