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Marburg Biontech-Gründer sind jetzt Ehrendoktoren
Marburg Biontech-Gründer sind jetzt Ehrendoktoren
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15:21 13.05.2022
Philipps Universität Marburg. Verleihung der Ehrenpromotion des Fachbereichs Medizin an Prof. Dr. Özlem Türeci und Prof. Dr Uğur Şahin (Gründer von BioNTech) am 12. Mai 2022 im Auditorium am UKGM Marburg.
Philipps Universität Marburg. Verleihung der Ehrenpromotion des Fachbereichs Medizin an Prof. Dr. Özlem Türeci und Prof. Dr Uğur Şahin (Gründer von BioNTech) am 12. Mai 2022 im Auditorium am UKGM Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Es war eine ungewöhnliche Verleihungszeremonie: Mit „Standing Ovations“ spendeten die geladenen Gäste – hochrangige Mediziner sowie Politiker der Region – am Ende den beiden Biontech-Gründern und Entwicklern des Corona-Impfstoffs ihre Anerkennung für ihre Leistung. Das vom Fachbereich Medizin jeweils mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnete Forscher-Ehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin hatte zuvor eindeutige Prioritäten gesetzt und auf ausdrücklichen Wunsch eine Postersession vor den Festakt gestellt, bei der Nachwuchs-Wissenschaftler im Dialog mit den Gästen ihre Forschungsergebnisse präsentieren konnten.

Gleichzeitig wurden Professorin Türeci und ihr Ehemann Sahin wie Staatsgäste behandelt. Personenschützer sorgten stets für ihre Sicherheit, und die Sicherheit der beiden Geehrten hatte höchste Priorität.

Worin die besondere Bedeutung der beiden neuen Ehrendoktoren der Philipps-Universität liegt, das skizzierte der Marburger Virologie-Professor Stephan Becker in seiner Laudatio. Der Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang 2020 in China habe zu einer traumatischen Situation geführt und der ganzen Welt vor Augen geführt, wie sehr auch die Verzahnung der globalen Gesellschaft die weltweite Verbreitung von tödlichen Viren begünstige. Mittlerweile seien an Covid-19 weltweit rund sechs Millionen Menschen gestorben.

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Impfen als einzige Chance

Schon von Anfang an sei klar geworden, dass die einzige Chance zum Stoppen der Pandemie die Verfügbarkeit von Impfstoffen gewesen sei. Es sei aber unsicher, ob und wie schnell ein Impfstoff zur Eindämmung der globalen Epidemie entwickelt werden könnte. Dieses sei dann in der Rekordzeit von nur einem Jahr erfolgt. Jene Leistung sei eng verknüpft mit dem Wirken von Türeci und Sahin. Das rechtfertige auch die vielen Ehrungen für das Forscher-Ehepaar.

„Was wie ein Wunder wirkte, das basierte aber auf dem Lebenswerk der beiden Wissenschaftler“, erläuterte Stephan Becker. Drei Jahrzehnte lang hätten sich die beiden Forscher dem Ziel verschrieben, auf individuelle Patienten zugeschnittene Immuntherapien gegen Krebs zu entwickeln. In jahrelanger Forschungsarbeit hätten sie einen MRNA-Impfstoff als Behandlungsoption entwickelt, dessen Wirksamkeit auch in klinischen Studien mit Melanom-Patienten bewiesen worden sei. Dafür entscheidend gewesen sei die Kombination aus Grundlagenforschung und Therapie-Wissen. Schließlich hätten Türeci und Sahin im Jahr 2008 ihre Firma Biontech gegründet.

Durch die Vorarbeiten aus der Tumortherapie seien dann im Jahr 2020 alle Zutaten vorhanden gewesen für eine MRNA-Therapie, die theoretisch auch auf die Bekämpfung der Viruserkrankung anwendbar gewesen sei.

Bereits seit dem Jahr 2014, als der letzte große Ebola-Ausbruch in Westafrika auftrat, kooperiert der Marburger Forscher mit Biontech. „Wir erlebten damals fassungslos, dass der Impfstoff-Kandidat nicht in klinischen Studien getestet war“, rekapitulierte Becker. Auch aufgrund dieser Erfahrungen habe er den Kontakt mit Sahin gesucht, um in einem gemeinsamen Projekt auf der Basis einer MRNA-Plattform Impfstoffe gegen hochpathogene Viren zu entwickeln. 

Einrichtung einer Produktionsstätte

Im Herbst 2020 kam Marburg dann auf eine andere Weise auf die „Biontech-Landkarte“, als das Unternehmer-Ehepaar dort eine Produktionsstätte für den Corona-Impfstoff am Behringfirmen-Standort errichten beziehungsweise umbauen ließ. „Diese unternehmerische Entscheidung für Marburg wird von vielen Menschen freudig begrüßt“, machte Professor Becker deutlich.

Mittlerweile wurden von dem Corona-Impfstoff „Made by Biontech“ insgesamt 3,4 Milliarden Dosen produziert, davon alleine 1,4 Milliarden Dosen in Marburg, berichtete Özlen Türeci. Zusammen mit ihrem Ehemann Ugur Sahin nahm sie die Zuhörer im Auditorium des Klinikums und im Online-Stream zu einem faszinierenden Werkstattbericht mit. Die beiden Forscher aus Mainz gewährten einen Blick hinter die Kulissen der Erfolgsstory.

Sahin erinnerte an die ursprüngliche Motivation, die hinter der Entwicklung des Krebs-Impfstoffs stand. Als „Arzt im Praktikum“ auf der Krebsstation habe er Anfang der 1990er-Jahre das erste Mal einem Patienten sagen müssen, dass es keine Möglichkeiten mehr gebe, den Krebs zu behandeln. Ausgehend von dieser Ohnmacht sei die Idee gekommen, das zu verändern und die Ideen aus der Grundlagenforschung schneller in die klinische Praxis umzusetzen.

Die Idee war es dann, auf das körpereigene Immunsystem und konkret die dendritischen Zellen im Kampf gegen Tumore zu setzen und Impfstoffe auf der Basis von Boten-Ribonukleinsäure (mRNA) zu entwickeln. „Aber auch ein kleiner Krebstumor beruht auf Milliarden von Tumorzellen“, machte Sahin die Dimensionen der Aufgabe klar. Jahrelange Forschung habe dazu beigetragen, die Potenz der Immunzellen zu erhöhen. Um die Kosten in Höhe von bis zu 40 Millionen Euro für die notwendigen klinischen Studien aufzubringen, hätten sie dann „aus Verzweiflung“ eine Firma gegründet.

Der Rest ist Geschichte. „Wir waren Ende Januar gut ausgerüstet und hatten eine Chance zu reagieren. Wir wussten nur, wir mussten schnell sein“, berichtete Türeci. So hieß das Vorhaben zur Entwicklung des Corona-Impfstoffs „Projekt Lightspeed“ (Lichtgeschwindigkeit). „Für Menschen, die Wissenschaft an die Menschen bringen wollen, ist es eine große Gnade, dass dabei ein funktionierender Impfstoff herauskommt“, resümierte die Forscherin.

von Manfred Hitzeroth

13.05.2022
15.05.2022
13.05.2022