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Marburg Bismarckstraße umbenennen? „Das wäre ahistorisch“
Marburg Bismarckstraße umbenennen? „Das wäre ahistorisch“
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09:57 03.09.2020
Ein Blick auf die Archivschule Marburg in der Bismarckstraße 32. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Neuer Impuls für die mögliche Umbenennung der Bismarckstraße: Die Hochschule für Archivwissenschaft, die ihren Sitz in der Südviertel-Straße hat, steigt in die Diskussion ein, verteidigt die historische Namensgebung für mehrere Südviertel-Straßen – und unterbreitet dennoch einen konkreten Vorschlag, falls es zu einer Umbenennung kommen sollte.

Dr. Irmgard Christa Becker schaut aus dem Fenster. Es ist ein hohes Fenster, typisch Altbau, das den Blick auf Marburgs aktuell heiß diskutiertes Schild erlaubt: In weißer Schrift auf blauem Hintergrund steht Bismarckstraße darauf.

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Becker ist Leiterin der Archivschule, die sich in den vergangenen Wochen fachlich und geschichtlich mit der Forderung des Marburger Jugendverbands der Föderation demokratischer Arbeitervereine (Didf) auseinandergesetzt hat.

Resümee: Eine Überprüfung der Benennung von Straßen, Plätzen und Gebäuden unter der Fragestellung, ob die bislang gewürdigten Personen durch rassistisches Gedankengut aufgefallen sind, sei „grundsätzlich begrüßenswert und auch überfällig“, sagt Becker.

Straßennamen spiegeln Geschichte wider

Man wolle angesichts der in Marburg laufenden Diskussion eine „eigene fachliche Expertise in der Frage Bismarck beisteuern“. Denn tatsächlich, so das Resümee der Geschichtskenner, sei die Person Bismarck und sein Handeln „zeitbezogen zu werten“. Daher sei die Didf-Forderung „historisch undifferenziert, wenn nicht gar unhistorisch“. Zumal das Südviertel vor allem ab etwa 1870 geplant und erbaut wurde. Die Namen Bismarck, Wilhelm und Friedrich verweisen auf diese Zeit. Sie spiegelten also auch die Geschichte des Südviertels selbst wider.

Straßenumbenennungen sollten grundsätzlich auf einem allgemeingültigen Konzept beruhen, in dem Ziele und Kriterien nachvollziehbar benannt werden, nach denen Umbenennungen erfolgen. Teil eines solchen Konzeptes müsse ein historisches Gutachten über die fragliche Persönlichkeit sein – wie das vor wenigen Jahren bei Walter Voß und dem letztlich in Katharina-Eitel-Weg umbenannten Walter-Voß-Weg geschehen sei.

Ortsbeirat stimmt gegen Umbenennung

Sollte es für die Bismarckstraße ein Geschichtsgutachten geben und das zu entsprechend kritischen Ergebnissen kommen, hat die Archivschule einen Alternativvorschlag parat: Ludwig-Dehio-Straße. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei er der erste Direktor des Marburger Staatsarchivs wie auch der Archivschule gewesen. Nicht nur sei er politisch unbelastet, sondern auch Wegbereiter einer neuen Sicht auf die deutsche Geschichte gewesen.

Unterdessen hat der Ortsbeirat Südviertel auf Initiative von Manfred Jannasch (CDU) einen Beschluss gefasst, der eine Bismarckstraßen-Umbenennung verneint. „Straßennamen historischer Persönlichkeiten, die aus heutiger Sicht geschichtlich fragwürdig sind, umzubenennen oder Denkmäler abzureißen und zu stürzen, ist aus vielerlei Gründen nicht zielführend, ja sogar kontraproduktiv“, ist der Wortlaut des Antrags.

Eine Umbenennung der Straße ändere nicht die Geschichte, sie verhindere sogar die kritische Auseinandersetzung damit und belaste überdies die betreffenden Anwohner „in erheblichen Maße“. Die Haltung gegen eine Umbenennung stehe aber einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit nicht im Wege.

„Kein Mensch ist nur gut, tut nur Gutes“

„Die Argumente für den Straßennamen-Erhalt sind einleuchtend, es ist dem Zeitgeist geschuldet. Wer in Marburg geehrt ist, obwohl er Unrecht getan hat – da müssten wir zuerst an den Namensgeber der Philipps-Universität ran“, sagt Dr. Theresia Jacobi, Ortsbeiratsmitglied.

„Kein Mensch ist nur gut, tut nur Gutes. Lässt man bei Menschen keine Ambivalenzen mehr zu, darf man keine Person mehr ehren“, sagt Heike Bartsch, Ortsbeiratsmitglied. Ortsvorsteherin Antje Tietz sieht das anders, sie würde die von der Didf-Jugend angestoßene Bismarckstraßen-Debatte gerne zum Anlass nehmen, sich Straßennamen und Plätze, das Wirken der geehrten Personen genauer anzuschauen.

Archivschulen-Leiterin: Teil unserer Kultur

„Unter Umständen sollte man Bilder stürmen, Denkmäler stürzen, zumindest offen für weitere Diskussionen sein“, sagt sie und verweist neben Bismarck auch etwa auf Ernst Moritz Arndt. „Man kann sich also schon vorstellen, andere Namen zu suchen. Aber wenn solche Schritte nicht auf Akzeptanz im Viertel stoßen, kann und sollte man das nicht durchdrücken.“

Wilhelmstraße, Wilhelmsplatz, Friedrichstraße und Lutherstraße: Würde man in dieser Logik fortfahren und bei Bismarck ansetzen, müssten in Marburg gleich mehrere Orte umbenannt werden, so die Archivschule. Selbst die Elisabethkirche und Elisabethschule: Namenspatronin ist die Heilige Elisabeth, sie verhielt sich ebenfalls undemokratisch – ein Grund für eine Umbenennung?

„Straßenbenennungen sollen aber nicht nur die aktuellen kulturellen Wertvorstellungen der Gesellschaft repräsentieren“, sagt Becker. Dokumentationen von historischen Prozessen und Prägungen seien ebenfalls Teil der deutschen Kultur.

Ziel ist Symbol für Antirassismus

„Wir wollen die Umbenennung der Bismarckstraße im Südviertel“: Als die in den USA ausgelöste Debatte zur Kolonialgeschichte Deutschland erreichte, erhob der „Jugendverband der Föderation demokratischer Arbeitervereine“ (Didf) in Marburg diese Forderung.

„Das Thema Rassismus ist gerade präsent wie selten. Doch immer wenn etwas Schlimmes passiert, es Tote oder Verletzte gibt, wird eine Demo gemacht, Kundgebungen abgehalten, aber daraus resultiert nichts. Uns genügt das nicht mehr, wir wollen Taten sehen, nicht nur Zeichen setzen“, sagte Eren Gültekin, Didf-Jugend-Vorstandsmitglied, damals im OP-Gespräch und forderte auch ein Mahnmal für die Opfer von Rechtsterrorismus.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) zeigt sich offen für eine Umbenennungsdebatte, einen offiziellen Antrag an politische Gremien hat es allerdings bis heute nicht gegeben.

Von Björn Wisker

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