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Marburg Drachenherz hilft Kindern suchtkranker Eltern
Marburg Drachenherz hilft Kindern suchtkranker Eltern
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00:17 13.04.2019
Wenn Eltern trinken, brauchen Kinder besondere Unterstützung. Das Projekt Drachenherz vom Blauen Kreuz in Marburg hat sich darauf spezialisiert. Quelle: Themenfoto: Nadine Weigel
Marburg

Noels Mutter liegt auf der Couch, der Zehnjährige sitzt daneben im Sessel, beobachtet genau. „Komm her, mein Schatz“, lallt sie. Noel (Name von der Redaktion geändert) steht auf, legt sich zu ihr. Seine Mutter nimmt ihn in den Arm, sie riecht nach Alkohol und Zigarettenqualm. „Sag, dass Du mich liebst“, sagt sie fast fordernd. „Ich bin doch deine beste Mama, stimmt’s?“

Noel genießt die körperliche Zuneigung, die er so selten erfährt. Aber er weiß auch, dass dies nur ein kurzer Moment der Nähe ist. Gleich wird ihn seine Mutter wegschubsen. Sie muss dann wieder trinken. Die Wodkaflasche wird später leer sein und seine Mutter auf der Couch einschlafen. Gespräche gibt es keine mehr. Noel putzt sich alleine die Zähne, zieht sich um, geht alleine ins Bett.

Schätzung: Drei Millionen betroffene Kinder, hohe Dunkelziffer

Insgesamt schätzt die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler die Zahl der von Sucht im Elternhaus betroffenen Kinder auf drei Millionen, geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus. Hinzu kommen geschätzte eine Million Kinder, die bei riskant trinkenden Eltern aufwachsen. Dabei spielt die soziale Schicht keine Rolle.

Das bestätigt auch Stefan Stark vom Blauen Kreuz in Marburg. Mit dem Projekt Drachenherz hat die Beratungsstelle in der Wilhelmstraße einen Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche suchtabhängiger Eltern geschaffen. Das spieltherapeutische Konzept wendet sich an Kinder ab vier Jahren und an Jugendliche bis 19 Jahre.

„Bei uns werden die Kinder nicht ausgequetscht“, sagt Stefan Stark, der seit elf Jahren in der Suchtberatung arbeitet. „Sie erzählen im Spiel und wir reagieren darauf“, erklärt er die Arbeitsweise von Drachenherz. Bei den Jugendlichen sind es Gespräche beim Tischkicker oder Darten. Die Begleitung dauert im Durchschnitt bis zu drei Jahre, kann aber auch länger gehen.

Ältere Kinder rutschen völlig in die Elternrolle

Etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen kommen von allein in die Beratungsstelle. Oft ist auch der Leidensdruck des nicht suchtkranken Elternteils so groß, dass dieser Hilfe sucht. „Aber wir versuchen immer, den Suchtkranken mit zu gewinnen, damit auch bei dem etwas in Gang kommt“, erklärt der 49-Jährige das Prinzip der Elterngespräche.

Am Morgen steht Noel auf, weckt seine Mutter, räumt die leeren Flaschen vom Wohnzimmertisch. Er deckt den Frühstückstisch, schmiert sich die Brote für die Schule, verlässt pünktlich das Haus. Seine Mutter drückt ihn zum Abschied und verspricht ihm, dass sie bald aufhören werde zu trinken. Im Unterricht ist der Junge oft abwesend, denkt an zu Hause, an seine Mutter, überlegt, wie er ihr helfen kann. In Gedanken macht er sich einen Plan für den Nachmittag – Küche aufräumen, Betten beziehen. Und er hofft, dass seine Mutter noch nicht zu betrunken ist, damit sie ihm helfen kann.

„In der Familientherapie nennt man das Parentifizierung“, erklärt Psychologin Katrin Schlötterer, die ebenfalls für Drachenherz arbeitet. Damit ist die Umkehr der sozialen Rollen zwischen Elternteilen und ihrem Kind gemeint. Heranwachsende übernehmen viele Aufgaben im Haushalt, bei Geschwistern sogar die Erziehung der jüngeren Schwester oder des Bruders.

Drachenherz

Drachenherz hat seine Räume in der Wilhelmstraße 8a in Marburg. Die Beratungsstelle ist unter 06421/23181 oder per E-Mail unter drachenherz@blaues-kreuz.de zu erreichen. Weitere Informationen sowie das Spendenkonto sind auf www.suchtberatung-blaues-kreuz-marburg.de zu finden.

Das passiert vor allem in Familien, in denen die Mutter süchtig ist. „Oft ist diese dann sozial nicht mehr vorhanden, die älteren Kinder rutschen völlig in die Mutterrolle.“ Das hat zwar zur Folge, dass die Kinder und Jugendlichen über hohe Kompetenzen in Sachen Haushaltsführung und Organisation verfügen, aber ihr eigenes Seelenleben bleibt völlig auf der Strecke. Das ganze Leben dreht sich nur noch darum, zu funktionieren, in der Hoffnung, dass es dem suchtkranken Elternteil dadurch besser geht.

„Sie kommen mit ihren eigenen Gefühlen nicht mehr klar, verlieren total den Bezug zu ihren eigenen Bedürfnissen – manchmal bis zur völligen Erschöpfung oder Zusammenbruch“, sagt Katrin Schlötterer. Das Drachenherz-Team versucht genau das zu verhindern, den Kindern und Jugendlichen stattdessen wieder einen Zugang zu sich selbst zu vermitteln. Sie geben ihnen Anerkennung, lassen Gefühle einfließen und reden darüber, was diese oder jene Situation mit den Heranwachsenden gemacht hat. „Das ist auch oft mit viel Trauer behaftet, wenn wir diese Prozesse anschieben“, weiß die Psychologin.

Wenn dann noch häusliche Gewalt dazukommt, „wird noch mehr zerstört. Diese Unvorhersehbarkeit, wann die betrunkene Mutter oder der betrunkene Vater zuschlägt, führt zu einer enormen Anspannung. Die Kinder und Jugendlichen sind nie wirklich in Sicherheit“, erklärt Stefan Stark. Oft kommen die Familienmitglieder mit gemischten Gefühlen nach Hause, öffnen die Tür und gleichen innerhalb von nur wenigen Sekunden die Situation ab. Ist die Situation kritisch, agieren sie sofort deeskalierend, werden zum Puffer.

Tagebuch schreiben, malen, Besuche bei Freunden

Als Noel nach Hause kommt, ist seine Mutter überschwänglich freundlich, begrüßt ihn theatralisch, fragt, wie es in der Schule war. Während der Junge erzählt, räumt er nebenbei die Küche auf. Seine Mutter trinkt aus der Wasserflasche. Noel weiß, dass dort kein Wasser drin ist, sagt aber nichts. Er will keinen Streit, damit die Nachbarn nichts mitbekommen. Freunde hat er schon lange nicht mehr zu sich nach Hause eingeladen. Niemand soll wissen, dass seine Mutter eine Trinkerin ist.

Die Enttäuschung, dass sie kürzlich seinen Auftritt mit der Schulband verpasst hat, weil sie wieder getrunken hatte, sitzt noch tief. Manchmal wenn er es nicht mehr aushält, dann kippt er einfach den ganzen Alkohol in die Toilette. Aber seine Mutter hat immer wieder Verstecke in der Wohnung, die er noch nicht kennt.

Team hat 2018 rund 500 Gespräche geführt

„Wir erklären den Kindern, dass sie nicht Schuld an der Sucht sind, erklären ihnen die Krankheit, damit sie ein besseres Verständnis bekommen“, sagt Stefan Stark. Andere Bezugspersonen aus der Familie, wie beispielsweise die Großeltern, können oft den Liebesentzug ausgleichen, Nähe und Geborgenheit geben. „Tagebuch schreiben, malen, viele Besuche bei Freunden, reden – all das hilft mit der Situation klar zu kommen“, rät Katrin Schlötterer.

Die Betreuung bei Drachenherz endet nicht mit einem möglichen Entzug des suchtkranken Elternteils. Es werden Rückfallgespräche geführt, Notfallregelungen besprochen, Schutzräume geschaffen. „Die Angehörigen müssen auf solche Situationen vorbereitet sein“, weiß Stefan Stark. Zusammen mit seinen Kolleginnen hat er im vergangenen Jahr 500 Gespräche mit Familien, Eltern und Kindern geführt – Tendenz steigend. „Je früher wir kontaktiert werden, umso schneller können wir helfen.“

von Katja Peters

Noels Geschichte

Noels Geschichte basiert auf Berichten der Drachenherz-Mitarbeiter über Schicksale, denen sie in ihrer Arbeit mit den Kindern suchtkranker Eltern begegnen.