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Marburg Billiger Wohnraum wird zum Luxus
Marburg Billiger Wohnraum wird zum Luxus
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12:54 03.08.2012
Da staunten die Marburger gestern nicht schlecht: Auf dem Gerhard-Jahn-Platz hatten Demonstranten ein Wohnzimmer mit Teppich, Sofa und Co. aufgeschlagen. Sie sammelten Unterschriften für niedrigere Mietpreise.
Da staunten die Marburger gestern nicht schlecht: Auf dem Gerhard-Jahn-Platz hatten Demonstranten ein Wohnzimmer mit Teppich, Sofa und Co. aufgeschlagen. Sie sammelten Unterschriften für niedrigere Mietpreise. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Kein Geld für die Miete? Keinen bezahlbaren Wohnraum gefunden? Mitglieder der Initiative „Recht auf Stadt Marburg“ wussten gestern Rat. Sie schlugen ihr „Wohnzimmer“ kurzerhand auf der Verkehrsinsel gegenüber der Elisabethkirche auf - und als die Polizei das als nicht angemeldete Demonstration wertete und zum Abbruch der neuen Bleibe aufforderte, klemmten die jungen Menschen kurzerhand ihr Sofa unter den Arm und zogen um auf den Gerhard-Jahn-Platz.

Mit der Aktion wollte die Initiative aufmerksam machen auf hohe Mieten und knappen Wohnraum in Marburg. „Durchschnittlich 8,50 Euro pro Quadratmeter Wohnraum in der Innenstadt sind einfach zu viel“, sagt Felix Meissner von der Initiative. Damit liege Marburg sogar deutlich über den Durchschnittsmieten in Frankfurt oder Berlin.

Meissner zitiert eine Studie des Deutschen Mieterbundes, nach der die Zahl der Wohnungen im hohen Preissegment um 27 Prozent gewachsen sei. „Marburg ist da keine Ausnahme“, sagt Meissner und verweist etwa auf die Campus-Bauten an der Stadtautobahn oder luxussanierte Wohnungen im Nordviertel. Bis zu 12,45 Euro Miete je Quadratmeter sind hier fällig, so Meissner. Und das Schlimmste: Billiger Wohnraum, geeignet für Studenten-WGs beispielsweise, wird verdrängt. 

„Recht auf Stadt Marburg“ fordert, in großem Umfang zusätzliche Wohnungen in Marburg zu bauen. „Selbst wenn man die 2100 Wohnheim-Plätze des Studentenwerks abzieht, braucht man in Marburg noch immer Wohnraum für 20000 Studierende“, sagt Meissner. „Recht auf Stadt“ ist die bundesweite Vernetzung sozialer Bewegungen vor allem in Groß- und Universitätsstädten. Sie fordern Mitbestimmung bei der Frage der Gestaltung der Städte, das Motto lautet: „Holen wir uns die Stadt zurück.“

Meissner jedenfalls sagt voraus, dass zu Beginn des Semesters wieder hunderte von Studierenden in Notunterkünften untergebracht werden müssen. Auf Facebook klagen viele OP-Follower über deutlich zu hohe Mieten in Marburg. 

Auch die Stadt sieht die Probleme: Im ehemaligen KreisJobCenter in der Uferstraße und im „Kilian“ am Schuhmarkt sollen Wohnungen für den Verein zur Förderung der Integration Behinderter (fib) und die Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie, aber auch für Studierende, geschaffen werden. Mit der Schaffung von 34 Wohnungen und damit 66 Plätzen in der Uferstraße 20 und den 21 Zimmern am Schuhmarkt 4, dem „Kilian“, werden „künftig Betten und Küchen stehen, wo vorher Schreibtische standen“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel. Er wertet diese Anstrengungen auch als „Entspannung der Situation auf dem studentischen Wohnungsmarkt, die sich durch die Auswirkungen von G8 in den nächsten Jahren noch verschärfen wird“, wie es in einer Pressemitteilung der Stadt heißt.

Die Mieten sollten erschwinglich sein:

Da die Umbauten öffentlich gefördert werden, ist ein Wohnberechtigungsschein erforderlich. Die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobau hat in diesem Jahr knapp 1.000 mietpreisgebundene Wohnungen in ihrem Bestand, wie Prokurist Matthias Knoche auf Nachfrage der OP mitteilte, das sind etwa 40 Prozent aller Wohnungen, die die Gewobau verwaltet. Im Schnitt aller Wohnungen zahlen Gewobau-Mieter gut 6,60 Euro pro Quadratmeter, einschließlich der Betriebskosten, aber ohne Heizung und Warmwasser.

Die Aufgabe für die Politik in Marburg wird nicht kleiner werden: Der Wohnraum in Marburgs Kernstadt wird künftig noch knapper werden, prognostiziert der „Regionale Konjunkturbericht Wohnungsmarkt Mittelhessen“ des Instituts Wohnen und Umwelt. Das Institut sieht als Gründe hierfür vor allem den Zuzug von Studierenden und Berufsanfängern, die „von der außerordentlich günstigen Beschäftigungssituation profitieren können“, heißt es in der Studie weiter.

von Till Conrad