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Marburg Blinder Tiktok-Star baut Barrieren ab
Marburg Blinder Tiktok-Star baut Barrieren ab
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20:59 17.10.2021
Nikolaos Rizidis und sein Blindenhund Orlando sind ein eingespieltes Team. „Mein Leben liegt in seinen Pfoten“, sagt der 29-Jährige.
Nikolaos Rizidis und sein Blindenhund Orlando sind ein eingespieltes Team. „Mein Leben liegt in seinen Pfoten“, sagt der 29-Jährige. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Auf Tiktok wird viel Quatsch gemacht. Getanzt, gesungen, rumgealbert. Dass man die junge Social-Media-Plattform auch dafür nutzen kann, Barrieren abzubauen, zeigt Nikolaos Rizidis. Der 29-Jährige ist blind und hat mehr als 77 000 Follower. „Angefangen hat alles, weil ich mich im Alltag über manche Situationen geärgert habe, und dagegen musste ich einfach etwas tun“, sagt er und lächelt.

Nikolaos kommt als Frühchen auf die Welt. Er leidet an einer juvenilen Makuladegeneration. Sein Sehvermögen nimmt im Laufe der Jahre immer weiter ab, bis er sein Augenlicht komplett verliert. Auf dem rechten Auge sieht er noch ein, auf dem linken nur noch vier Prozent. Seit 2010 gilt er offiziell als blind. Keine leichte Zeit für den Heranwachsenden. Zudem wird er an der Regelschule in Niedersachsen gemobbt.

Nikolaos flüchtet sich in den Sport, kämpft, lässt sich nicht unterkriegen. Ihn packt der Ehrgeiz. Er verlässt den Hauptschulzweig der Regelschule, kommt nach Marburg, macht an der Blista sein Fach-Abi und studiert Erziehungs- und Bildungswissenschaften. Heute arbeitet er bei der „EUTB“ – der „Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung“ in der Frankfurter Straße. In der Anlaufstelle für alle Fragen zum Thema Behinderung gibt er Ratsuchenden Orientierung und Unterstützung. Und im Grunde ist es auch das, was er in seinen Tiktok-Videos macht. Auf unterhaltsame Weise gibt er Einblicke in sein Leben als Sehbehinderter, zeigt Barrieren auf und baut so Berührungsäste ab. „Es liegt vieles an der fehlenden Kommunikation“, sagt er und nimmt ein Beispiel aus dem Alltag, das öfter vorkommt. Wenn er einkaufen war und an der Kasse steht und bezahlt hat, komme es immer wieder vor, dass die Kassiererin das Wechselgeld nicht ihm, sondern seiner Freundin in die Hand drückt. „Das ist nicht schön, wenn man so entmündigt wird. Das sind die Situationen, die mich behindern. So fühle ich mich erst behindert gemacht“, betont er.

Ein treuer Begleiter

Und deshalb will er die Gesellschaft mit seinen Videos sensibilisieren. Geht man mit ihm durch die Stadt, merkt man ihm seine Behinderung kaum an. Sein Hund Orlando ersetzt sein fehlendes Augenlicht. Der Blindenhund führt ihn sicher durch Marburg. Er sucht ihm Ampeln, zeigt Bordsteine auf und macht auf Hindernisse aufmerksam – wie zum Beispiel Fahrräder, die in Marburg gerne mal den Gehweg versperren. „Wenn ich nicht mit Orlando, sondern nur mit dem Stock unterwegs bin, bleibe ich häufig in den Speichen hängen, das ist nicht so schön“, betont er.

Erlebnisse im Zusammenhang mit seinem fünfeinhalbjährigen Blindenhund waren es auch, die ihn dazu gebracht haben, überhaupt mit Tiktok-Videos zu beginnen. Denn immer wieder kommt es vor, dass Passanten im Straßenverkehr seinen Hund anfassen. Ein fataler Fauxpas. Denn das ist nicht nur übergriffig, weil Niko logischerweise selbst bestimmen will, wer seinen Hund anfasst. Vor allem ist es aber auch gefährlich. „Wenn Orlando abgelenkt ist, kann er natürlich nicht auf mich aufpassen, und das kann im schlimmsten Fall tödlich für mich enden“, erläutert Nikolaos und tätschelt seinem treuen Begleiter liebevoll den Kopf. „Mein Leben liegt in seinen Pfoten.“

Auch wenn es ihn ärgert, hat er doch Verständnis für so manch menschliches Fehlverhalten. „Die Leute wissen es eben nicht besser, weil sie keine Erfahrung mit Blinden haben oder einfach Berührungsängste haben.“ Deshalb ist seine Mission, seine Tiktok-Zuschauer aufzuklären. Und das kommt super an. Mehr als 77 000 Menschen haben seinen Kanal abonniert. Viele von den jungen Zuschauern kommentieren seine Videos und stellen interessierte Nachfragen. Zum Beispiel, wie er Geldscheine unterscheiden kann (Antwort: durch die unterschiedlichen Riffelungen am Rand) oder wie er seine Klamotten aussucht (Antwort: mit einer Farberkennungs-App auf dem Handy).

Nikolaos freut sich, dass seine Videos so gut ankommen. Er hofft, dass dadurch der Umgang mit Sehbehinderten wie ihm normaler wird. „Schön wäre, wenn Menschen einfach ganz normal auf mich zukommen und mich ansprechen. Eben so, wie es in einer pluralistischen Gesellschaft sein sollte.“

Von Nadine Weigel