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Marburg Windrad Michelbach: Können heißt nicht müssen
Marburg Windrad Michelbach: Können heißt nicht müssen
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19:58 01.05.2020
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Michelbach

Auch auf OP-Nachfrage hält sich der Windkraft-Investor UKA Meißen bedeckt mit seinen Aussagen. Die Pressestelle bestätigt, dass „die unabhängigen Gutacher sämtliche naturschutzfachlichen Kartierungsarbeiten zum Abschluss bringen konnten“ und „die Ergebnisse für die Entwicklung des Anlagenstandortes günstig sind“. Sie würden nicht darauf hinweisen, dass naturschutzfachliche Belange dem Projekt entgegenstehen. Um welche Belange es hier geht, das wird nicht näher beschrieben. „Aber genau das wäre im Detail wichtig für uns, um zu verstehen, was geprüft wurde“, sagt Thomas Riedel von der Bürgerinitiative Windkraft Görzhausen (BI). „Da der favorisierte Bereich von Vögeln jeglicher Art hoch frequentiert ist, wäre es interessant zu wissen, was genau man seitens UKA hier angeschaut hat“, ergänzt er noch. Für die BI wäre ein Schwerpunkt das hohe Vorkommen von Fledermäusen und verschiedener Greifvögel, deren Horste in der Vergangenheit in Eigeninitiative gesucht und kartiert wurden.

Schon heute geht man davon aus, dass in Deutschland pro Jahr etwa 100 000 Vögel durch Windturbinen getötet werden. Der Naturschutzbund Nabu sieht aber auch in anderen Gebäuden eine Gefahr für die Vögel. Laut seinen Berechnungen sterben jedes Jahr deutschlandweit 100 Millionen Vögel am sogenannten Glasschlag, also der Kollision mit Glasscheiben. Der BUND geht von 18 Millionen Vögeln jährlich im Bundesgebiet aus.

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Die Windhöffigkeit wurde seitens UKA „aufgrund bereits bestehender umfangreicher Winddaten aus der Umgebung untersucht“. Diese erste Analyse sei essenziell für den Energieparkentwickler. Dennoch würde erst „im weiteren Projektfortschritt eine Windmessung am Standort durchgeführt, um die genaue Stromproduktion vorhersagen zu können“. Für Thomas Riedel macht das wenig Sinn: „Ohne den Nachweis der realen Windhöffigkeit am Standort ist dieses Windrad eines Investors aus Sachsen meines Erachtens ein reines industrielles Investitionsobjekt. Unter dem Deckmantel der ,Nachhaltigkeit’ wird eine durch den Staat hochsubventionierte einzelne Anlage geplant und den Bürgern sowie den Standortfirmen vorgesetzt.“

Ab einer Windgeschwindigkeit von etwa drei Metern in der Sekunde kann ein Windrad Strom erzeugen. Je höher die Windgeschwindigkeit, desto produktiver ist das Rad. Und je größer die Rotoren und je höher das Windrad steht, desto mehr Energie kann gewonnen werden. Das Rad in Michelbach wäre nach Berechnungen der BI fast 600 Meter über Normalnull, weil der mögliche Standort allein schon etwa 340 Meter hoch ist.

„Zeitnah“ soll nun ein Antrag auf Genehmigung bei der Genehmigungsbehörde eingereicht werden. Mit der trifft sich der Investor wohl demnächst vor Gericht. Denn „UKA hat aus diversen formalen Rechtsgründen gegen die Gewährung der Einsichtnahme in Gutachten durch das Regierungspräsidium Gießen geklagt“, so die Pressestelle. Dabei geht es laut OP-Recherche um das Verfahren der Windräder in Niederasphe, die zusammen von UKA Meißen und dem ursprünglichen Investor in Michelbach, der Firma Krug, geplant werden. Auf OP-Nachfrage bestätigt das Regierungspräsidium die Klage: „Hier wurden zwei Anträge auf Zugang zu Umweltinformationen nach dem Hessischen Umweltinformationsgesetz (HUIG) gestellt bezüglich diverser Gutachten des immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahrens Windpark Niederasphe der UKA Meißen“, erklärt Thorsten Haas, stellvertretender Pressesprecher. Weiterhin teilt er mit: „Die UKA Meißen hatte im Rahmen der Anhörung einer Zugänglichmachung der Gutachten nicht zugestimmt. Da die von der UKA Meißen vorgebrachten Ablehnungsgründe (Urheberrechte sowie Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse) nach hiesiger Auffassung nicht vorliegen, wurden beide Anträge von uns positiv beschieden. Die Zugänglichmachung der Gutachten erfolgt jedoch erst nach Bestandskraft der HUIG-Bescheide. Gegen beide Bescheide hat die UKA Meißen Klage erhoben.“

Die Pressestelle aus Meißen informierte auch, dass das Klageverfahren ebenfalls „zeitnah“ zum Abschluss gebracht wird. Das hofft auch Thomas Riedel: „Wenn die Klage gegen das Regierungspräsidium zu lange dauert, dann könnten die Windräder in Niederasphe oder das bei uns schon stehen, und danach wird erst entschieden, ob Informationen weiter veröffentlicht werden dürfen.“ Er sieht in der Klage einen cleveren Schachzug, hat der Investor aus Sachsen doch erst einmal Zeit gewonnen und lässt weitere Beteiligte, eben wie die Bürgerinitiativen, weiter im Dunkeln tappen.

Der BI-Vorsitzende betont noch einmal: „Wir sind keine fundamentalistischen Windkraftgegner. Aber ein einzelnes Windrad im Wald, im Naherholungsgebiet mit nachteiligem Einfluss auf das Stadtbild sollte verhindert werden. Nur weil man es dort bauen könnte, muss man es nicht auch tun.“ Bisher können die BI-Mitglieder weiter nur spekulieren, was Typ und genauer Standort des Windrades angeht. Dabei ist das entscheidend was Schattenwurf, Lautstärke und natürlich auch den tatsächlichen Abstand zur Wohnbebauung angeht. Die in Aussicht gestellte Lockerung des 1000 Meter Mindestabstandes durch Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat es übrigens nicht in die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetz geschafft. Dafür gibt es aber einen guten Grund: Sie soll in das Baugesetzbuch aufgenommen werden.

Von Katja Peters

01.05.2020
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01.05.2020
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