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Marburg Gewerkschaft fordert Wechselmodell an Schulen
Marburg Gewerkschaft fordert Wechselmodell an Schulen
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11:58 13.11.2020
Schüler betreten ein Schulgebäude. Quelle: Symbolfoto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp
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Marburg

Der Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, dass im gesamten Landkreis Marburg-Biedenkopf im Wechsel von Präsenz und Distanz, also im sogenannten Wechselmodell, unterrichtet werden soll. „Dieser Schritt ist längst überfällig“, schreibt der Kreisverband in einer Pressemitteilung. Als Grund gibt er den seit Tagen hohen Inzidenzwert der Corona-Neuinfektionen an. „Trotzdem folgt man nicht den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, das bereits ab einer Inzidenz von 50 eine Verkleinerung der Lerngruppen durch Teilen oder Wechselunterricht empfiehlt“, begründet die Bildungsgewerkschaft die Forderung. Auch würde in anderen hessischen Landkreisen mit kleinerer Inzidenz im Wechselmodell unterrichtet werden.

Burkhard Schuldt, Leiter des Marburger Schulamtes, findet die Forderung nicht berechtigt. „Der Blick allein auf den Inzidenz-Wert ist meiner Meinung nach nicht ausreichend. Man muss darüber hinaus gucken, ob die Schule wirklich ein Übertragungsort ist. Bisher konnte in keiner Schule im Bereich des Schulamtes Übertragungsketten nachgewiesen werden. Da muss man schon sehr genau hingucken“, erklärt er im OP-Gespräch. „Wenn wir feststellen sollten, dass eine Schule zu einem Infektionsherd wird, dann werden wir reagieren“, betont er und schließt eine komplette Schließung für zwei Wochen in diesem Fall nicht aus.

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Wie der Landkreis auf OP-Nachfrage hervorhebt, seien Schulen „keine Infektionsherde“. Aktuell gebe es im Kreis 80 aktive Corona-Fälle bei Schülern und zwölf Fälle bei Lehrern. „Dabei handelt es sich überwiegend um Einzelfälle: Im gesamten Zeitraum bis heute gab es nur vereinzelt, namentlich in nur drei Schulklassen, mehrere zusammenhängende Fälle“, so der Kreis. Quarantäneanordnungen seien zudem rückläufig, Ende Oktober waren noch mehr als 800 Personen im Zusammenhang mit Schulen in Quarantäne, aktuell seien es 365.

Das liege auch daran, dass im Falle eines positiven Tests nicht mehr die ganze Klasse, sondern lediglich der Sitznachbar und gegebenenfalls enge Freunde des betroffenen Kindes in Quarantäne geschickt werden. Grundlage dafür war die Stufe zwei des Konzepts des hessischen Kultusministeriums (eingeschränkter Regelbetrieb), also mehr Abstand, kein klassenübergreifender Unterricht oder Betreuung mehr, lüften nach Plan und Maskenpflicht ab der Sekundarstufe 1. Einen Übergang in die Stufe drei, und damit zum Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht, sieht auch der Schulamtsleiter kritisch: „In der Stufe drei ist die Bildungsgerechtigkeit infrage gestellt. Schüler werden aufgrund fehlender Ausstattung benachteiligt.“

Land Hessen hält an Präsenzunterricht fest

Diesen Grund führt auch der Elternbund Hessen gegen das Wechselmodell an, dass der Verband „als Mogelpackung zur Aufrechterhaltung der Schulpflicht“ wertet und vor Wissenslücken durch Distanzunterricht warnt.

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) bekräftigte gestern im Landtag erneut, unterstützt von den Grünen als Teil der Landesregierung, dass die Schulen in der Corona-Krise so viel Präsenzunterricht wie möglich anbieten sollten, solange es gehe. Für ihn gebe es keinen Grund, „dass bei hohen Infektionszahlen in Offenbach auch die Kinder im Vogelsberg zu Hause bleiben müssen. Solange es infektiologisch vertretbar ist, werde ich für jedes Kind an jedem Ort in Hessen um jeden Tag Präsenzunterricht kämpfen", sagte Lorz. Würden derzeit noch 97 Prozent in den Schulen unterrichtet, wären es beim Wechselmodell nur noch 50 Prozent der insgesamt 760 000 Schüler landesweit. Hinzu komme, dass beim Unterricht Zuhause dann auch wieder verstärkt die Eltern gefragt seien, die Beruf und Betreuung ihrer Kinder verbinden müssten.

Wie Monika Kruse, Vorsitzende des Kreiselternbeirats Marburg-Biedenkopf, berichtet, schätzt sie persönlich die Einstellung in der Elternschaft zum Wechselmodell als geteilt ein: „Ein Teil der Eltern würde das wahrscheinlich gut heißen, ein anderer nicht, alle Argumente haben aber ihre Berechtigung.“ Das hänge von verschiedenen Faktoren ab, etwa ob es einem Elternteil möglich ist, beruflich im Homeoffice zu arbeiten oder eben nicht. Die Meinungen gehen dann auch beim Unterrichtsmodell auseinander, das Thema Bildungsgerechtigkeit dürfe aber nicht untergehen, sagt Kruse und betont: „Denn wir leben nach wie vor in einem Land, in dem die Herkunft ausschlaggebend für die Bildung ist.“

Kreisschulsprecher für Wechselmodell

Und was sagen Schüler zu der Debatte um ihren Unterricht? Kreisschulsprecher Tizian Rückert spricht sich klar für den Mix aus Distanz- und Präsenzlehre aus: „Ich bin sehr für ein Wechselmodell, ich glaube, das Infektionsgeschehen an Schulen wird unterschätzt und ist höher, als man denkt“, sagt er und verweist auf eine große Enge, auf Klassengrößen von bis zu 30 Schülern und einer „riesigen Durchmischung“ im Schulalltag.

„Das ist nicht praktikabel und die Schüler*innen sehen ja, dass die Klassen sehr voll sind – außerhalb der Schule gilt dann wieder die Grenze von zwei Haushalten“, erklärt Rückert. Das könnten viele nicht nachvollziehen. Seinem Eindruck nach würden viele Schüler ein Wechselmodell gerade in den höheren Klassen befürworten, um sowohl die Lage in den Klassenräumen als auch in den Schulbussen zu entzerren.

Von Ina Tannert und Katja Peters

13.11.2020
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