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Marburg Biontech will Produktion deutlich erhöhen
Marburg Biontech will Produktion deutlich erhöhen
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18:02 30.03.2021
Die große Nachfrage nach Biontech-Impfstoff wirkt sich nun auch positiv auf die Geschäftszahlen des Mainzer Unternehmens aus – gestern stellte Biontech seine Bilanz vor (Themenfoto).
Die große Nachfrage nach Biontech-Impfstoff wirkt sich nun auch positiv auf die Geschäftszahlen des Mainzer Unternehmens aus – gestern stellte Biontech seine Bilanz vor (Themenfoto). Quelle: Friso Gentsch
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Mainz

Der Mainzer Corona-Impfstoff-Hersteller Biontech und sein US-Partner Pfizer peilen eine Ausweitung ihrer Produktionskapazität auf 2,5 Milliarden Dosen bis Ende dieses Jahres an. Das teilte das Mainzer Unternehmen am heutigen Dienstag (30. März) bei der Vorlage seiner Geschäftszahlen für das vergangene Jahr mit. Bislang war von zwei Milliarden Dosen die Rede.

Eine tragende Rolle bei dieser Erweiterung spielt das Biontech-Werk in Marburg. „Der Anstieg wurde hauptsächlich ermöglicht durch verbesserte Herstellungsprozesse, die Inbetriebnahme von Biontechs Produktionsstätte in Marburg, die Zulassung der Entnahme einer sechsten Impfdosis sowie durch die Erweiterung unseres Hersteller- und Lieferantennetzwerks“, erklärte das Unternehmen.

Herstellung genehmigt

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte vergangene Woche die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs am Standort Marburg genehmigt, nachdem sie die Produktion des mRNA-Wirkstoffs zuvor validiert hatte. Mit den Zulassungen ist die Produktionsstätte am Standort Behringwerke nach Biontech-Angaben eine der größten mRNA-Impfstoffproduktionsstätten in Europa und weltweit.

„Mit vollständigem Betrieb können hier jährlich bis zu einer Milliarde Dosen unseres Covid-19-Impfstoffs hergestellt werden“, teilte das Unternehmen vergangene Woche mit. Zudem habe Biontech durch optimierte betriebliche Abläufe, die im vergangenen Jahr eingeleitet worden seien, die erwartete jährliche Produktionskapazität um 250 Millionen Dosen erhöhen können.

Größter Kunde ist die EU

Basierend auf der Zulassung durch die EMA könnten nun erste Produktchargen des Impfstoffs an Partnerstandorte zur sterilen Abfüllung und Fertigstellung geliefert werden. Danach erfolge die Verteilung an die Europäische Union und andere Länder weltweit. Die ersten Chargen der am Standort Marburg hergestellten Impfstoffe sollen voraussichtlich in der zweiten Aprilhälfte ausgeliefert werden.

Bis zum 23. März lieferten Biontech und seine Partner weltweit mehr als 200 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs aus. Und das Auftragsbuch ist prall gefüllt: Für dieses Jahr haben Biontech und Pfizer nach eigenen Angaben feste Bestellungen über mehr als 1,4 Milliarden Dosen. Die größten Kunden sind die EU mit 500 Millionen bestellten Dosen plus eine Option auf weitere 100 Millionen, danach folgen die USA mit 300 Millionen Dosen.

Umsatz auf 482,3 Millionen Euro gestiegen

Die große Nachfrage beginnt sich nun auch positiv auf die Geschäftszahlen des Mainzer Unternehmens auszuwirken. So stieg der Umsatz in dem Ende Dezember abgeschlossenen Geschäftsjahr auf 482,3 Millionen Euro nach 108,6 Millionen im Jahr davor. Darin enthalten sind Erlöse in Höhe von 270,5 Millionen Euro durch den Covid-19-Impfstoff. Der Nettogewinn stieg auf 15,2 Millionen Euro, verglichen mit einem Nettoverlust von 179,2 Millionen im Jahr 2019.

Besonders auffällig ist die Entwicklung im vierten Quartal: In diesem Zeitraum, in dem der Impfstoff in den USA, in Großbritannien und der EU zugelassen wurde, lag der Nettogewinn bei 366,9 Millionen Euro, verglichen mit einem Nettoverlust von 58,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.

Mitarbeiterzahl gestiegen

Doch die wirklichen Auswirkungen auf das Geschäft werden erst jetzt und nicht beim Blick in die Vergangenheit klar. Finanzvorstand Sierk Poetting sagte am heutigen Dienstag (30. März) während einer Analystenkonferenz, Biontech gehe für dieses Jahr allein auf der Basis der bislang unterzeichneten Lieferverträge von 9,8 Milliarden Euro Umsatz aus. Dem stehen allerdings auch gestiegene Ausgaben für Forschung und Entwicklung und die Stand Ende Dezember auf 1.900 gestiegene Zahl von Mitarbeitern gegenüber.

Das Geld, das nun in die Kasse gespült wird, will Biontech ins laufende Geschäft und vor allem in die Forschung stecken. „Wir sehen eine enorme Chance darin, Einnahmen aus unserem Covid-19-Impfstoff in die Forschung zu reinvestieren“, sagte Vorstandschef und Unternehmensmitgründer Ugur Sahin. Biontech treibe die Entwicklung seiner Ansätze für „Immuntherapien der nächsten Generation“ weiter voran. Dabei geht es um Krebstherapien, Infektionskrankheiten, regenerative Therapien, Entzündungsreaktionen sowie Autoimmunerkrankungen samt Allergien.

Aktie legt gut 5 Prozent zu

Die Börse reagierte positiv auf die Unternehmenszahlen. An der New Yorker Nasdaq legte der Kurs der Biontech-Aktie bis 16.15 Uhr MESZ um gut 5 Prozent auf 100,62 Dollar zu. Damit ist der Wert einer Biontech-Aktie seit dem Börsengang des Unternehmens im Oktober 2019 um mehr als das Sechsfache gestiegen.

Ugur Sahin gegen Rückhalten des Impfstoffs

Biontech-Mitbegründer Ugur Sahin hat sich für ein flottes Verwenden des vorhandenen Impfstoffs ausgesprochen. „Man sollte alle Impfstoffe, die man hat, möglichst schnell verimpfen. Auch im Vertrauen darauf, dass neue Impfstoffe wöchentlich geliefert werden“, sagte er in einem Interview von RTL/ntv.

Es solle kein Impfstoff für zweite Impfungen zurückgelegt werden.

„Ich schätze das Risiko, dass Impfstoffe jetzt nicht geliefert werden und die zweite Impfung bei Menschen aufgeschoben werden muss, als gering ein“, sagte der Chef des Mainzer Unternehmens Biontech.

Sahin sagte, die große Herausforderung der nächsten Wochen und eventuell auch der kommenden drei bis vier Monate werde sein, die Infektionszahlen so niedrig wie möglich zu halten – wenn es keine Trendwende gebe, „müssen wir nochmal in einen starken Lockdown reingehen“. Sollten alle Impfstoffe wie geplant geliefert werden und die Impfungen gut vorangehen, könne man zum Ende des Sommers wieder in eine Normalität zurückkommen und im Winter einen erneuten Lockdown vermeiden.

„Wir rechnen damit, dass wir ab Ende Mai auch einen Impfeffekt sehen werden.“

Von Michael Bauer und Andreas Schmidt

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