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Marburg „Die Barrieren sind in den Köpfen der Menschen“
Marburg „Die Barrieren sind in den Köpfen der Menschen“
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19:59 09.06.2020
Einkaufen für Sehbehinderte – Sören Michel bedient Mirien Carvalho Rodrigues beim Einkauf im Rewe am Richtsberg mit Hund Unar und Savo Ivanic. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wenn Mirien Carvalho unterwegs ist, dann ist sie das selbstbestimmt und lösungsorientiert. Genauso macht es auch Savo Ivanic. Während die 51-Jährige von Geburt an blind ist, kann der 47-Jährige noch Farben und Umrisse erkennen.

Die derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen sind für die beiden Marburger dennoch zusätzlich herausfordernd. Sie müssen sich darauf verlassen, dass ihre Mitmenschen den Abstand korrekt einhalten. Und auch, dass ihnen einer die Regeln mitteilt, die derzeit häufig in gedruckter Form an den Eingangstüren hängen.

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„Für mich gelten keine Sonderregeln. Das will ich auch nicht“, betont Savo Ivanic. Wenn er Hilfe braucht, dann fragt er eben. „Ich fühle mich nicht hilflos, wenn ich jemanden anspreche. Außerdem ist es meine Pflicht meine Hilfsmittel mitzunehmen, die mich auch ein Stück weit unabhängig machen.“

Damit meint er beispielsweise ein spezielles Fernrohr oder eine elektrische Leselupe, mit der der gedruckte Text so vergrößert wird, dass er ihn lesen kann.

Apps lesen Texte vor

Oder auch die vielen unterschiedlichen Apps fürs Smartphone, die unter anderem Texte vorlesen und vor allem an fremden Orten per Sprachausgabe den Weg weisen. „Ich bin doch trotz Behinderung ein selbst handelnder Mensch und kein Hilfsobjekt. Und bevor es für mich zu einem Krampf wird, ergreife ich lieber die Initiative und frage nach.“

Sehende würden in einem großen Supermarkt schließlich auch die Mitarbeiter nach dem richtigen Gang oder Regal fragen, wenn sie sich nicht auskennen. Denn in Märkten oder in der Umgebung, die sie kennen, kommen sie gut klar. Im Rewe am Richtsberg ist Mirien Carvalho bekannt. Wenn sie den Markt mit ihrem Führhund Unar betritt, dann macht sie sich bemerkbar.

Marktmitarbeiter Sören Michel reagiert und bugsiert das Gespann am Kopf des Einkaufskorbes durch den Laden. „Blinden oder auch anderen Menschen mit Beeinträchtigungen assistieren wir bei uns im Markt immer“, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit.

Lieblingsschokolade ist schon bekannt

Mittlerweile weiß er, was die Marburgerin gerne einkauft, berät sie aber dennoch, wenn es Angebote gibt. Sogar ihre Lieblingsschokolade hat er griffbereit. „Wenn es überall so wäre wie hier, dann bräuchten wir gar nicht drüber reden“, sagt die Dolmetscherin. Für sie ist die geplante Schließung des Marktes ein großer Verlust und fragt: „Ob der neue Discounter uns auch assistieren wird?“ Schließlich gebe es gerade am Richtsberg viele Menschen mit einer Sehbehinderung.

Mit der ortsansässigen Apotheke nimmt sie derzeit vor dem Besuch telefonisch Kontakt auf, erfragt, ob die Medikamente da sind und wie viel Geld sie mitbringen soll. „Das habe ich dann abgezählt dabei“, erzählt Mirien Carvalho, die zu einem abgesprochenen Zeitpunkt die Apotheke aufsucht. Eine Mitarbeiterin kommt dann vor die Tür zur „Übergabe“. „Ich kann ja nicht sehen, wie viele Menschen sich schon in dem Raum aufhalten“, erklärt die Marburgerin.

„Auf nette Art rausbugsiert“

In anderen Geschäften mit Beschränkungen fragt sie an der Tür nach und wird dann auch schon mal „auf nette Art und Weise rausbugsiert“, sagt sie lachend. „Das ist doch kein Problem. Wie Savo schon gesagt hat, für uns gelten keine Sonderregeln.“

Bus fahren vermeidet sie in Corona-Zeiten allerdings, geht dafür viel spazieren, auch wegen Unar. „Ich kann ja nicht sehen, ob der Fahrgast neben mir eine Maske trägt. Wir sind darauf angewiesen, dass sich die Menschen um uns herum an die Regeln halten“, appelliert sie an die Mitmenschen.

Mirien Carvalho und Savo Ivanic hadern nicht. „Wir kommen zurecht“, sagen beide. Hilfe in Anspruch zu nehmen ist für sie kein Zeichen von Hilflosigkeit. „Es geht um meine Unabhängigkeit und deswegen suche ich mir Hilfe“, betont der Marburger und schiebt noch hinterher: „Die Augenhöhe ist doch entscheidend.“

Von Katja Peters