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Marburg Claus Duncker hört als Direktor der Blindenstudienanstalt auf
Marburg Claus Duncker hört als Direktor der Blindenstudienanstalt auf
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19:31 29.06.2022
Claus Duncker (rechts) übergibt als scheidender Blista-Direktor den „Staffelstab“ der Verantwortung - einen Blindenstock - an Patrick Temmesfeld.
Claus Duncker (rechts) übergibt als scheidender Blista-Direktor den „Staffelstab“ der Verantwortung - einen Blindenstock - an Patrick Temmesfeld. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Als sich nach seiner Abschiedsrede 750 Zuhörer in der Marburger Stadthalle zu Standing Ovations erhoben, da wurde der scheidende Blista-Direktor Claus Duncker kurzzeitig doch ein wenig wehmütig. „Macht es mir doch nicht so schwer“, bat er die versammelte „Gemeinde“ der Blindenstudienanstalt (Blista). Immerhin 15 Jahre lang hatte Duncker die deutschlandweit einzigartige und mehr als 100 Jahre alte traditionsreiche Blinden-Bildungseinrichtung geleitet, ab 1991 war er zuvor auch als Mathematiklehrer an dem zur Blista gehörenden Gymnasium, der Carl-Strehl-Schule, tätig.

„Mein Matheunterricht blieb anscheinend nicht so sehr im Gedächtnis“, sagte Duncker. Das allerdings ganz im Gegensatz zu von ihm geleiteten Klassenfahrten nach Irland oder Grillabenden. Mehrere Redner waren sich bei Dunckers Abschied einig, dass dieser mit sehr viel Herzblut als Direktor tätig gewesen sei. Dabei habe er immer die Interessen der blinden und sehbehinderten Schüler mitbedacht und vertreten.

„Jemand muss Entscheidungen treffen und die Menschen mitnehmen“, betonte Hans-Werner Lange, der Präsident des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV). Wenn das geschehe, dann werde das wie im Fall von Dunckers Wirken an der Blista zu einer echten Gemeinschaftsaufgabe. Duncker habe maßgeblich dazu beigetragen, dass die Faszination der Blindenstudienanstalt für Schüler und Eltern weiterbestehe.

Blindenstudienanstalt

Die Deutsche Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg existiert seit 1916. Gegründet wurde sie von Alfred Bielschowsky und Carl Strehl. Bielschowsky war 1912 als Direktor der Augenklinik nach Marburg gekommen. Dort wurde er mit dem Leid der Soldaten konfrontiert, die während des Ersten Weltkrieges durch Granatsplitter, Explosionen und Giftgas erblindet waren. Um ihnen wieder eine Lebens- und Berufsperspektive zu eröffnen, richtete er 1915 Kurse für Kriegsblinde ein. Er engagierte den blinden Studenten Carl Strehl (1886–1971), um die erblindeten Soldaten die Blindenschrift zu lehren. Gemeinsam mit Gleichgesinnten riefen sie 1916 den Verein blinder Akademiker Deutschlands ins Leben und gründeten letztendlich die Blindenstudienanstalt.

Die Blista ist heute eine auf die speziellen Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen ausgerichtete Bildungseinrichtung, die verschiedene Schul- und Berufsabschlüsse anbietet.

Beim Einsatz für eine inklusive Gesellschaft sei Claus Duncker kein Weg zu weit gewesen und er habe keine Chance ungenutzt gelassen, sich dafür einzusetzen. Das erklärte Ulrike Bauer-Murr, Vorsitzende des Verbandes für Blinden-und Sehbehindertenpädagogik (VBS). Duncker habe „die Sehenden sehen gelehrt, wenn es um Inklusion gegangen sei, ergänzte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Vier zentrale Bausteine der Ära Duncker nannte der stellvertretende Blista-Verwaltungsratsvorsitzende Andreas Bethke in seiner Rede: Duncker habe einerseits ein attraktives Lernumfeld durch Sanierung, Erweiterung und Neubauten geschaffen. Zudem habe der scheidende Blista-Direktor unter dem Gesichtspunkt der digitalen Barrierefreiheit für Blinde und Sehbehinderte eine leistungsstarke digitale Infrastruktur geschaffen. Außerdem habe Duncker die Angebote der Blindenstudienanstalt erweitert, indem er unter anderem die Seniorenberatung geschaffen und ein Beratungsbüro in Frankfurt aufgebaut habe. Auch die enge Verzahnung mit den Selbsthilfe-Organisationen sei ihm ein echtes Anliegen gewesen.

„Er war Baumeister, Entwickler und Vordenker“, sagte Dunckers Nachfolger Patrick Temmesfeld. Es sei zwar schade, dass Duncker die Einweihung des neuen Schulbaus für flexibles, modernes Lernen aufgrund der Bauverzögerung wegen Corona-Krise und Ukrainekrieg nicht mehr als Chef miterleben könne. Aber dieser Bau werde trotzdem seine Handschrift tragen.

Musik zum Abschied

Seine schönsten Erinnerungen an die Blista seien immer mit dem Kontakt zu den Schülern verbunden, sagte der scheidende Blista-Chef. Und die ließen ihn auch beim Abschied nicht allein. So sang die Blista-Showband „Blind Gold“ – teilweise begleitet vom Gitarrenensemble der Fünftklässler – Songs zum Abschied, und eine große Abordnung von Schülern war in der Stadthalle live mit dabei.

„Es war mir eine Ehre und eine Freude, mit dem Blista-Team zusammenzuarbeiten“, sagte Duncker noch zum Abschied, ehe dann eine echte „Staffelübergabe“ erfolgte, in der er einen kompakten Blindenstock an seinen Nachfolger weitergab.

Und nun muss „der Neue“ ran und in Dunckers große Fußstapfen treten. Doch immerhin ist Patrick Temmesfeld der „Blista-Gemeinschaft“ bereits seit 2019 als stellvertretender Blista-Direktor in Marburg. Zuvor war er 26 Jahre im Schuldienst, unter anderem in Friedberg und in Nürnberg.

Von Manfred Hitzeroth

29.06.2022
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