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Marburg Marburger spricht über seine Rassismus-Erfahrungen
Marburg Marburger spricht über seine Rassismus-Erfahrungen
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10:11 10.06.2020
Der Marburger Liban Farah spricht über seine persönlichen Rassismus-Erfahrungen. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Liban Farah sitzt auf der Treppe am Marktbrunnen. Er tippt auf dem Handy, so wie um ihn herum das mancher andere auch tut. Dabei bemerkt der 26-Jährige nicht, wie die Blicke einiger Fußgänger immer wieder an ihm, ausgerechnet an ihm hängenbleiben. Flüchtige, kurze Momente und wohl meistens ohne bösen Willen; aber doch zeigt es, dass Liban Farah anders ist als die meisten vorbeispazierenden Menschen. Die Hautfarbe des Marburgers ist nicht weiß, er hat eine dunkle Hautfarbe – und viele Erfahrungen mit Rassismus. „Es gibt so viel Unschönes und es passiert immer wieder – die wohl prägendsten, die wirklich in Erinnerung bleibenden Erfahrungen stammen aber aus der Kindheit, vor allem was in der Schule passiert ist“, sagt der in Süddeutschland geborene Farah. Die Schuldirektorin, die ihn auslachte, als er nach dem Realschulabschluss auf ein schweres Gymnasium wechseln wollte.

Bestenfalls eine Zwei

Die Lehrerin, die ihm vom Studium abriet und irgendeine Ausbildung nahelegte. Der Lehrer, der ihm trotz aller Top-Leistungen bestenfalls eine Zwei im Zeugnis gab. „Wenn gerade diejenigen, die einen schützen und fördern sollen, so etwas machen, dann ist das sehr verletzend. Für Menschen wie mich, also denen mit Migrationshintergrund, ist das sehr früh sehr sehr traumatisierend.“ Denn irgendwann, und das schon in jungen Jahren, beginne man als Dunkelhäutiger zu merken, dass gerade im Bildungsbereich viele Vorurteile, Diskriminierung, Rassismus am Werk seien. Es gebe speziell einen „Widerwillen zur Förderung“ – was nach der Schule die Perspektive und damit Lebensqualität eintrübe, von der Job- bis zur Wohnungssuche.

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So auch bei ihm: Als Farah vor wenigen Jahren – das Abi in der Tasche und fit für die Uni – einen Mietvertrag für seine Studentenbude haben wollte, habe die Vermieterin ihn lange gemustert und ihm dann zwar die Zusage gegeben. „Verbunden mit dem Satz, dass sie eigentlich keine Ausländer nehme und lieber an deutsche Studentinnen mit reichen Eltern vermieten würde. Da ich mich aber so gut benommen habe, bekomme ich sie.“ Die Klassiker, auf Herkunft oder positiv überrascht auf Sprachkenntnisse angesprochen zu werden, erwähnt der in Frankfurt arbeitende Farah fast beiläufig. „Das kommt so oft vor, da gehe ich fast schon routiniert mit um. Als ich im Vertrieb gearbeitet habe, habe ich auch bemerkt, dass das echt nicht nur von älteren Leuten kommt, sondern dass das quer durch geht.“ Er habe auf den „Sie sprechen aber gut Deutsch“-Satz umgehend eine Standardantwort: „Ja, Sie aber auch.“ Das werde oft nicht verstanden, im Gegenteil, es folge meist: „Wo kommen Sie her?“ Er antworte dann „Aus Marburg. Aus Baden-Württemberg.“ Wer das Problem dann noch nicht begreife, wenn der Gegenüber offenbar auf Biologie, auf Gene, Kultur, Identität und Wurzeln hinaus wolle und dabei „mindestens unhöflich“ sei, dann antworte er entsprechend, spiegele das Verhalten.

Anerzogene Angst

Anders bei Menschen, die bei Dunkelheit die Straßenseite wechseln, wenn sie ihn sehen. „Am liebsten würde ich zwar hingehen und denjenigen ansprechen, wieso er das macht. Aber man wird nur Ausreden hören, nicht die Wahrheit: Weil du schwarz bist.“ Es sei „in vielen offenbar eine grundsätzliche, gelernte, anerzogene Angst vorm jungen schwarzen Mann drin“. Je älter er werde, desto mehr er sich mit der Frage beschäftige, desto mehr falle ihm der Alltags- und der strukturelle Rassismus auf. „Ich gewöhne mich nicht an solche Sachen und will es auch nicht. Im Gegenteil, sie stören mich immer mehr.“

von Björn Wisker

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